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Die Wahrheit · 1928-10-12 · Heft 41 (12.10.1928) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 41 (12.10.1928)
Date
1928-10-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
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DIE WAHRHEU MßM Seite 7 zwischen den Völkern und Entscheidung geben vielen Stämmen und sie werden umschmieden ihre Schwerter zu Pflugeisen und ihre Lanzen zu Winzerhippen, nicht wird mehr ein Volk gegen das andere das Schwert erheben und nicht lernen sie fürder den Krieg. (Jes. 2, 2—4.) Da wird dann aus dem Heiligtume ein Lied erklingen und die Berge werden in dieses Lied einstimmen (Midr. Schochare tobh). Ich wünsche nun, daß auch in unserer Stadt gar bald die Zeit heranreife, in der wir an einem solchen Heiligtume des Friedens arbeiten, aus dem das Lied der Liebe und der Duldung hinausströme, das ein Echo nicht allein in unseren Bergen, sondern über diese hinaus in der weiten Welt finden möge. Denn groß ist der Friede, sind doch alle Segnungen in ihm enthalten. Ich wünsche aber auch, daß ein gläubiger Geist alle Bürger unserer Stadt durchziehe, weil wir von der Wahrheit des Psalmistenwortes, das aus reicher Erfahrung geschöpft ist, überzeugt sind: wenn Gott ein Haus nicht baut, so haben sich seine Erbauer umsonst daran abgemüht und wenn Gott die Stadt nicht behütet, der Wächter umsonst gewacht hat (Ps. 127, 1—2) und nur dann unsere Stadt blühen und gedeihen und Gottes Segen auf ihr ruhen wird. Dann wird sich an dieser Stadt auch erfüllen das Prophetenwort: Und diese Stadt wird ewiglich bleiben! (Jer. 17. 25.) Das walte Gott! Amen! Judentum. Von Jacob Wassermann. Jacob Wassermann. der deutsche Dichter, hielt kürzlich in Rei^henhall in der ..Deutschen Vereinigung für staatswissenschaftliche Fortbildung" einen Vortrag über „Das Judentum". — Bereits einmal ist Jacob Wassermann mit seinen Oedanken zur Judenfrage in die Oeffentlichkeit getreten, mit seiner Schritt „Mein Weg als Deutscher und Jude". die etwa vor sechs Jahren erschienen ist (Sie wurde seinerzeit in diesen Blättern ausführlich besprochen.) Sein Vortrag in Rei^henhall ist eine neuerliche Auseinandersetzung mit dem Judentum und außerdem eine Abrechnung mit dem Zionismus. Die Worte Wassermanns haben in der jüdicben Welt lauten Widerhall gefunden. Die zionistische Presse fiel über ihn wütend her, namentlich „Die Neue Welt" hat einen unglaublich gehässigen Artikel gegen Ihn gebracht Jacob Wassermann gibt heute mit vollem Recht als einer der größten unter den lebenden deutschen Dichtern. Er ist ein Künstler, der weiteste Resonanz gefunden hat. Die Geistigen schätzen ihn und das Volk liest ihn. Dieser deutsche Dichter ist Jude, und ein Mensch, der es mit seinem Judentum durchaus ernst meint. Seine Abrechnung mit dem Zionismus sei hier im Auszuge veröffentlicht. Ich möchte, ohne mit Erklärungen und Definitionen dessen, was ich die psychologische Situation nenne, Zeit zu verlieren und Ihre Geduld zu ermüden, gleich mit einem charakteristischen Erlebnis beginnen, das mich vor ungefähr fünf Jahren, mitten in einer Periode strenger Arbeit, ziemlich nachhaltig beschäftigt hat. Erlebnis, das ist eigentlich ein zu geräumiges Wort dafür, im wesentlichen war es ein Briefwechsel, der von meiner Seite ruhig, sachlich, ein wenig abwehrend, von der anderen Seite mit beängstigendem Fanatismus geführt wurde. Es war ein oder zwei Jahre nach dem Erscheinen meiner autobiographischen Schrift „Mein Wegais Deutscherund Jud e", als ich in kurzer Folge mehrere Briefe eines jungen süddeutschen Philosophen erhielt, eines Mannes, der öffentlich noch nicht hervorgetreten war, aber mir durch ein Werk, das er mir zusandte, den Beweis lieferte, daß mit ihm etwas los war, daß ich es da mit einem wirklichen Denker, einem redlichen Menschen und bedeutenden Charakter zu tun hatte. Was wollte nun der Mann von mir, dieser deutsche Philosoph und Idealist? Er legte mir nahe, nach Palästina auszuwandern. Er legte es mir nicht nur nahe, sondern er forderte es von mir, und zwar so kategorisch, daß ich bei der Lektüre seines ersten Briefes das Gefühl hatte, es handle sich um einen Polizeibefehl. Nun, es lag da eine ziemlich sonderbare Geistesverfassung vor; ich habe dergleichen bei einem hochstehenden Menschen weder vorher noch nachher gefunden. Er, der Germane und expressive Deutsche, wollte ein geeintes, gereinigtes Volkstum, und dazu schien es ihm notwendig, die Juden aus Deutschland zu entfernen. Das ist ja nun nichts Seltenes, das haben wir schon gehört, aber die merkwürdige Nuance bei ihm war, daß er die Juden liebte, er beteuerte es mir aufs glaubwürdigste und belegte es durch seine Freundschaften mit Juden und eine intensive Beziehung zu Walter Rathenau, den er ebenfalls zu seiner Ansicht hatte bekehren wollen. Da er die Juden liebte, wünschte er schon um ihretwillen deren Auswanderung, und da er fand, daß es ihnen an geeigneten Führern mangele, wollte er mich überreden, ihnen ein Führer ins Gelobte Land zu sein; er versicherte mir, der Exodus werde beiden Teilen zum Segen gereichen. Ich fragte ihn verwundert, weshalb er sich gerade an mich gewandt hätte (nicht nur in einem neuen Briefe, auch mündlich; er besuchte mich ein Jahr darauf, und ich lernte in ihm einen feinen, scheuen, ängstlich-gedrückten Mann kennen, ganz im Gegensatz zu der Kühnheit, mit der er gegen mich die Feder geführt hatte). Warum kommen Sie gerade zu mir? fragte ich ihn, ich muß Sie in ihren Erwartungen genau so enttäuschen, wie Walther Rathenau Sie enttäuscht hat, er hatte für die Ideen und Ziele des Zionismus genau so wenig übrig wie ich; ein wunderliches Ansinnen an ihn, in wunderlicher Stunde, während er im Begriff war, sein Leben für Deutschland in die Schanze zu schlagen. Da mein Philosoph dieselbe Forderung auch an mich stellte, bemerkte ich ihm, daß meine Vorfahren seit mindestens fünfhundert Jahren im fränkischen Land gesessen seien und daß ich gern die Probe machen möchte, wie viele sich autochthon nennende Deutsche, Sachsen, Pommern, französischbrandenburgische Emigranten das gleiche von sich behaupten könnten. Daß es den Juden nicht gelungen ist, sich dem Körper der Nation tiefer zu vermischen, ist nicht ausschließlich Schuld der Juden, sagte ich, es sei dieser herrlichen Jetztzeit vorbehalten 'geblieben, einer Genossenschaft, die ursprünglich von fremder Art war, die Außere Zugehörigkeit zu Sprache, Landschalt und Geschichte trotz viele Male bewiesener

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