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Die Wahrheit · 1928-10-12 · Heft 41 (12.10.1928) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 41 (12.10.1928)
Date
1928-10-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DK WAHRHEIT legenheiten befaßt. Unter Zuziehung der Mitglieder derj ..Kommission I. für Kultus und rituelle Angelegenheiten" und in Anwesenheit der Mitglieder des ehrwürdigen Rabbinates hat eine eingehende Aussprache mit den hierzu delegierten Vertretern sämtlicher orthodoxer Bethausvereine stattgefunden, in deren Verlauf seitens der orthodoxen Vereine aus deren Mitte die Wahl von Mitgliedern für die einzusetzende Kaschruth-Kommission vorgenommen wurde. Nunmehr wird die „Kommission I. für Kultus und rituelle Angelegenheiten" in ihrer demnächst stattfindenden Sitzung auch ihrerseits die Delegationen für die Kaschruth-Kommission vornehmen und diese ihre Subkommission konstituieren. Wie bereits vor den Sommerferien in Aussicht genommen wurde, ist die Feier derSchlußsteinlegung der Neubauten am neuen israelitischen Friedhofe für den 9. September 1928 anberaumt worden und hat unter starker Beiteiäigung von Vertretern der staatlichen und städtischen Behörden, der Repräsentanten der jüdischen Körperschaften und Vereine an diesem Tage auch stattgefunden. Ueber den Verlauf der Feier wurde sowohl in der Tagespresse, als auch in den jüdischen Wochenblättern eingehend berichtet. Die Denkschrift, welche anläßlich der Vollendung des großen Bauwerkes erschienen ist, bietet eine ausführliche Darstellung der Entstehungsgeschichte dieses Friedhofes und seiner Bauten und eine eingehende, durch Illustrationen belebte Baubeschreibung. Der Kultusvorstand, welcher in seiner Sitzung vom 6. Mai 1926 mit den Stimmen sämtlicher anwesenden 35 Vorstandsmitglieder, sohni unter Uebereinstimmung aller im Kultusvorstande vertretenen Parteien die Details der Bauführung und das Erfordernis von 1,800.000 Schilling, gleichwie den entwickelten Finanzplan genehmigte*), kann nun mit Genugtuung wahrnehmen, daß nicht nur von den Teilnehmern an der Schlußsteinlegung, sondern auch von dem allergrößten Teil der Presse und von den vielen Tausenden von Gemecndemitgliedern, welche in den letzten dreii Wochen die Neubauten besichtätgt haben, der Schönheit und der Zweckmäßigkeit des geschaffenen Werkes höchstes Lob gezollt wird. Freilich haben sich, wie bei jeder künstlerischen Schöpfung, auch einzelne Widersprüche erhoben, denen gegenüber nur darauf hingewiesen zu werden braucht, daß seiner- ■ zeit als Vorsitzender des Preisgerichtes, welches einmütig dem ausgeführten Projekte den ersten Preis zuerkannt hatte, Architekt Professor Robert Oerley, Rektor der Technischen *) Mit dieser interessanten Feststellung erledigen sich alle Angriffe der „Werktätigen Juden" gegen den Bau. Gefahren und Wagnissen des Weges inmitten siegestrunkener, wilder Barbaren... Welches Aussehen hätte Europa, wenn auf diesem schaurigen Pilgerzug der Priester und der Esel mit der teueren Last auf dem Rücken verlorengegangen wären? Welchen Anblick böte unsere zivilisierte Welt, wie wären wir selber und welchen Sinn hätte unser Leben?" Zur Zeit der stürmischen Streitfragen im Mittelalter, als die Dispute wegen der Dogmen die Hauptbeschäftigung der verschiedenen Kirchenhäupter bildete, endeten diese oft mit Verbrennen von Büchern und Talmudfolianten. Stets aber hielt der Sturm, der in den Bibliotheken wütete, vor der heiligen Lade inne, welche die Thora aufbewahrte und sie vor dem brausenden Ungetüm der entfesselten Leidenschaften schonte. Nachdem die Thora von den drei Religionen, welche die zivilisierte Menschheit umfaßt, bestätigt wurde, setzte sie sich nun endgültig im Bewußtsein der Welt fest. Der Stab der Stütze wird zu Zeiten finsterer Wirren weder verbrannt, noch vernichtet werden können und solange der Geist Gottes in einm menschlichen Körper sich niederlassen wird, solange wird Sein Wort in den heiligen Pergamenten dauern. Und wenn durch einen unglücklichen Zufall ein Pergament von den heiligen Rollen zerrissen, entheiligt oder beschädigt wird, verkündet die Gemeinde einen Fasttag, an welchem aus der Thora das Gebet Moses' um Vergebung gelesen wird. Gott möge uns die Sünden vergeben, er der Mitleidige, Erbarmende, lang Duldende, voller Mitleid und Glauben, welcher Erbarmen hat für tausende Generationen." — Hierauf schreitet man zur Bestattung der heiligen Reliauien, auf daß nicht der Himmel grolle, einhalte den Regen und daß die