Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1928-09-28 · Heft 39 (28.9.1928) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 39 (28.9.1928)
Date
1928-09-28
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3062972-3064248-3064285--16595-3089354
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

tazn. </r^j;-^isk-zaR^ Seite 8 DIE WAHRHEil i "> Gerechtigkeit, darauf hin, daß jetzt auch nicht alle Christen Aufnahme finden werden. Der Herr Graf übersieht nur eine Kleinigkeit. Es ist doch ein Unterschied, ob a 11 e Juden oder nur eine gewisse Anzahl von Nichtjuden von diesem Schicksale bedroht sind. Ego. Ueber den Austritt aus dem Judentum. Ein Briefwechsel von Abraham Geiger. (Fortsetzung.) Und diesen neuen verdächtigen Beziehungen zu Liebe wollen Sie wirklich die alten innigen lösen, wirklich eine ganze Glaubensgenossenschaft, die vielen achtbaren Männer Jhres Umganges aus ihr tief verletzen? Denn daß sich, bei der gegenwärtigen gesellschaftlichen Stellung, die Beziehungen dann verschieben, die früheren Bekanntschaften entfremdet werden, das werden Sie nimmermehr in Abrede stellen können. Es ist und bleibt eine schwere Beleidigung, wenn man einen Glauben verläßt nicht um des Glaubens willen, sondern mit den stillen Abschieds Worten: eure Gesellschaft behagt mir nicht, ich bin etwas besseres als ihr. Man wird sich darüber zu trösten wissen, man wird es Ihnen wohl gar als einen sträflichen Hochmut auslegen, man wird bald so gänzlich geschieden sein, daß man einander vergißt. Doch dem fihrenmanne können solche Auslegungen seines Schrittes, wenn er sie nicht mit Gewichtigem abweisen kann, nicht gleichgültig sein. — Doch lassen Sie uns nochmals auf das Märtyrertum zurückkommen! Ich habe dessen Bedeutung wohl nicht tief genug erfaßt. Es handelt sich nicht um persönliche Benachteiligung, nicht um kleinliche äußere Zurücksetzung; aber das Bewußtsein, ohne Grund als ein Niedrigstehender der vollen staatlichen Ehre nicht würdig erachtet, von den höheren Bürgerkreisen ferngehalten zu werden, ist ein kränkendes, ist ein schmerzlicheres Märtyrertum, als eine einzelne empfindliche Einbuße. Sie haben darin vollkommen recht, und ich würde die Wahrheit verschweigen, wenn ich nicht bekennen wollte, daß ich diesen Schmerz, nicht als einen persönlichen, aber als einen gemeinsamen, tief, tief empfinde. Aber ist das Mittel, welches Sie dagegen ergreifen, welches Sie vielleicht allen, die ihn in gleicher Weise empfinden, anempfehlen möchten, wirklich das richtige? Wenn Sie ein solches Märtyrertum fühlen, dann sprechen Sie auch damit aus, nach Ihrer Betrachtungsweise geschehe den Juden ein Unrecht. Wie nun? Billigen Sie es im gewöhnlichen Leben, wenn der, dem ein Unrecht geschieht, nicht mit gesetzlichen Mitteln dagegen kämpft, nicht bei der Gewißheit eines unfruchtbaren Kampfes im Bewußtsein seines guten Rechtes das Unrecht still trägt, sondern vielmehr sein gutes Recht geradezu aufgibt, sich als den Schuldigen bekennt, ja sich zum Genossen des Unrechts macht? Sie verwerfen ein solches Verfahren gewiß mit aller Entrüstung eines Ehrenmannes. Und dem Staate gegenüber, der christlichen Bevölkerung gegenüber wollen Sie das tun, was Sie sonst verwerfen? Das glaube ich nicht, das kann ich nicht glauben. Nein! das darf kein Ehrenmann! Und wenn auch keine Gewissensrücksichten und wenn auch keine Beziehungen zur jüdischen Vergangenheit und Gegenwart ihn abhalten, ein edler männlicher Stolz muß eine unübersteigliche Schranke für ihn bilden gegen den Austritt aus dem Judentume, solange diesem nicht die volle und ungeschmälerte bürgerliche Gleichstellung und Ebenbürtigkeit tatsächlich gewährt wird! Ich komme zum letzten Punkte und bin froh, daß es der letzte ist; ich liebe nicht den Kampf gegen das Tun und die Ueberzeugung anderer, ich halte ein jedes hoch, was andern ehrwürdig ist, es widerstrebt mir, es anzugreifen, ich tue es nur dann, wenn die Verteidigung zum Angriffe sich gestalten muß. So freue ich mich denn, daß es der letzte Punkt ist, auf den ich noch einzugehen habe; er ist aber auch noch ein gewichtiger. Sie wollen ihren Kindern die Lebensbeschwerden, die Herzenskränkungen, welche auf den Juden noch immer lasten, ersparen, Sie wollen Ihnen die breite Heerstraße des Lebens öffnen, die Lebensbahn ebnen. Für die Kinder, so denken Sie, gilt es gleich, ob sie in diesem oder jenem Bekenntnisse erzogen werden, diese wählen es sich nicht, und die Erziehung