Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 39 (28.9.1928)
- Date
- 1928-09-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DIB WAHRHEIT BHHnnHnnitiHininiiMsnimiWHniijmnflwilmmmfflBmiffliiini]] IIMIffiffiMfflBUffllffiffinfflfflflHl!! Seite 3 im Windwütigen Haß gegen die glaubenstreue Mehrheit der Juden alles, unterschiedslos.alles, aufs Panier erhebt, was dem Judentum© Verlegenheiten zu bereiten geeignet ist. Diese treten dann auch bei Wahlen und sonstigen Anlässen als gesonderte „nationale" Minderheiten auf und befolgten auch zum größten Unheil der Juden dieser Länder eine rücksichtslose minderheitsnationale Sonderpolitik. Wenn diese auf dem Kongresse der nationalen Minoritäten auftreten, wird es deir europäischen Oeffentlichkeit kein Geheimnis sein, in wessen Vertretung und mit welcher Berechtigung sie die Einordnung der Juden ihrer Länder unter die politischen nationalen Minoritäten verlangen. Die verschiedenen Wahlen, die in den letzten Jahren dort die jüdische Bevölkerung an die Unne riefejL, haben deutlich gezeigt, daß auch in den osteuropäischen Ländern, wo die Juden in dichten Massen leben und schon deshalb nach innen von selbst starke sogenannte „nationale" Impulse zur kulturellen Auswirkung kommen und sogar nach außen infolge unberechtigter Beeinflussung der Mächte durch das sattsam bekannte Pariser „Jüdische Delegationenkomitee", das aus Zionisten zusammengesetzt war, in den Friedensverträgen ihnen ganz gegen ihren Willen und gegen ihre Interessen gewisse „nationale Miinderheitsrechte" aufgezwungen wurden, die Juden mit zunehmender politischer Reife es ablehnen, sich die gesonderte jüdische „Minderheitspolitik" der Herren Sokolow, Motzkin u, a. zu eigen zu machen. („Jüdische Presse", Wien, 31. August.) Zur Läse in Palästina. Da werden Häuser gebaut, die vielleicht in Warschau oder Lodz zweckmäßig sein mögen. Die Räume sind klein und ohne Rücksicht auf Luftzufuhr und auf die Hygiene des Orient. Rote schräge Dächer stechen in die grelle Sonne und nehmen den Hausbewohnern auch noch die eine Möglichkeit, sich bei der Hitze auf ein flaches Dach zu retten. Auf den Straßen schützt kein Schatten. Tel-Awiw z. B. nennt sich stolz eine Gartenstadt und gibt sich Mühe, Fremde heranzuziehen, — aber es hat nicht einmal seinen einzigen Boulevard, den Rothschild-Boulevard, bis an das Meer geführt, um so wenigstens eine Möglichkeit zu schaffen, im Schatten bis ans Meer zu spazieren. Auch Tel-Awiws Bauordnung ist ganz okzidental. Nach ihr lassen sich hohe und umfangreiche Häuser bauen, die so wenig Hof haben, daß eine Durchlüftung ausgeschlossen ist, und deren Hauseingang, Treppenaufgang und Korridore so schmal sind, daß die Luft schwül in ihnen lagert. An der Bauordnung dieser sonst so modernen Stadt gehenden ihr Redetalent zu: Billig, billig, hier kann man wirklich für sein gutes Geld kaufen! Ein Geschäft ist da. das alle romantischen Träume meiner Kinderzeit befruchtete, obgleich ich es nur drei- oder viermal bei Einkäufen meiner Mutter zu Gesicht bekam. Herrliche, goldblitzende Uniformen, Säbel und Riesengewehre hängen — wie mir glaubwürdig versichert wird: seit mehr als hundert Jahren —. wundervoll gepflegt und gebürstet, als Familien- und Geschäftserbstücke im Fenster oder an der offenen Tür, es wird auch hier mit allem Handel getrieben, was sich nur verhandeln läßt — aber wahrscheinlich gibt der Inhaber diese goldverschnürten Stücke, unter denen eine Bürgermilitär- und eine Kosakenuniform die Prunkstücke sind, nicht für alle Schätze der Welt heraus. Sie sind das Reklameschild, sie locken die Augen der Neugierigen. Wer sich diese Sachen staunend ansieht, findet vielleicht daneben ein paar derbe Arbeitsstiefel oder eine einstmals glänzende Saffianbrieftasche um wenige Groschen, die er anwenden kann. — So sehen die Anfänge der Reklame aus Natürlich sind alle Lebensalter und alle sozialen Schichten in dieser einen, fast ausschließlich jüdischen Straße der Hafenmetropole vorhanden. Man sieht alte Männer, deren herrliche Bärte, deren wundervoll, wie holzgeschnitzt anmutende Physiognomien, deren glühende und immer