Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 41 (12.10.1928)
- Date
- 1928-10-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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«•*« DIE WAHRHEIT uiiiimiiiiHHUHHM^ Selte 3 Lassen Sie mich, geehrter Herr, schließen. Das Präsidium des Kultusvorstandes hat mich der von mir hochgeschätzten. Ehre teilhaftig werden lassen, am Simchas-Thora-Feste als Chosen Bereschis vor die Thora treten zu können. Durfte ich, der von Ihnen beschuldigt wird, „Gottes Wortzumißbrauche n", diese Ehre, die den schönsten Epilog meiner vierjährigen Tätigkeit als Vizepräsident unserer altehrwürdigen Gemeinde bildet, annehmen? Ja, erhobenen Hauptes durfte ich vor die Gemeinde treten und den Segenspruch über die Tauras emes sprechen, in die das ewige Leben nicht nur für uns einzelne, sondern, was noch höher wertet, für das gesamte Judentum eingepflanzt ist, und ich durfte den Namen des Ewigen, unseres Gottes, anrufen, der mich geleitet hat von Anbeginn und den ieh in Demut und Treue verehren werde bis an mein Ende!. Ihr ergebener ■ Dr. J a k 0 b 0 r n s t e i n. CENTRALKINO Wien II., TaborstraBe 8 - Tal. R 42-3-41 URAUFFÜHRUNG Das Meisterwerk deutscher Filmkunst HEIMKEHR Regle: Joe Nay Beginn der Vorstellungen: 5, 7 und 9 Uhr VERGESSEN Sie nicht Ihr Wahlrecht zu reklamieren I mm 11 dM*nmi Plenarsitzung des Kultusvorstandes. (Schluß.) Dw Religionsprofessor Rabbiner Dr. Kaiman Kupfer, weäcbeit mit der Strafhaus - Seelsorge in Stein a. d. D. betraut ist, hat, heißt es im Präsidialbericht weiter, während der Sommermonate mehrfach Besuche in dieser Strafanstalt vorgenommen und kam in die Lage, eine anerkennenswerte fürsorgerische Tätigkeit für die nach vollstreckter Strafe zur Entlassung kommenden jüdischen Sträflinge zu entfalten. Herr Dr. Kupfer wurde vom Präsidium auch in die Heilanstalt Mauer-Oehling und in die Irrenanstalt nach Y b b s a. d. D. zum Besuche der jüdischen Insassen und zur Verteilung von Liebesgaben an dieselben entsendet. Ueberaus instruktive Berichte des Herrn Professors Dr. Kupfer liegen dem Präsidium vor. Diese Berichte haben die Möglichkeit geboten, in einer Reihe von Fällen wirksame Hilfeleistungen zu vollziehen. In den letzten Wochen hat sich das Präsidium mit den von der Vereinigung „Hidachtuth Jereyim" vorgebrachten Begehren, betreffend die Einsetzung einer Spezialkommission für Kaschruth - Angeschlichen sich infolge oftmaliger Abschriften und vielfachen Unterschreibens Fehler ein, die den Sinn sehr geändert hatten. Ein Umstand, der zu Beginn des dritten Jahrhunderts Origines bestimmte, die Sepituagiiita durchzusehen, indem er sie mit dem hebräischen Text in Uebereinstimmung brachte. Dasselbe unternahm der heilige Hieronymus zu Ende des vierten Jahrhunderts mit der lateinischen Uebersetzung, genannt Vulgata. Aber auch diese durchgesehenen Werke wurden weder von der Zeit, noch von Fehlern verschont und so sehen wir denn, daß im fünfzehnten Jahrhundert der tridentinische Synod eine neue Durchsicht vornimmt und eine authentische, endgültige Auffassung der Vulgata festsetzt. Alle unternommenen Korrekturen, soweit sie das alte Testament betreffen, hatten den Zweck, die Uebersetzungen mit dem hebräisch massoretischen Text in Einklang zu bringen. < ■ „Massora" ist eine kritische Prüfung, welche die Bibel ordnet und bei der genauen Einteilung der Kapitel achtet, die Sätze eifrig untersucht und kleinlich die Worte. 5a sogar die Buchstaben einordnet, indem sie nach jedem Kapitel, nach jeder Parsche und jedem Buch, die Anzahl der Worte und Buchstaben, welche sie enthalten, aufzählt und keine Aenderung dem Inhält oder der Form nach zuläßt. Eine Thora wird authentisch genannt, die nach der massoretischen Prüfung geschrieben wurde und bei welcher man alle Vorkehrungen traf, daß kein Jota geändert werde, welche also geheiligt ist von der Tradition und den Jahrtausenden. Und heute, 500 Jahre nach Gutenberg, finden sich in jeder Synagoge ein oder mehrere handgeschriebene Thoraexemplare auf Pergament in Form von Rollen mit althebräischen Buchstaben, durchgesehen und verglichen Wort für Wort, Buchstabe für Buchstabe mit einem älteren Exemplar, welches seinerseits auch geprüft wurde, indem man die vollkommene Aehnlichkeit mit einem noch älteren Exemplar feststellt dermaßen, daß, wenn wir die heraufsteigende Linie einer jeglichen Thorarolle untersuchen wollten und uns bis zum Ursprung begeben würden, der Faden uns geradewegs zur heiligen Stadt ins Heiligtum des Tempels zum berühmten Thoraexemplar führen würde, das dem Esra (478—420 v. Chr. Geb.) zugeschrieben wird, nach welchem die Schreiber von Judäa Abschriften verfertigten und von welchem Exemplar Aristeus, Philo und Josephus Flavius sprechen. Aus diesen Rollen wird an jedem Samstag angesichts der versammelten Gemeinde in den Synagogen je ein Kapitel gelesen. Die Kapitel sind so eingeteilt, daß im Laufe eines Jahres die Thora vollständig durchgelesen wird. Der Meister der Beschwörungen und wunderbare Wiederhersteller geschichtlicher Bilder, Ernest Renan hat in seiner „Geschichte des jüdischen Volkes" eine ausgezeichnete Stelle in bezug auf die Thora. „Wie geschorene Herden schleppte Nebukadnezar hinter sich die Ueberlebenden des Ansturmes auf Jerusalem. Er trieb sie in das ferne, unbekannte Babylon, in eine unbegreifliche und entfernte Gefangenschaft. Es weinten und wehklagten die schönen Töchter Zions, ohne Mitleid getrieben; der Adel der heiligen Stadt, der in Fessel gelegt und gequält unter der glutvollen Sonne des Ostens aufbrach und die vor Hunger geschwollenen Kinder. In der Mitte dieses unglücklichen, schaurigen Geleites schleppte sich kaum ein jüdischer Priester in schwarzem, schmutzigem Gewände mit nackten Füßen, die bis zum Knöchel im brennenden Wüstensande Syriens staken, mit einem aufgeregten und von Müdigkeit und Schlaflosigkeit dunklem Gesichte — hinter einem Esel, der schwerfällig trabte mit Pergamenten und alten Rollen auf dem Rücken: es waren heilige Rollen und Pergamente der Thora. welche sie in die Gefangenschaft in das fremde Land mit unbekannter Kultur mit sich führten. Der Priester behütete den heiligen Schatz vor den