Erde nicht aufhöre, Früchte zu geben. Die Zeremonie heißt: „Genisa". H Hochschule fungierte. Nicht unbeachtet können jene Ausg Streuungen bleiben, welche sich mit den finanziellen Aufwen- ]| düngen für die Bauten befassen. Diesen, das Gemedndeinteresse überaus schädigendien Darstellungen gegenüber, in wel- " chen die Kosten des Baues der Zeremonienhalle allein mit 25 bis 30 Milliarden angegeben werden und gesucht wird, den Arischein zu erwecken, als ob durch die Bauführung die karitative Tätigkeit der Gemeinde irgend wie beeinträchtigt wäre, müssen dae folgenden Tatsachen entgegengehalten werden. : i i; Der präliminierte und von sämtlichen Vorstandsmitgliedern genehmigte Aufwand von 1,800.000 Schilling iür die gesamte Anlage wurde durch im Zuge der Bauführung sich ergebende unvorhergesehene Arbeiten und Ergänzungen um kaum insgesamt 4 Prozent überschritten. Der Gesamtbetrag von 1,800-000 Schilling bezieht sich jedoch nicht nur auf die Zeremonienhalle, sondern umfaßt das gesamte Bauwerk, also auch die Herstellung der Friedhofsmauer, die Anlage von 54 Arkadengrüften, den Bau der Leichenhalle mit Nebenräumlicbkeiten, den Bau des Infektionsleichengebäudes mit der L eichenkühlanlage, den Bau des Administrationsgebäudes, die Anlage des Wagenaufstellungsplatzes und der zum Gebäudekomplex gehörigen Plätze und Wege, sowie deren gärtnerische Ausgestaltung. Die Aufbringung der Bausumme geht aus den Einnahmen iür den Verkauf von Gruft- und Grabstellen vor sich, deren Erlös immer wieder nur für Friedhofserwerbungs-, Ausstattungs- und Erweiterungszwecke, nicht aber für die laufende Gebarung Verwendung finden kann. Die laufende Gebarung bleibt daher unberührt von den Ausgaben für die Friedhof bauten. Anlangend die Zeitdauer, für welche der neue Friedhof ausreicht, kann nach den statistischen Ergebnissen der letzten zehn Jahre ausgesprochen werden, da3 für etwa 25 bis 30 Jahre Flächen iür die Neuanlage von Grabstätten zur Verfügung stehen und daß für etwa weitere 30 Jahre mit Beilegungen in die vorhandenen Grüfte und Gräber zu rechnen ist. Damit erledigt sich die Darstellung, als würde der neue Friedhof nur für wenige Jahre als Beerdigungsstätte in Betracht kommen. Professor Dr. A. Pick nahm Anlaß, dem Schöpfer des Monumentalbaues, Herrn Ingenieur Architekt Reiser, sowie dem Obmann des Spezialbaukomitees Herrn Baurat Wilhelm K e m p 1 e r für die besondere Mühewaltung beim Zustandekommen dieses schönen Werkes, das nicht nur unserer engeren Gemeinde, sondern, wie Vizebürgermeister E m m e r- 1 i n g bei der Einweihung betonte, unserer Stadt zur Zierde gereicht, wärmstens zu danken. Er dankte ferner den Mitgliedern des Spezialbaukomitees, sowie dem Leiter des technischen Amtes, Herrn Ingenieur L i n d n e r. Ein besonderes Lob spendete der Präsident der unermüdlichen Tätigkeit des Amtsdirektors Regierungsrates Guido Fuchsgelb und dankte ihm gleichzeitig für die Redigierung der schönen Denkschrift, die anläßlich der Einweihung zur Ausgabe gelangte. Die „F i n a n z k o m m i s s i o n" hat in ihrer Sitzung vom 14. Juni 1928 beschlossen, und es halt das Vertreter - kollegium diesem Beschluß zugestimmt, daß nunmehr an die „Zentralsparkasse der Gemeinde Wien" entsprechend dem seinerzeit erstellten Finanzplane um ein Konto-Korrentdarlehen von 1,000.000 Schilling heranzutreten sei. Die diesbe7iielicli uri'ernommenen Schritte führten zu dem erstrebten Erfolge. Die Abstattungen dieses Darlehens werden, wie Finanzreferent Regierungsrat Dr. Oppenheim mitteilte, in den kommenden Jahren aus den Eingängen für Gruftstellen und Gräbern vor sich gehen. Seit Freitag, den 28. September d. J. finden die Beerdigungen auf dem neuen israelitischen Friedhofe bereits vom neuen Zeremoniengebäude aus statt. Mit der Frage der Verwendung der bisherigen provisorischen Zeremonienhalle wiird sich die „Friedhofkommisson" in ihrer nächsten Sitzung antragstellend befassen. Baurat Wilhelm K e m p 1 e r befaßt sich mit den in der Oeffentlichkeit gegen den Monumentalbau erfolgten Angriffen und wieist diese energisch zurück. Das Projekt des Herrn Architekten J. Reiser, der als Spezialist eine Anzahl Tempel- und andere Monumentalbauten geschaffen hart, wurden auf Grund eines Preisausschreibens einer Jury mit Architekt Robert Oerley, Rektor der Technischen Hochschule, an der Spitze, als das beste und zweckdienlichste anerkannt und ist es selbstverständlich, daß der Vorstand der israelitischen

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