Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 42 (19.10.1928)
- Date
- 1928-10-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT MnniiiinHiiHiiiuniiiiiiiniiiiiwiiM werden solle, die in dem Lande ihrer Heimat nicht mehr bleiben wollen oder können. Wir haben diese Post in unser Budget aufgenommen, obwohl wir der Meinung sind, daß reichere und wirtschaftlich prosperierender« Länder, wie etwa die Vereinigten Staaten von Nordamerika, England u. a. m. eher in der Lage sind, das Aufbauwerk durch reiche Geldmittel zu fördern, als unser armes, selbst notleidendes Oesterreich, in welchem es so viele jüdische Arme und Hilflose gibt, die unserer Unterstützung harren, so viel Not und Elend zu lindern ist. Darum können wir den Erfolg des Aufrufes in den jüdischnationalen Blättern, in welchem zur verstärkten Arbeit für die Keren-Hajessod-Sammlung im Oktober-November aufgefordert wird, nicht freudigst begrüßen; das Ergebnis der letzten Sammlung bezifferte sich auf sechs Milliarden Kronen und mehr als zwei Milliarden wurden durch die Kosten der Sammlung aufgezehrt. Wir sind aber trotz der Unterstützung des Aufbauwerkes nach wie vor der Ansicht, daß unsere Heimstätte nicht bloß ein bestimmtes Land, nicht bloß das Land unserer Väter, dem wir alle in Liebe und Treue anhangen, sondern die ganze Welt ist. Ueberau, wo Juden wohnen, haben sie in dem Lande ihres Wohnsitzes ihre Heimstätte und sie arbeiten mit an der Wohlfahrt des Landes, in dem sie leben. Wir österreichische Juden haben Oesterreich zum Heimatland und kennen neben diesem Lande, das wir mit allen Fasern unseres Herzens lieben, keine „nationale" Heimstätte. Für das Judentum der ganzen Welt wird der schönste Tag dann angebrochen sein, wenn sich alle unsere Mitbürger sagen werden: Unsere jüdischen Mitbürger, die mit uns gelitten haben, die für das Wohl unseres Landes ebenso streben und leben wie wir, sie sind auch unsere wahrhaften Mitbürger, nicht lung Bobberts war so augenfällig, daß es ein Kind merken mußtet Er mied die jüdischen Läden, boykottierte die jüdischen Hausierer und achtete besonders scharf auf die Sauberkeit der jüdischen Hauswirte. „Sauba müss'n üe Straß'n sein." sagte er ohne jeglichen Grund, „sonst schreib' i an Zettel, ohne Gnad und Mülde!" Und er. der dfe Gerechtigkeit selbst war, sagte eines Tages zu einem jüdischen Bürger, der einen nächtlichen Kartoffeldiiebsitahl anzeiigte: „So. bestohl'n ham's di? Hast sonst wohl z'wenig? Da kann i nix machen, wenn's mir net den Dieb bringst---" Sogar den Vogel seines jüdischen Nachbars konnte er nicht leiden. Der Nachbar hatte wegen Platzmangel den Käfig an einen Nagel neben Bobberts Fenster gehängt. „Der Nagl muaß raus", bestimmte Bobbert. „Wenn'st an Vog'l hast, dann häng'n gefälli auf die andere Seiten, aber net an1 mei Haus!" Und als sich der Nachbar über das neue Gesetz wunderte, donnerte Bobbert: „Dös is Uebbergriff in fremden Besitz? Wann'st.net tuast, schreib' i an Zettel, Ferti!" Abends am Stammtisch hielt Bobbert politische Reden, wobei er ganze Sätize des antisemitischen Redners wiederholte. „Mit an eisern Bes'n muaß ma auskehr'n! Dös deutsche Vaterland muaß gesund'n, sag i! 's muaß frei werd'n von fremdem Joch! Bald's net anders wird, erstick'n mir im Dreck! De Feinde faU'n üba uns her. wia de Mück'n und von innen wer'n mir ausgesaugt vom jüdischen Polyp'n. sag i! Anders muaß es werd'n, vüll anders! Prost!" „Recht hast!, Bobbert," sagte der Schneidermeister Krantz. „Recht hast — aba. da ka ma nix mach'n, 's läßt sicli net ändern." „Woas?" fraglte Bobbert, „'s läßt sich net ändern? Dös woll'n mir mal sehen! Dös möcht' i sehen, ob's sich net ändern läßt! Mit an eisern Bes'n, sag' i, mit an eisern Bes'n!"