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Die Wahrheit · 1928-10-19 · Heft 42 (19.10.1928) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 42 (19.10.1928)
Date
1928-10-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 nHininHRniiiKiiiiiHinH DIE WAHRHEIT jüdischen Bevölkerungsteilen eine Kluft künstlich errichtet wird. Wir sind Oesterreicher und haben uns immer als solche zu fühlen. Wir haben es selbst unserem Bundeskanzler, Dr. I. Seipe 1, als er in nicht mißzuverstehender Absicht von der „b odenständigen christlichen Bevölkerung" gesprochen hat, gesagt, daß uns in einem Lande, in welchem wir seit mehr als zwölf hundert Jahren seßhaft sind und an dem wir trotz aller Verfolgungen und Bedrückungen mit liebevollem Herzen festgehalten haben, die Bodenständigkeit nicht abgesprochen werden kann. Sie wurde von unseren Vätern, die ob ihres Glaubens gerädert, gefoltert, gemartert wurden und getreu ihrer Ueberzeugung den Scheiterhaufen bestiegen, mit ihrem Herzblut erworben. Das jüdischnationale Programm spricht ferner von der „Wiederaufrichtung und Erhaltungdes jüdischenVolkes". Wir fragen uns nach der Bedeutung dieser so schönen Redeformel. Das jüdische Volk lebt schon viel'e Jahrtausende, es wurde von den schwersten Schicksalsschlägen getroffen, es wurde viele Jahrhunderte hindurch gepeinigt, gemartert und verfolgt — und es lebt trotzdem. Es lebt durch seine eigene Kraft, durch seine felsenfeste Ueberzeugung von seiner weltgeschichtlichen Mission, durch seine Treue gegenüber der Bibel und ihrer heiligen Ueberlieferung. Wir sind aufgerichtet, heute eher denn je, aber wir wollen trotz alledem scharfen und streben, daß das jüdische Volk erhalten werde auf der stolzen Höhe, die es im Laufe der Geschichte erlangt hat. Das jüdischnationale Programm will uns die „Erhaltung des jüdischen Volkes" zur Pflicht machen, wahrlich dieses Volk lebt und wird, darin sind wir alle überzeugt, weiterleben bis ans Ende der Tage. Das alte „Dös gloab4 i, dös'd beim Nazi woast. Und wievüll Hump'n hoast leergemacht elendiger Lump?" „Oan anzigen, Toni — net mehr —--" „So? Bald's de lügst — do hoast es!" Und schwer klatschte ein Schirmgriff auf Bobberts Rücken. „Soag de Wahrheit, Bobbert, sonst schlag' i di'r ne Lung'nentzündung eini, dreckeler Pinscher!" „Je, je", jammerte Bobbert. „Zwoa woams!" „Soag de Wahrheit soag' i, sonst — — —" „Na — net mehr als drei--—" ..De Wahrheit will i wiss'n, du Saufvog'l!" Xoaß es guat sein. Alte — sechs woarn's!" „Und warum dös, Elendiger, hoast g'suffa?" „Weg'n de Poli'tik!" gluckste der Unglückliche. „Weg'n de Jud'n, weü's mi geärgert hab'n! Wteil's ganz schlimmete san! Weil i mi g'wurmt hab' vor Zorn, weil's mi g'brannt hat eini, wiä Herdfeuer, weil i ganz trock'n bin word'n, wia hölzerne Brett, weil's mi gedrückt hat hinterm Woams, wie vun heißet Steinli; do hoab i trink'n müass'n, wi'a a Wilder und do sans e Hump'n sieb'n word'n — weil i net anders hob kennt' — de Jud'n san dran schuld--—" „Sooo — de Jud'n? Nct's Bier, du B'suffener?" Und erbarmungslos krachte der Regenschirm auf die Schultern Bobberts — unbarmherzig schlug die Alt© drein und reuig nahm der Deliquent alles auf sich, was ihm ein unabwendbares Schicksal auf die Schultern legiie. Und endlich — krrreih — lag der Schirm auf dem Boden — geteilt in zwei Teile, als leuchtende Bestätigung des bisher unbekannten Naturgesetzes: ein Regenschirm, der Gefühle