Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 40 (5.10.1928)
- Date
- 1928-10-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Im Verlaufe der Sitzung wird der Antrag unterbreitet werden, daß auf der Gedenktafel in der Vorhalle des Zeremoniengebäudes auf unserem neuen Friedhofe der Name des Oberrabbiners Dr. Moriz Güdemann, der bei der Eröffnung des neuen Friedhofes noch jene großartige Weiherede hielt, welche in der kürzlich erschienenen Denkschrift wiedergegeben erscheint, und der Name des uns so früh entrissenen Oberrabbiners Dr. C h a j e s, dem es nicht mehr beschieden war, die Fertigstellung jenes Werkes zu erleben, dessen Werden er mit lebhaftestem Interesse geleitete', ehrendst der Nachwelt überliefert werde. Am 9. September d. J. ist im 76. Lebensjahre der Rabbiner im Ruhestande, Herr Dr. S. G e 1 b h a u s, ein hervorragender Gelehrter auf dem Gebiet der jüdischen Wissenschaft dahingeschieden. Dr. G e 1 b h a u s war, nachdem er in Karlstadt, Nordhausen und Prag lange Jahre verdienstvoll gewirkt hatte, vom Tempelverein des IX. Bezirkes „Chewra Beth Hatfilah" nach Wien berufen worden und vom Vorstande der Israel. Kultusgemeinde als Gemeinderabbiner im Sinne des § 44 des Kultusgemeinde-Statutes bestellt. Durch mehr als 20 Jahre hat Herr Rabbiner Dr. Gelbhaus verdienstvollst am Tempel des IX. Bezirkes gewirkt und sich während dieser Zeit, sowie nach seinem Uebertritt in den Ruhestand weiter seinen wissenschaftlichen Arbeiten und der Lehrtätigkeit am Wiener Beth Hamidrasch gewidmet. Er erfreute sich in der Gelehrtenwelt, einem großen Kreise der Gemeindemitglieder und bei seinen Hörern höchster Wertschätzung und es wird ihm und seinem Wirken in unserer Gemeinde ein ehrendes Andenken bewahrt bleiben. Besonders rührend gestaltete sich die Begrüßung des greisen Führers der Agudah, Wolf Pappenheim, anläßlich ich meine Frist abgelebt habe. Ich habe die Schale der Genüsse, die mir vom Geschick bestimmt war. bis zur Neige geleert, ich habe von allem gekostet und alles verschlungen, wonach mich verlangte. Man hat mich vieles gelehrt, man vergaß mich aber zu lehren, wie man leben müsse, um das Leben nicht zu verprassen. Es gibt nichts auf der Welt, was imstande wäre, mich an sie zu fesseln, mich zurückzuhalten. An nichts hat es mir gefehlt, was je für mich von Wert und Bedeutung gewesen wäre — mir fiel alles von selbst in den Schoß — ohne Mühe, ohne Kummer, ohne Sorge — mir flog sozusagen alles entgegen ... Alles, was ich mir nur irgend wünschte, und auch die Menschen — Männer sowie die Weiber. Alle umschmeichelten mich, aber ich hatte keinen einzigen wahren Freund. Die Frauen verwöhnten mich, doch keine verstand es, sich mir unentbehrlich zu machen. Mir war ein großer Reichtum, als Erbe meiner Vorfahren, in den Schoß gefallen und dieser Reichtum wuchs und vermehrte sich, ohne daß ich meinerseits nur das geringste dazu beitrug. Der Reichtum wuchs solcherart, daß er zuletzt mich selbst überragte. Wie oft krampfte sich mein Herz bei dem Wunsche zusammen, wenigstens einmal im Leben das harte Muß der Arbeit auszukosten .... Statt dessen verschrieben die Aerzte Bewegung, Sport und Zerstreuung — aber nur nicht das eine. Richtige — normal zu leben und meine Pflicht zu tun. Viele Länder habe ich durchstreift, aber keines von ihnen wurde das Land meiner Sehnsucht, viele Gegenden haben mich entzückt, doch keine hat mich dauernd gefesselt .... Ich sprach fließend mehrere Sprachen, aber keine war mir Muttersprache — ich warf mit leeren Worten um mich, wie mit Bällen. Ich wechselte meine Heimatszuständigkeit so unbefangen, wie man Handschuhe wechselt. Die ganze Welt gehörte mir, ich war jedoch zu unbeseines 80. Geburtsfestes. Die vom Herzen kommenden Worte, die Prof. Pick an den beliebten Jubilar richtete, wurden wiederholt von den Vertretern sämtlicher Parteien mit lebhaftem Applaus begleitet. Tief gerührt dankte Herr Vorsteher P a p p e n h e i m für die schöne Ehrung und versicherte, daß er, solange ihm Gott die Kraft hierzu schenke, in dieser Körperschaft zur Ehre der Gemeinde und zum Wohle des Judentums mitarbeiten wolle. Im Einlaufe, den Reg.