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Die Wahrheit · 1928-10-12 · Heft 41 (12.10.1928) · page 13

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 41 (12.10.1928)
Date
1928-10-12
Page
– (sequence 13)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 13 'kund und Uhratur VonWochezu IDxke Jüdisches Künstlerkabarett. Jiddische oder jüdische Kunst — der Unterschied liegt bloß in der Schreibweise — hat die Aufgabe, die leidenvollen und freudvollen Regungen, alle Tiefen und Weiten der jüdischen Seele zu offenbaren. Geschieht dies von der Bühne herab, dann liegt die Darstellung jenseits aller Theaterschulen, Vortragsmeister und herkömmlichen Stillgesetzes. Die Künstler scharfen aus eigenem Empfinden ein Werk, auf daß es mit „urkräftigen Behagen die Herzen aller Hörer zwingt". So wirken auch die Mitglieder des neu eröffneten Künstlerkabarett im II. Bezirke (Pratersitraße 60). Sie gaben „R e i s e 1 e von C h i n a", Lebensbild in drei Akten von S i g a 11. Musik von Perlmutter. Das Stück ist auf billige Stimmungsmacherei zugeschnitten. Uebrigens nebensächlich. Nicht was, sondern wie sie spielen, ist der Prüfstein der Begabung. Und da erkannte man so manch' ausgesprochenes Talent. Herr Jungwirth, der Träger der Hauptrolle, führt seine Gruppe in geradezu hervorragender Weise. Herr Grirarainger ist ein ebenso ausgezeichneter als diskreter Komiker, Herr U r i c h ein Gesangskomiker par excellence und Herr Nachbar ein Charakterdarsteller erster Güte. Diie Damen können nicht als das schwache Geschlecht angesprochen werden. Frau U r i c h fand ergreifende Töne des wohlwollenden Herzens. Frl. Rosenberg ist eine gereifte Tragödin und Frl. Bell eine hervorragende Soubrette. Aber auch sämtliche Episodendarsteller befriedigen durch maßvolles vorzügliches Spiel. L. H. H. Amman, Die menschliche Rede, II. Teil, 1928, Lahr (Baden), Moritz Schauenburg, RM. 5.90. Wie im ersten Teil dringt auch hier haarscharfes, logisches Denken und tief bohrende psychologische Analyse in das Wesen der menschlichen Rede ein. Der Laie wird überrascht durch die Fülle der Probleme, die bei einer Untersuchung des sprachlichen Verkehrs, wie des Monologs sich von selbst ergeben. Er lernt zwischen dem naiven Satzbegriff, dem logischen und grammatischen unterscheiden. Da der Verfasser sich auf die deutsche Sprache beschränkt, liegt es nahe, seine Untersuchungen auf andere Sprachen auszudehnen. Uns läge natürlich viel daran, daß auch das Hebräische in den Bereich dieser Studien einbezogen würde. K. Holl, Friedrich Gernsheim, Leipzig 1928. Breitkopf und Härtel. Schon als Biographie an sich ist dieses Buch ein Meisterwerk. Man sieht den Helden innerlich Stufe um Stufe höher steigen und verfolgt mit Spannung die Gestaltung seines äußeren Schicksales, wie es ihn durch harten Kampf und unstetes Hin- und Hergeworfenwerdien zum endlichen Siege führt — trotz seines Judentums. Daß seine Bekenntnistreue ihm manches Tor gesperrt und manche Zurücksetzung eingetragen, wie ein Brahms darüber sich empören konnte, wie aber doch gerade der jüdische Quellgrund seines Wesens mit seine Erfolge bedingte, alles das zeigt Holl vortrefflich, besonders Seite 95, wo er diesen Anteil jüdischer Art an Geresheims Gesamtcharakter analysiert. Wer in Worms selbst, wie der Referent, lebendige Eindrücke von der Erscheinung des Künstlers hat schildern hören, wird das schöne Buch mit doppelter Anteilnahme lesen. Festgottesdienst. Der Tempeiverein für den Viil. Bezirk veranstaltet Sonntag, den 14. Oktober, präzise 10 Uhr vormittags, einen Fest Gottesdienst anläßlich des 25jährigen Bestandes des Tempels Wien VIII., Neudeggergasse 1.?. Gleichzeitig wird das 25 j ä h r i g e A m t sj u b i 1 ä u m S r. Ehrw. Herrn Rabbiner Prof. Dr. Moritz Bauer feierlich begangen. Die bulgarische Regierung und das jüdische Neujahr. Während des Gottesdienstes in Sofia am ersten Rosch- Haschono-Tage besuchten der General Lazarof. Kommandant der Stadt Sofia, in Begleitung von zwei höheren Offizieren und Herrn S s e t i n o v, Direktor des Kultus-Deparments, die Zentral-Synagoge, um die Glückwünsche der Regierung anläßlich des jüdischen Neujahrs zu überbringen. Ein jüdischer Anwalt für den Nobelpreis vorgeschlagen. Die New Yorker „Chicago Evening Pos t", die in einem Leitartikel auf die großen Verdienste des Chicagoer Anwalts S. 0. Levinson um die Verbreitung der Kriegs- Aechtungs-Idee hinweist und betont, daß es zum größten Teil seiner zehnjährigen, zähen und hingebungsvollen Arbeit zu verdanken ist, daß d:e Unterzeichnung des Kellogg- Paktes schon jetzt zustande gekommen ist, schlägt vor, S. 0. Levinson den Nobelpreis zuzuerkennen. Ein Simchas-Thora-Nachmittag im Merores-Waisenhause. Gehört ein Besuch im Merores-Waisenhaus auch sonst schon zu den schönsten Erlebnissen einer jüdischsozial empfindenden Seele, so wirkt ein solcher Besuch am Simchas-Thora- Nachmittag in dieser musterhaft geleiteten Anstalt, wie ich ihn kürzlich erlebte, erhebend und erquickend. Schon beim Ueberschreiten der Schwelle, die einen Blick in die lichterhellten, mit allen modernen Behelfen der Hygiene ausgestatteten Räumlichkeiten gewährt, weht einem die Feststimmung engegen. Von 60 gut genährten, seelisch und körperlich frischen Kindern erschallt fröhliches Lachen, das eher an ein Mädchenpensionat, denn an ein jüdisches Waisenhaus denken läßt. Wenn man dann in Begleitung der fröhlichen Kinderschar den herrlichen Garren betritt) und die schöne Sukkah betrachtet, von den Zöglingen errichtet und mit den traditionellen Emblemen aufs herrlichste ausgeschmückt, dann muß jedes jüdische Herz überströmen von Glück und Freude. Diese Gefühle erfuhren bei mir — wenn überhaupt möglich — eine Steigerung, als ich den herrlichen Spiel- und Turnsaal betrat, woselbst die versammelten Kinder selbstverf_aßte Gedichte, in lieblichen Reimen ausklingend, und zierliche Tänze, alles angepaßt der Stimmung des Tages, zur Aufführung brachten. Und nicht nur das Simchas-Thora-Fest, auch alle anderen Festtage und Sabbathe fänden im MeTores-Waisenhaus traditionstreue Berücksichtigung. Das Anzünden der Sabbath-Kerzen durch die wackere Frau Direktor Lehmann, begleitet von den Gebeten der fröhlichen Kinderschar beim festlich beleuchteten Sabbathtisch, bleibt jedem unvergeßlich. Eine Gemeinde, die in der Reihe ihrer Fürsorgeanstalten ein so herrliches Juwel besitzt wie das Memores-Waisenhaus, verdient Mithilfe und Unterstützung aller ihrer Mitglieder. Ottilie Politzer. 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