Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 41 (12.10.1928)
- Date
- 1928-10-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3062972-3064248-3064287--16631-3089392- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Und ohne Ueberhebung dürfen wir ruhig sagen, daß wir an der wirtschaftlichen und kulturellen Förderung der Stadt Graz einen wesentlichen Anteil genommen haben. Denn wir Juden waren es ja, die im Mittelalter die Geldwirtschaft eingeführt haben, und durch diese unsere Tätigkeit haben wir an der Gesundung des wirtschaftlichen Lebens und dadurch mittelbar auch an der kulturellen Entwicklung der Stadt regsten Anteil genommen. Denn ohne eine gesunde wirtschaftliche Entwicklung kann auch die Kultur nicht gedeihen. Aber wahrlich, man lohnte uns unsere Arbeit und Mühe nicht! Denn abgesehen von manchen Schikanen, die wir hier zu erdulden hatten, mußten unsere Ahnen im Jahre 1497, trotzdem Kaiser Maximilian ursprünglich sich dagegen sträubte — allerdings nicht so sehr aus Liebe zu uns, als vielmehr, weil wir eine ergiebige Steuerquelle waren — über Betreiben der Stände, die sich ihrer Gläubiger entledigen wollten, das Land verlassen. Viel Tränen sind damals vergossen worden und tiefstes Weh und bitterster Schmerz werden die Armen zermürbt haben. Aber grausam wie das Mittelalter schon war. kannte es kein Erbarmen und keine Schonung und selbst die Grabsteine, diese ehrwürdigen Zeugen kindlicher Pietät wurden entwurzelt und zu Bauten verwendet. Es wäre darum unaufrichtig, wenn wir heute sagen wollten, unsere Freude sei eine restlose. In unsere Feier mischt sich eben heute auch die Erinnerung an die bitteren Leiden und die namenlosen Schmerzen der damaligen Zeit und dieser Schmerz wird heute nur durch das Bewußtsein gelindert, daß ja das Mittelalter im allgemeinen von einer Lieblosigkeit und einer Menschenverachtung erfüllt war, auf die wir heute mit einem Gefühle tiefer Beschämung schauen und die wir heute um so weniger begreifen, als ja das Mittelalter sich nicht wenig auf seine tiefe Gläubigkeit etwas eingebildet hat. Wahrlich, das war kein wahrer Glaube, der so grausam werden konnte! Denn der wahre Glaube ist human» ist liebevoll, gefühlvoll und teilnehmend. Aber die Vertreibung der Juden hat dem Lande keinen Segen gebracht. Denn einer der hervorragendsten Gelehrten unserer Zeit hat auf Grund eingehender Forschungen feststellen können, daß die von den Ständen angeblich zum Wohle der Bürger und Bauern angestrebte Vertreibung — welch eine Ironie — dem Lande keinen Segen gebracht hat, das Land vielmehr einer steten Verarmung entgegengegangen ist. Wem fällt da nicht das Wort des Talmuds ein, der uns berichtet: „Von dem Tage an, da das Heiligtum zerstört worden war, erglänzte der Himmel nie mehr in seiner vollen Reinheit." Das i'imc hatte sich eben wie immer bitter gerächt. Doch vergessen wir heute das Vergangene und in der Freude der Festesfeier laßt uns heute geloben, an dem Aufblühen und an dem Glücke unserer Stadt kräftig mitzuarbeiten und Freude und Leid mit ihr zu tragen. Das haben wir ja übrigens immerdar bewiesen. Wir haben in den letzten achtzig Jahren, da wir wieder hier angesiedelt sind, an dem wirtschaftlichen Aufschwünge der Stadt erfolgreich mitgearbeitet, wir haben Kunst und Wissenschaft gefördert und wir haben durch hervorragende Männer der Kunst, der Wissenschaft und des Handels den Ruhm der Stadt gemehrt. Aber auch in der Zeit der Not, des Leidens und des Unglücks haben wir uns in treuester Weise bewährt. Denn kaum war der Krieg ausgebrochen, haben die Kinder unserer Gemeinde sich scharenweise zu den Fahnen gesammelt und haben mit Aufopferung ihres Lebens an der Verteidigung unserer Heimat teilgenommen. Wir haben schwere, überaus schwere Opfer gebracht, wie ja dies auch die an unserem Gotteshause angebrachte Gedenktafel für die Gefallenen erweist. Wir haben stets Leid, Not und Armut zu lindern gesucht und es ist gewiß keine Uebertreibung, wenn ich sage, wir Juden haben in zahllosen Fällen ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses oft über unsere Kraft das Weh der Unglücklichen, Leidenden und Armen gemildert. Wir glauben unsere Bürgerpflichten aufs Gewissenhafteste erfüllt zu haben. Und darum schmerzt es uns um so tiefer, wenn wir zuweilen sehen müssen, daß es noch immer gewisse Schichten gibt, die sich von Vorurteilen und grundlosen Gegensätzlichkeiten gegen uns leiten lassen. Das alles aber wird uns nicht hindern, unseren Weg weiter zu gehen, den Weg, der der Weg der Liebe und Treue ist. Wir wollen allen diesen nur zurufen: lernt uns doch einmal kennen, schaut unser Familienleben an, betrachtet doch die Opfer, die wir auf die Erziehung und die Ausbildung unserer Kinder verwenden, um sie zu treuen und braven Bürgern dieses Staates, zu wertvollen Mitgliedern der Gesellschaft heranzubilden, schaut auf unseren Fleiß, auf unsere Redlichkeit, auf unsere Nüchternheit, auf unsere Mäßigkeit und ihr müßt dann, so ihr es ernst um das Wohl von Stadt und Land meint, euere Vorurteile beseitigen. Wenn nicht, dann wollt ihr einfach die Wahrheit nicht sehen, dann strebt ihr nicht die friedliche Entwicklung unserer Stadt an, sondern ihr wollt nur Haß und Verderben säen. So wollen wir denn mit unseren besten Kräften an dem Aufblühen dieser schönen Stadt, die ja namentlich in den letzten Jahren einen so großen Aufschwung genommen hat, die wir mit allen Fasern unseres Herzens innig lieben und die uns ein teures Kleinod ist, mitarbeiten. Wir wollen an allen Bewegungen, die das Wohl und Wehe dieser Stadt berühren, tätigsten Anteil nehmen und wir wollen ihr die unwandelbare Treue bewahren. Wir wollen mit einem Worte an der Entwicklung, am Wohle und Glücke dieser Stadt mitarbeiten, aber nur, und das unterstreiche ich besonders, als freie, gleichberechtigte Bürger. In einem alten Midrasch wird uns folgende Geschichte erzählt: Pinhas, der Sohn Rubens, sagte: Einst wird Gott den Sinai, den Tabor und den Karmel vereinigen und auf diesen Bergen das Heiligtum aufbauen entsprechend dem Worte, das einst der Prophet Jesaia geoffenbart hat: Denn geschehen wird es in künftigen Tagen, da wird festgegründet sein der Berg Gottes und das Haus unseres Gottes auf dem Haupt der Berge und wird überragen die Hügel und strömen werden zu ihm Völker und gehen werden viele Stämme und sagen: laßt uns hinaufwallen zum Berge Gottes . . . Und richten wird er