Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1928-10-05 · Heft 40 (5.10.1928) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 40 (5.10.1928)
Date
1928-10-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3062972-3064248-3064286--16611-3089371
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DIE WAHRHEIT iiiinniiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiH Seite 3 Wie.am 15. Juli 1927 fragen wir uns auch heute: Was hat diese ganze traurige Angelegenheit mit den Juden zu tun? Natürlich nicht das Geringste. Aber in Oesterreich ist es ja immer so gewesen: es kann bekanntlich nichts Böses geschehen, bei dem nicht — wenigstens nach Meinung der Antesimiten — die schlimmen Juden ihre Hand im Spiele haben. Und so wurden sie auch in den Lärm um den 7. Oktober gezogen. Von gewisser Seite wurde verbreitet, daß die „Heimwehren" bei ihrem Aufmarsch auch eine „Abrechnung mit den Juden" planen. Das wurde von offizieller „Heimweh r"- Seite als böswillige sozialdemokratische Unterschiebung dementiert, ja sogar der Führer der „Heimwehren", der Innsbrucker Advokat Bundesrat Dr. S t e i d 1 e, der jetzt meistgenannte Mann in Oesterreich, hat sich ganz entschieden gegen diese Zumutung ausgesprochen. Sicherlich, sein Wort gilt beute bei den „Heimwehren", aber es scheint doch, daß antisemitische Freibeuter sich jetzt energisch rühren, um den Judenhaß zu schüren. Schon gellt wieder den Passanten in den Straßen Wiens der Ruf eines neuen judenfeindlichen Hetzblattes entgegen. „Der Stur m", der alles bisher in Oesterreich auf diesem Gebiete Dagewesene übertrifft und gerade den 7. Oktober zum Ausgangspunkt seiner wüsten Schmähungen wählt. Der österreichische Heimwehrgedanke mag tatsächlich, wie in der erwähnten Berichtigung offiziell festgestellt wird, nur einen trennenden Unterschied kennen: für oder gegen den Marxismus, aber wieder sind wie am 15. Juli 1927 Hetzer am Werk, um diese Bewegung gegen die Juden zu lenken, die an allem „schuld" sind. liehe als auch unbewegliche Gut. über die Wechsel und Schulden auf „Ehrenwort" machen und ein Zehent davon an Arme, in meinem Namen, für mein Seelenheil, verteilen. Und nun sollen sie von dem, was ihnen geblieben, das zweite Zehent in ihrem Namen anheben und den Armen geben, so wie ich es immer gehalten, indem ich den Unbemittelten stets den zehnten Teil meines Gewinnes zukommen ließ. Und außerdem sollen von jedem Zehent noch drei Prozent darüber verteilt werden, denn es könnte sein, daß ihnen ein Irrtum unterlaufen wäre. Die bestimmten zwei Zehent sollen nur an fremde Unbemittelte verteilt werden — unter gar keinen Umständen an Verwandte. Wieviel an arme Verwandte zu geben wäre, sollen sie selbst bestimmen, aber keinesfalls soll dazu von dem geerbten Gelde genommen werden, sondern sie müssen es aus Selbsterworbenem geben. Auf meinem Grabstein soll nur mein Name und der meines gottseligen Vaters stehen. Und meine Söhne und Schwiegersöhne bitte ich, sich nicht allzusehr mit irdischen Dingen zu befassen und vor allem nicht darnach streben, große Kaufleute zu werden, denn je reicher einer wird, desto eher hört er auf ein guter Jude zu sein — das gilt besonders für meinen Sohn Jehuda, bei dem ich einen ganz besonderen Hang zum Wohlleben bemerke. Sehr viel Wert lege ich darauf, daß sie täglich mindestens eine Seite aus dem Talmud lesen — und einmal im Jahre mögen sie einen Wunderrabbi aufsuchen. Auch die Frauen sollen am Freitagabend und am Schabbes ihre Gebetbücher zur Hand nehmen — am Jahrestag meines Todes sollen meine