* „Was hast denn bloß?" fragte der Wirt. „Was hab'n dir de Jud'n getan, Bobbeirt?" Bobbert richtete seinen Blick durchbohrend auf den Wirt „Nazi, frag' net 50 saudumm! Was sollen's mir denn PHl CENTRALKINO Wien II., Taborstrafie 8 — Tot. R 42-3-41 URAUFFÜHRUNG Pas Meisterwerk deutscher Filmkunst HEIMKEHR Regie: Joe May Beginn der Vorstellungen: 5, 7 und 9 Uhr weil das Oesetz, sondern weil unser Herz dies uns befiehlt. Dieser Tag wird die Krönung unserer Bestrebungen nach wirklicher, wahrer Gleichberechtigung bringen; dieser von uns ersehnte Tag, der kommen wird, wenn endlich die Ueberwindung der gegen uns noch bestehenden inneren Vorurteile, an der wir stetig und unverdrossen mitarbeiten müssen, erkämpft sein wird, wird aber nicht näher gerückt, wenn fortwährend von „nationaler" Eigenart, die doch, wenn von unserem religiösen Eigenlieben abgesehen wird, nicht gegeben ist, gesprochen wird. Deshalb lehnen wir auch alle Minoritätsrechte, jeglichen Minderheitenschutz, wie er von den Jüdischnationalen gefordert wird, entschieden und energisch ab. Wir weisen die Bezeichnung „n a t i o n a 1 e M i n o r i t ä t" ab, weil wir keine solche sind und uns nicht als solche fühlen, und weil wir glauben, daß durch eine politische Sonderstellung der jüdischen Bevölkerung in ganz unverantwortlicher Weise zwischen ihr und den nichtgetan hab'n? Nix habn's mir persönli getan — aber dem Vaterland habn's was angeitan. ganz was schlimm's, sag' i. Ausgesaugt habn's dös arme Vaterland, zugrund gericht' habn's es, aber richti--!" „Guat, Bobbert," sagte der Wirt. „Willst no a Humpen?" „No a Humpen, Nazi, — der Zorn brennt in mir, wia Kerz'n." Aber wunderbar war die „Kerz'n". sie brannte und brannte und wollte nicht ausgehen. Und noch ein Humpen und noch einer und immer wieder einer. Und Landjägermeister Bobbert bekam gläserne Augen und da der Alkohol bekanntlich frohe und schwere Gedanken erzeugt, bekam Bobberts Oberkjörper inklusive Kopf eine merkwürdige Schwere, so daß er das Gleichgewicht verlor und hhv und hersäekelte wie ein Pendel. Und als die Uhr eins schlug, besann sich Bobbert seines Amtes, machte einen Versuch aufzustehen, was ihm mit der Zeit doch gelang, schlug mit der Faust auf den Tisch und rief: „Feierabend is's. Nazi! Poliizeistund'! Aus!" Dann torkelte er, gestützt vom Schneidermeister Krantz, hinaus und durch die Gassen und es sah aus, als biege sich ein alter Baum, vom Winde bewegt, von Ost nach West, von Nord nach Süd und umgekehrt. Zu Hause angekommen, fand Bobbert nicht das Schlüsselloch, was bei „vollen" * Menschen vollkommen in Ordnung ist. Schließlich gelang es ihm, die Iure aufzuschließen. Mit Mühe und Not schleppte er sich die Treppe hinauf. Der Säbel klapperte von Stufe zu Stufe und machte Bobberts Ehehälfte noch wütender, als siie es ohnedies schon war. Schlucksend und brummend stand nun der Landjäger vor seinem irdischen Richter und versuchte, harmlos auszusehen, was ihm beim besten Willen nicht gelingen wollte. ..Wo warst, Bobbert?" fragte zornig seine Alte. Beim Nazi war i". antwortete Bobbert leise und versuchte, hinter den Rücken der Alten zu sehen, da sie verdächtigerweise etwas in ihrer Hand zu verbergen schien,