übermittelt, verfällt dem Untergang. Heil dir, du himmlisches Weibsbild, du hast die Sache einer Volkes ausgetochten. Und Landjägermeister Bobbert ging aus der Prozedur gereinigt und geläutert hervor, wie eine Köhlerkatze aus einem klaren Bach — und somit ward der Antisemitismus des Städtchens G. erledigt Wort „Austria erit in orbe ultima" war eine Täuschung, aber zur Wahrheit wird die Hoffnung werden, daß das Judentum erst mit dem Ende der Welten sein Dasein beschließen wird. Dasjenige aber, was uns am Leben erhält, und bis in die spätesten Zeiten erhalten wird, das ist kein Nationalismus, das ist unsere Religion, die aus unserer Bibel und unseren Heiligen Schriften resultierende ethische Einstellung und sittliche Reinheit. Diese unter allen Völkern zu verbreiten, ist unsere uns von Gott zugeteilte Aufgabe, und mit Recht sagt daher ein jüdischer Weiser des 15. Jahrhunderts: „Die Zerstreuung Israels ist eine göttliche Fügung, damit es die große Mission bewähren kann, die Völker mit dem ihm verliehenen Geiste zu erfüllen." So lange wir an diesem Geiste, das ist dem unserer Thora, festhalten, so lange werden wir leben, und wir müßten unsere Lebenskraft verlieren, wenn wir uns, was Gott verhüten möge, von diesem Geiste ab- und einem anderen zuwendeten. Ich habe heute zu Ihnen gesprochen von unserer großen Vergangenheit, von den Sorgen der Gegenwart und von unserer hoffentlich glücklicheren Zukunft. Wir, die wir jetzt leben, werden verschwinden von dieser Erde und wir werden vergessen werden nach einem alten tiefsinnigen Spruche: „Vergessen und vergessen werden, das ist des Menschen Los auf Erden"; aber wir sollen von dieser Welt scheiden in dem Bewußtsein: Wir haben alles getan, um die Zukunft dies Judentums zu sichern und das Erbe, das wir von unseren Vätern übernommen haben, ungeschmälert unseren Kindern zu übergeben. Vielleicht ist der 2. Dezember 1928, an welchem die Wahl für den Kultusvorstand eines der ersten jüdischen Gemeinwesen der Welt stattfinden wird, ein Lostag nicht nur für das österreichische, sondern für das ganze Judentum; vielleicht wird sich an diesem Tage unser und unserer Kinder Schicksal entscheiden. Darum bitte ich Sie, tun Sie alles, was in Ihren Kräften steht, erfüllen Sie Ihre Pflicht, damit diese Entscheidung im Sinne einer glücklichen Zukunft des österreichischen Judentums ausfallen möge! Die Juden und die Sittlichkeit. Von Dr. Siegfried Weinberg, Berlin. Die sozialen und wirtschaftlichen Umwälzungen des letzten Jahrzehnts haben die Diskussion über die Ehe, über die Stellung der Frau, über die sexuelle Not und über alles* was damit zusammenhängt, in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Dem Politiker, dem Arzt, dem Ethiker und nicht zuletzt jedem Laien brennen diese Fragen auf der Seele. Es handelt sich um Probleme, die tief in die Lebensgestaltung des einzelnen und der Gesamtheit eingreifen. Ein aus dem Chaos führender Weg ist noch nicht gefunden, mit großer Schärfe platzen die Ansichten aufeinander. Besonders groß ist gerade auf diesem Gebiet die Versuchung, einzelne Gruppen für alle wirklichen oder vermeintlichen Schäden -verantwortlich zu machen. Und wiederum sind die Juden behebte Sündenböcke. Der Vorwurf, die Juden seien die Urheber einer sittlichen Verantwortungslosigkeit, sie seien das zersetzende Ferment, will nicht verstummen — er

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