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Die Wahrheit · 1928-10-19 · Heft 42 (19.10.1928) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 42 (19.10.1928)
Date
1928-10-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
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5t{tt 2 louiB&nuun^ DIE WAHRHEIT sozialen Errungenschaften unserer Bibel, an denen wir trotz aller Verfolgungen durch Jahrtausende unerschütterlich festgehalten haben, endlich anfangen, Gemeingut der ganzen Kulturmenschheit zu werden, so daß wir, wenn war Juden moderne Sozialpolitik betreiben, ganz im Geiste unserer Bibel handeln. Deshalb dürfen wir uns keiner Verbesserung verschließen, die geeignet ist, uns in der Erreichung unseres Zieles, das Los unserer armen, vom Schicksale schwer bedrückten Glaubensgenossen zu mildern, zu fördern; getreu den heiligen Gesetzen unserer Bibel müssen wir uns unserer Kranken, unserer Witwen und Waisen und aller, die leiden, annehmen. Ich komme nun zur sogenannten „wirtschaftlichen Eigenart44 der jüdischen Bevölkerung. Kann von einer solchen überhaupt die Rede sein? Das ganze wirtschaftliche Leben geht ja nach bestimmten Gesetzen, welche uns die Nationalökonomie lehrt, vor sich. Diese Gesetzmäßigkeiten sind dieselben für Juden und für Christen und wir müßten wirtschaftlich zu Grunde gehen, wenn wir uns gegen diese Gesetze auflehnen wollten. Jeder einzelne von uns ist in seiner beruflichen Tätigkeit auf das Vielfältigste mit seinen nicht jüdischen Mitbürgern verbunden und würde sich automatisch aus dem Wirtschaftsleben unseres Staates ausschalten, wenn er es sich etwa einfallen ließe, irgend eine „jüdisch-wirtschaftliche Eigenart" hervorzukehren, wir sind und bleiben mit der Wirtschaft der ganzen Welt, auf die doch gerade wir Juden immer befruchtend eingewirkt haben, verbunden. Wohl aber müssen wir allen Bestrebungen, uns Juden in unserer wirtschaftlichen Betätigung zu behindern oder von einer solchen ganz auszuschließen, mit aller Entschiedenheit und nicht nur mit Worten, sondern auch durch Taten entgegentreten, welche 3euilletcn, Landjäger Bobbert haßt die Juden. Aus der neuen Serie „Grotesken". Von Josef Kaplan (Fulda). Das Städtchen G. hat drei Sehenswürdigkeilten: die schone Umgebung, den blauen Himmel und den grünen Landjägermeistcr Bobbert Wie eine schöne Umgebung aussieht, kann sich jeder denken; ebenso leicht ist es, sich einen blauen Himmel vorzusteien; — aber wie der Landjägermeister Bobbert aussieht, kann nur der wissen, der das Vergnügen hat, ihn persönlich zu kennen. Und dieses Vergnügen habe ich . . . Zunächst fällt; an Bobbert sein Gesicht auf. Ich habe schon viele Gesichter geseihen, aber keines ähnelt, auch nicht mit einem Zug, dem des Landjägers. Stellen Sie sich, bitte, vor: eine kurze Stirn, dfie über den Augenbrauen zwei liefe Rinnen hat; zwei winzige, grüne, stechende Aeuglein, ä la Schwednchen; Handfeger statt Brauen über ihnen; zwei Backen, jede im Format einer Schlummerrolle; das Kinn in doppelter Ausgabe und das interessanteste ist und bleibt die Nase, die in wunderbarer Farbenpracht glänzt — nein strahlt wie ein Leuchtturm, dessen Scheiben dem Draußenstehenden ein inneres Feuer verkünden. Um die Garnitur komplett zu machen, hängt vorn© an dem ein Meter und sechzig großein Mann ein Bauch, der sich sehen lassen kann. Haare hat Boppert überhaupt keine; sogar auf den Zähnen nicht. In Ermangelung eines Schnurrbartes, der durch seine Abwesenheit auffällt, dreht Bobbert seine Augenbrauen zu spitzen Fäden, was mich geeignet sind, die Einzelnen, welche durch eine solche wirtschaftliche Bedrückung leiden, und