in dem Christentume hält jeden Zwiespalt von ihnen fern; so erspare ich ihnen später unangenehme Kämpfe im Innern und nach außen. Von meinen Kindern aber, so fahren Sie fort, will ich nicht getrennt sein; um ihnen den Zwiespalt fern zu halten, muß ich mit ihnen im gleichen Glauben leben. Man ist seinen Kindern auch dieses Opfer, wenn es ein solches wäre, schuldig! — Was tun Eltern nicht alles für ihre Kinder? Jawohl, oft sogar zu viel, wenn man es von außen, oder auch viel zu wenig, wenn man es tiefer nach innen betrachtet. Es ist schön und löblich, für seine Kinder in jeder Beziehung zu sorgen; Sie haben es getan und tun es ferner und erfüllen damit Ihre Pflicht. Allein es wäre töricht, dahin trachten zu wollen, daß die Kinder einer jeden eigenen Tätigkeit, jeder eigenen Anstrengung überhoben werden; es wäre nicht bloß töricht, es wäre vermessen, es wäre nicht bloß vermessen, es würde gerade zum entschiedensten Gegenteile, zum geistigen und sittlichen und damit auch zum vollen Ruine der Kinder nach allen Beziehungen hin führen. Darüber bedarf es unter uns sicher keiner Erörterung. Wer könnte alle Möglichkeiten berechnen, wer glaubte, so der Vorsehung einen Riegel vorschieben zu können? Ist es nicht besser, wenn der Mensch arbeiten muß, als wenn ihm alle Bequemlichkeiten entgegen kommen und er erschlafft und moralisch versinkt? Wahrlich, die Reichen sollten eher darüber nachdenken, wie sie ihren Kindern einen Sporn zur Tätigkeit hinterlassen, als wie sie ihnen den Weg noch mehr ebnen. Sie selbst haben sich durch redliche Tätigkeit und Umsicht ihre Stellung gegründet, warum sollen das Ihre Kinder nicht auch? Die Einwirkung auf den Charakter, auf Tüchtigkeit der Gesinnung, die auch imstande ist, der erkannten Wahrheit ein Opfer zu bringen, ist sicher auch in Ihren Augen mehr wert, als die Sorge dafür, daß sie kein Opfer zu bringen haben. Das ist das Los des Menschen auf Erden, daß er das eine und andere opfern muß; wohl dem, der es mit Bereitwilligkeit und Ergebung tut, mit dem guten Bewußtsein, es nicht verschuldet zu haben, sondern bloß dem Geschicke alles Irdischen verfallend. Eine solche Gesinnung seinen Kindern einflößen, ihnen als väterliche Sitte übergeben, ist ein schönes Erbteil, das man ihnen hinterläßt; die Schwäche, welche die Kinder vor jeder Zugluft bewahren will, korrumpiert. Es ist das einzige, aber ein würdiges Vorrecht wahrhaft edler Geburt, das als ramilien-, als Stammesgut betrachten zu dürfen, was den allgemeinen Adel der Menschheit bedingt: würdiges Tun, Kraft des Charakters, Ehrenhaftigkeit des Wandels. In dem Vater, in den Ahnen ein solches Muster zu erblicken, von ihnen ein solch unveräußerliches Erbe empfangen zu haben, das stählt, das erhebt. Wie aber, wenn der Vater seine Väter verleugnet, weil sie — gedrückt worden, die Wiege seiner Kinder innen entrückt, mit der gewissenhaften Ueberzeugung sich abfindet, um diesen Kindern es etwas bequemer zu machen, das soll — ich bitte Sie — Charakter, Ehrenhaftigkeit in diesen erzeugen? Diese" künstliche Kluft, welche Sie schaffen, mit der Sie sie zu „neuen Menschen" von heute machen und sich mit ihnen, sich und ihnen die Vergangenheit abschneiden, das soll Charakter, Ehrenhaftigkeit erzeugen? Nein, da wirken wir, denke ich, besser für unsere Kinder, wenn wir ihnen Selbstbewußtsein einflößen, daß sie wie ihre Väter tüchtig sein können, wenn auch die größere Masse sie weniger anerkennt, wenn wir ihnen die Achtung beibringen für sich selbst und für ihre Vorvordern, wenn wir Ihnen den Kampf überliefern, dessen Sieg und mit ihm der Sieg des Rechts doch sicher ist, so wir nur dessen würdig sind. Wie schön ist es gerade, wenn der, dem Gott eine sorgenfreie Stellung gegeben, sich und seine Kinder weiht für einen edlen Gedanken, und ist es nicht ein edler Gedanke, den Resten eines ungerechten und kränkenden Vorurteils die Spitze zu bieten, für eine Gesamtheit mitzuwirken, die so edle Anlagen in sich birgt? (Schluß folgt.) KleiderkreditZaWbar elneB g Sämtliche Herren- und Dantenkleider 5 Nur Qualitätsware! nach Maß sowie fertig lagernd. Billigste Preise! ■ KLEIDERHAUS WERTER, WIEN XVI., ■ Telephon A 21-501 Ottakrlnger«traße 17 Telephon A 21-501 g Bollinger-Eiskasten sind seit 1870 die besten Fabrik: Wien XV., Staglgasse Nr. 10, Telephon R 30-5-38 Filiale: VII., Burggasse Nr. 17, Telephon B 32-3-80 Messe-Rotunde, Stand 6659/63

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.