-Rat D,r. G. Fuchsgelb zur Verlesung brachte, befand sich: Ein Dankschreiben des Bundespräsidenten Dr. Michael H a i n i s c h für die ihm seitens der Israel. Kultusgemeinde Wien anläßlich seines 70. Geburtstages überreichte künstlerisch ausgeführte Glückwunschadresse. (Den Wortlaut des Dankschreibens haben wir bereits früher veröffentlicht.) Ein Dankschreiben des Herrn Rabbiner Prof. Dr. Ignaz Ziegler aus Karlsbad für die Beglückwühschung anläßlich seines 40jährigen Dienstjubiläums. Ein Dankschreiben des Religionslehrers der Israel. Kultusgemeinde IVien Markus Stengel, den das Präsidium anläßlich der Vollendung seines 35. Dienstjahres unter Würdigung seines verdienstvollen Wirkens beglückwünscht hat. Eine Einladung der Chewra Kadischa in Klagenfurt zu der am 2. September d. J. stattgefundenen Feier des 40jährigen Bestandes dieser Körperschaft. Das Präsidium hat die Einladung mit einem warmen Gratulationsschreiben beantwortet. Von Herrn Isidor und Frau Auguste Immerdauer wurde dem Kultusvorstande für die Gratulation anläßlich der Goldenen Hochzeit und von dem Gemeindemitgliede Samuel Braun, einem verdienstvollen ehemaligen Vorstandsmitgliede des Tempel- und Schulvereines im VI. Bezirk, für die Gratulation anläßlich seines 80. Geburtstages in besonders warmen und herzlichen Worten der Dank bekundet. Vom Bethausvorstand für den I. und II. Wiener Gemeindebezirk wurde dem Kultusvorstande zur Kenntnis gebracht, daß bei der am 21. Juni 1928 vorgenommenen Wahl Herr Dr. Adolf K a p r a 1 i k zum Vizepräsidenten und Herr Rudolf K o h n zum Schriftführer dieser Körperschaft gewählt wurden. Frau Helene Kornmehl, Gattin des Herrn Siegmund Kornmehl, Fleischhauer und gerichtl. beeid. Schätzmeister in Wien, IX., Berggasse 18, hat aus Anlaß des 60. Geburtstages ihres Gatten am 15. August 1928 den Betrag von S 5000.— mit der Widmung erlegt, daß in dar Siechenabteilung der Versorgungsanstalt der Israel. Kultusgemeinde deutend, um sie festzuhalten, und nicht stark genug, um sie zu umfangen; ebensowenig war ich zum Herrscher des Weltalls ausersehen. Und das, wonach mich möglicherweise gelüstet hätte, fiel mir von selbst in den Schoß. Es war einfach alles für mich da. alles stand mir zu Gebote — und galt es, einmal etwas erreichen zu wollen, so verhalf mir mein Reichtum dazu. Alles — das Lächeln auf dem Antlitze meines Freundes, den ersehnten Kuß von blühenden Lippen, nicht zuletzt die Befreiung vom Kadischsagen um meinen Vater — dies alles habe ich mir um schnöden Mammon erkauft . . . Aber die Seligkeit des freiwilligen Gebens und Schenkens — die hat mich niemand gelehrt . . . Das Unbedeutende wurde für mich mehr als bedeutungslos, das Erhabene hat zuletzt — erdrückend auf mich gewirkt! Ich sterbe, da ich unfruchtbar an Leib und Seele bin. In mir ist nichts, was eigentlich lebt oder eben spendend sein Schon längst habe ich eigentlich zu leben aufgehört und könnte . . . das Leben als solches zu genießen — nun ist es mir vollauf zum Ekel geworden. Mau ging mit mir um, ungefähr so. wie der Bauer mit seinem Schwein: man mästete mich . . . jedoch der Bauer schlachtet sein Schwein, wenn es genug Fett angesetzt hat, mich dagegen zwingt man, mich selbst umzubringen, und ich habe nicht die Kraft, mich diesem Zwang zu widersetzen. Das Opium steht vor mir auf dem Tisch — der letzte Trank, bestimmt, mich für immer trunken zu machen — denn aus dieser Trunkenheit werde ich nicht mehr erwachen . . . . Ob es wohl am Platze ist, daß ich Verfügungen über mein Vermögen treffe? Doch wozu — es wurde mir ja nur zum Fluch ... Habe ich vielleicht noch irgend jemand etwas zu danken? Nein — denn ich habe jedem und für jedes bezahlt. Sogar den letzten Trunk . . ."