möge ihre Zahl noch so groß sein, zu schützen und sie in ihrem wirtschaftlichen Kampfe zu stützen. Wir müssen es ihnen ermöglichen, produktive Menschen zu werden und zu bleiben. Was ist es also, werden Sie mich fragen, das uns mit unseren Glaubensbrüdern auf dem ganzen Erdenrund vereint, das unser Herz erbeben macht, wenn wir von Grausamkeiten und Verfolgungen hören, denen die Juden noch immer ausgesetzt sind? Was läßt unser Herz höher schlagen, wenn wir im fremden Lande einem Genossen unseres Glaubens begegnen? Es ist dies der seelische Zusammenhang, der auf der Gemeinsamkeit unserer heiligen Religion begründet ist, die innige Verbundenheit der Geister und der Herzen. Dieses, Zusammengehörigkeitsgefühl, das allen Juden auf der ganzen weiten Welt gemein ist, dieser „untrennbare Zusammenhang mit der Judenheit der ganzen Welt", von dem das jüdischnationale Programm spricht, das ist uns längst eine lex c o r d i i n s c r i p t u m, d. h. ein in unserem Herzen tief eingeschriebenes Gebot, das wahrlich nicht eines jüdischen N a t i o n a 1 i sm u s bedarf, denn der Gedanke „Kol Jisroel chawerim", „Alle Juden sind Brüder" ist ebenso alt wie das Judentum selbst. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl, das sich insbesonders unseren notleidenden Glaubensbrüdern zuwendet, ist es auch, das die gegenwärtige Mehrheit des Kultusvorstandes veranlaßt hat, eine ständige Post in unser Gemeindebudget einzustellen, welche eine Unterstützung des jüdischen Aufbauwerkes in Palästina zum Gegenstände hat; denn auch wir wollen, daß das Land unserer Väter ein Heim für alle unsere Glaubensbrüder stets an die satanischen Augenbrauen eines Mephisto erinnert, wobei ich mir lebhaft vorstelle, wie sich etwa Bobbert als Satan ausnehmen würde' und dabei kommt es meistens vor, daß mir das Lachen kommt, wfie einem Herzschwachen der Schlucker. Bobbert ist stete bemüht, energisch auszusehen, was ihm nie so recht gelingen will; aber wenn er anfängt, „energisch daherzureden", bekommen alle_die kleinen Kinder es mit der Angst zu tun. Besonders energisch ist Bobben geworden, seitdem er in einem Nachbarstädtchen eine antisemitische Rede gehört hatte, nach der es ihm erst klar wurde, wer den Krieg verloren gehen ließ und wer Deutschland zugrunde gerichtet hat und wer wie ein Polyp im Innern des deutschen Körpers liege und wer ganz schlimm sei, schlämmer noch als schlimm. Da hat Landjägermeister Bobbert die Faust erhoben und ganz laut gerufen, daß es nur so schallte: „So a elendi'g Gezeug san de Jud'n? I werd's ihna einisalzen, dena Heuchler! Warti's nur — i zeig's eich scho ^--—!" Dabei erhob er eine furchtbare Faust und rannte sie schnurstracks seinem Vordermann in den Hinterkopf, daß es nur so rauchte. „Au", schrie der Getroffene, „regen's Ihna nett uff, Güter, halten's Ihna mit Bülding, sonst blitzt's.4' Worauf Bobbert sich entschuldigte: „De Jud'n san dran schuld." „Schon guat, schon guat," sagte der Angerempelte, „schon guat, unter Vaterlandsmännern nimmt ma sich nix verüb'l, mei Liabr--—" Von dem Tage an war Bobbert die Bosheit selbst, wenn er es mit Juden zu tun hatte. Er grüßte seine besten Bekannten nicht mehr, und wenn er Herrn Liepmann, der ihm jedes Jahr billige Aepfel verkaufte, begegnete, dann rollte er so mißbilligend mit den Aeugleimi, daß dieser nicht! umhin konnte, zu fragen: „Herr Bobbert, geht's Ihnen etwa nicht gut?" „Soll mir's vielleicht net guat geh'n?" antwortete Bobbert mit einer Frage und ging rasch weiter, daß der Säbel rasselte wie das bekannte Ohrgehäng des seligen Harun al Raschid. Die Wand-

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