Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 39 (28.9.1928)
- Date
- 1928-09-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT «imniHiiuu[mirnitnniHHHiimimmmmmHfiifflB«i«flißiTUitm>i Seite 7 wissenhafter Forscher, der durch seine amtliche Stellung als vormaliger Sekretär der Generalinquisition Einblick in die Archive des Rats der Oberinquisition gewonnen, schreibt (1819) in dem Kapitel „Berechnung der Schlachtopfer Torquemadas" u. a.: „Johann de Mariana behauptet, auf das Wort alter Handschriften, daß man während des ersten Jahres der Inquisition zu Sevilla 2000 Menschen verbrannt habe... Ich könnte, ohne Uebertreibung zu fürenten, behaupten, daß die anderen Gerichte ebensoviele Menschen im ersten Jahre ihrer Einführung verurteilt haben; aber ich will nur den zehnten Teil dieser Zahl als wahr annehmen, weil zu Sevilla die Denunziationen viel mehr im Gange waren, als überall anderwärts . . ." Gott sei Dank, man verbrennt heute nirgends weder Andersgläubige, noch Ungläubige, noch Ketzer mehr, aber die Torquemadas, die mit feurigen Zungen den Religionshaß predigen, sind wahrhaftig noch nicht ausgestorben. * * * Die Ritualmordhetzer haben noch lange nicht ihr Metier aufgegeben. Im Gegenteil, sie haben den Betrieb sogar erweitert. Wie aus Berichten der Tagesblätter zu entnehmen, wurden in jüngster Zeit in ungarischen und rumänischen Ortschaften Judenhetzen veranstaltet, mit der Begründung, daß die Juden nicht bloß zu Ostern, sondern auch zu anderen Festtagen Christen morden. Die Hetzer haben auch heute noch ihre stets zum Plündern bereite Gemeinde und es wäre wohl zu noch ärgeren Ausschreitungen gekommen, wenn nicht glücklicherweise die vermißten, angeblich ermordeten Opfer der Juden lebend eruiert worden wären. Man kann dem Pöbel aller Couleurs viel leichter einen bösen Wahn einimpfen, als ihn wieder davon kurieren. Anläßlich eines Buches, das vor kurzem über den genialen jüdischen Arzt Koreff erschienen, der auch nachdem er selbst arm geworden, der edelste, selbstloseste Helfer der Armen blieb, mag hier an eine Stelle in Varnhagens „Portraits" erinnert werden, in welcher dieser auch von Goethe ausgezeichnete Mann ausführt, wie lange es währe, bis aufgehetzte Volksmassen auch den blödsinnigsten Irrwahn aufgeben. Er sagt u. a.: „Als im Jahre 1832 die Cholera zuerst nach Paris kam und Angst und Entsetzen verbreitete, waren die unteren Volksklassen, gleich denen anderer Städte und Länder» auch hier von dem Wahne ergriffen, daß absichtliche Vergiftung im Spiel sei und hauptsächlich die Aerzte das Uebel, anstatt ihm zu wehren, beförderten. .." Auch Dr. K o r e f f wurde im Volksgedränge als Arzt erkannt und als Vergifter ausgerufen. „In den Fluß mit ihm!" hieß es und er wurde nur dank einem günstigen Zufalle gerettet. Die Aerzte haben es in unserer Zeit glücklich so weit gebracht, daß man auf der Kanzel und dem Katheder, in Broschüren und Zeitungen sie nicht ungehindert und ungestraft als Vergifter denunzieren darf. Vielleicht hat das geholfen. Freilich, Ritualmordhetzer, das ist was anderes. * * * Anläßlich des hundertjährigen Geburtstages Leo Tolstois, wurde bereits darauf hingewiesen, daß der große Dichter ein Kenner der hebräischen Sprache und ein Verehrer der Ethik des Judentums war. f....................................... j Streng orthodox m Geflü$ellianfUun$: ■ unter Aufsicht des Ehrw.Rabbinates Adas Israel( Schiff schul) ■ ■ Zu jeder Tageszeit i 3 frisch gebratene Gansl j S Ungarisches M astgef Ittgel von baster Qualität! ■ ■ 5 [ Emanuel Schlesinger : ■ Wien II., GroBe Schiffgasse 5 ■ ■ Tel. R 40-5-90 Tel. R 40-5-90 ■!h Die Antisemiten könnten aber doch auch mit Fug und Recht sich darauf berufen, daß Tolstoi den Antisemitismus nicht als ein — Unglück für die Juden betrachtete und daß er auch ausdrücklich das Schicksal der Antisemiten beklagte. In der Tat hat Tolstoi außer seiner Kennzeichnung des Antisemitismus ais „Geisteskrankneir* noen folgendes erklärt: „Der Antisemitismus ist nicht ein Unglück für die Juden. Denn wer Unrecht erduldet, ist nie zu beklagen, sondern wer Unrecht übt. Der Antisemitismus demoralisiert. Er ist das ärgste Uebel unserer Zeit, denn er vergiftet ganze Generationen. Er macht sie blind gegen Recht und Unrecht und er tötet jedes moralische Gefühl," Wie gesagt, die Wahrheit über alles: Tolstoi beklagt aufrichtig das Schicksal der Antisemiten und man darf auch als Jude es herzlichst wünschen, daß sie sich auf dieses Zeugnis eines großen Mannes berufen. * * * Numerus clausus und kein Ende. Die Genfer Staatsmänner hatten sich merkwürdigerweise anfangs von dem ungarischen Unterrichtsminister einreden lassen, daß der Numerus clausus in seiner ursprünglichen Form absolut nichts Judenfeindliches oder judenschädiiehes enthalte. Die Herren waren also entzückt. Schön! Als der Skandal aber immer größer wurde, entschloß sich die Regierung Bethlen zu einem revidierten Numerus clausus, den sie den ungarischen Juden damit plausibel machte, daß er angeblich von jenem judenfeindlichen Moment befreit sei. Die Genfer Staatsmänner staunten merkwürdigerweise gar iiicnt darüber, wie im revidierten Numerus clausus das eliminiert sein konnte, was er angeblich nie enthalten. Die Herren waren also wieder entzückt. Noch schöner! Es ist aber doch nicht richtig, daß die Genfer Staatsmänner an jenen Mann erinnern, der dem Schneider einen gründlich verkrachten Anzug zurückgibt, damit er ihn repariere, und ihn dann von dem Schneider, der nichts daran geändert hat, wieder vergnügt und zufrieden zurück nimmt. Die Genfer Staatsmänner hatten ja im Grunde genommen auch an dem unrevidierten Numerus clausus nichts auszusetzen. * * :'< Das schönste aber kommt erst. Graf Klebelsberg ist erbost darüber, daß die ungarischen Juden nunmehr befürchten, dank dem revidierten Numerus clausus könnte es passieren, daß eventuell noch weniger Juden Aufnahme an den Universitäten finden als bisher. Triumphierend weist er, o welche