Kinder den ganzen Tag in der Heiligen Schrift lesen, und die Frauen sollen Almosen verteilen, aber — was die Hauptsache ist — im stillen, ohne Aufsehen zu machen. III. Nachdem Moritz Benditsohn (der älteste Sohn Benjamins) das Zeitliche gesegnet hatte, fand man folgende in polnischer Sprache geschriebene Verfügungen vor: Da entsteht nun für die österreichischen Juden in diesen schicksalsschweren Tagen ihres Landes eine große und schwere Aufgabe: die der Ruhe und Besonnenheit. Sollte es wirklich am 7. Oktober zu dem anscheinend unvermeidlichen Zusammenstoß kommen, dann muß sich jeder österreichische Jude vor Augen halten, daß er Pflichten gegenüber seiner Gemeinschaft hat, die jetzt wieder Zielscheibe gehässiger Angriffe zu werden droht. Man erinnere sich, wieviel Verleumdungen und Lügen die österreichischen Juden nach dem furchtbaren 15. Juli 1927 erdulden mußten. Gleiches soll und darf, wenigstens so weit es an uns liegt, nie wieder vorkommen, solchen Angriffen muß man sofort begegnen. Hoffen wir aber, daß noch in zwölfter Stunde Vernunft und Einsicht bei den verantwortlichen Faktoren Oesterreichs und den beiden feindlichen Parteien die Oberhand gewinnt und das g efährliche Spiel mit Menschenleben überhaupt unterbleibt. Oesterreichs Entwicklung verträgt sicherlich nicht derartige schwere Erschütterungen! Plenarsitzung des Kultusvorstandes. Montng, den 1. Oktober, fand unter Vorsitz des Präs. Prof. Dr. Alois Pick eine öffentliche Plenarsitzung des Kultusvorstandes statt. Bevor in die Erledigung der Tagesordnung dieser ersten nach den Sommerferien stattfindenden Plenarsitzung eingegangen wurde, gedachte der Präsident des Umstandes, daß am 5. August d. J. 10 Jahre verflossen waren, seitdem der ..Man sende nach Paris ein entsprechendes Telegramm und warte mit meiner Beerdigung bis zur Ankunft meines Sohnes. Zehntausend Rubel vermache ich dem Verein gegen Armut und Bettelei, jedoch die Prozente von diesem Kapital haben alljährlich an meinem Todestage an Unbemittelte verteilt zu werden. Zehntausend Rubel stifte ich für ein Spitalbett, jedoch mit der Bedingung, daß diese Stiftung meinen Namen tragen möge. Bei meiner Leichenfeier sollen viel Almosen verteilt werden. An alle Talmud-Thoraschulen sollen Spenden geschickt werden — und die Melameds mit den Schülern sollen meinem Sarge folgen. Man nehme einen frommen gelehrten Juden auf, der Kadisch nach mir sagen soll. Mein Grabstein soll im Auslände bestellt werden, und zwar nach der von mir selbst ausgewählten Musterzeichnung. Der Chewra Kadischa soll alliährlich e'ne bestimmte Summe ausgesetzt werden und dafür hat sie die Pflege meiner Grabstätte zu übernehmen. Die Firma soll fortan den Namen .Benditsohn Sohn' führen. Was nun weiters . . ." Wir sparen uns die detaillierte Aufstellung des Nachlasses, der fälligen und nicht eingelösten Wechsel und der Weisungen, die die Fortführung des Geschäftes betreffen. IV. ,.Ich, Benditsohns Sohn, gehe aus dieser Welt weder vor Freude noch vor Kummer, sondern weil ich ihre Leere nicht mehr ertragen kann . . . Die Welt ist eine furchtbare Maschine. Jedes Rad erfüllt seine eigene Bestimmung und leistet daher die entsprechende Arbeit. Nützt sich ein Rad vorzeitig ab. oder hat es irgendwie Schaden genommen — so hört es auf. ein Bestandteil der Maschine zu sein; dann verläßt es das Weltall und versinkt in Nichts . . . Ich kann deshalb nicht länger leben, weil ich auf Erden nichts mehr zu tun habe. Ich bin zu nichts mehr nütz, weil

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.