junge Augen fast den fehlenden Kaftan herbeizaubern. Mit eigenartigen, heftigen, abgezirkelten Bewegungen treiben sie neben kleinen, krausköpfigen Kindern durch das Gewimmel. Schlanke Mädchen und vollbusige Frauen sammeln an den Tischen und in den Läden Geld der Käufer, neben einem Porzellangeschäft, das oft schöne Stücke in seiner Auslage zeigt, hockt irgendwo hinter der grünen Kugel ein jüdischer Schuhmacher, neben einem Trödelladen mit Literatur, der alle Regionen von Harry Piel bis Thomas Mann beherrscht, strebt der Bau eines fast modernen Warenhauses in die Höhe. Man trifft in diesen Gassen den langbärtigen, salopp angezogenen haben anscheinend weder Hygieniker noch Sozialpolitiker mitgearbeitet, die wissen, daß Tel-Awiw trotz seiner osteuropäischen Juden im Orient liegt. Weist nicht die Architektur der arabischen Häuser Eigentümlichkeiten auf, die den Anforderungen des Landes entsprechen? Wie mit den Wohnungen, so verhält es sich auch mit der Kleidung, so auch mit der Einteilung der Tagesarbeit. Alles spielt sich ab, als ob nur auf einige heiße Sommerwochen zu rechnen sei, mit denen man schon, so'gut es geht, fertig werden muß, da bald doch der kalte Winter mit Eis und Schnee kommt. In Palästina regiert aber die Wärme der Sonne acht Monate im Jahre, davon drei Monate in tropischer Hitze, und Eis und Schnee sind unbekannte Dinge. Durch all diese Nichtbeachtungen fühlen die Eingewanderten sich unbehaglich, schwächen ihren Körper, ziehen sich Krankheiten zu, und statt sich froh ihres Lebens zu freuen, erfaßt sie eine unzufriedene Stimmung. (Saly Geis in dem Artikel ..Die Unzufriedenen", Jüdische Volksstimme, Brünn). Zionismus als Konhinkturseslnnuns. Der neue große Stern, der den bedrängten Zionisten aufgegangen ist, ist Sir Alfred Mond, der unlängst in den Pairstand erhoben wurde: kürzlich konnte er ein neues Avancement verzeichnen: er wurde zum Präsidenten der englischen Zionisten gewählt. Mond hat bekanntlich vor einiger Zeit einen ausgesprochen irreführenden optimistischen Bericht über Palästina veröffentlicht, der in der englischen Oeffentlichkeit auf stärksten Widerspruch gestoßen ist. Doch bald sickerte es durch, warum Mond plötzlich ein so warmes Herz für den Zionismus entdeckte und man erfährt ganz allmählich erbauliche Dinge über den ChaTakteT däeses englischen Industriemagna'ten. Mond war ursprünglich Führer der englischen Liberalen und lief dann, als die Konservativen bei den letzten Wahlen die Uebermacht gewannen, zu der neuen Regierungspartei mit fliegenden Fahnen über. Diese Konjunktursgesinnung wurde von der gesamten englischen Presse mit den bittersten Worten gegeißelt umd die Machinationen Monds ms entsprechende Licht gestellt. In dem bisher von Mond vertretenen Parlamentswahlkrefe Carmarthen, in dem nun eine Nachwahl notwendig geworden ist, hielt vor kurzem Lloyd George eine große Wahlrede, in der er die Persönlichkeit des von den Liberalen?n den Konservativen übergelaufenen Lord Melchett persönlich scharf angegriffen, dabei aber dem Judentum, dem Melchett entstammt, seine große Achtung bezeugt hat. Trotz der Hochwertigkeit des Judentums, sagte Lloyd George, würde es heute weder im House of Ostjuden wie den glattrasierten heutigen und amerikanisierten Typus. Die eine Straße zeigt die ganze Gliederung und Struktur, die Gfühlswelt und die Lebenstüchtigkeit dieser Menschen. Sie fordert zu vergleichenden Ueberlegungen geradezu heraus. So sehr viel anders mag es einst wohl auch nicht hier zugegangen sein, als bei Dunkelwerden schwere Ketten vor die Straßenzüge gelegt wurden und Bürgermilitärs mit geladenem Gewehr wachten, auf daß kein Jude die dem andersgläubigen Bürgertum offenstehenden Gassen nach der gesetzlichen Schlußzeit betrete. Damals waren sogar die Hauptplätze und -straßen der Innenstadt den hier Ansässigen nur gegen besondere Ausweise zugänglich, am Tage! Solche Hemmnisse sind verschwunden, aber noch immer kämpft sich em ganz großer Teil der Judenschaft Hamburgs durch das Ghetto hindurch, langsam aufsteigend, oft durch persönliche Fehlschläge und allgemeine Mißkoniunkturen wieder zurückgeworfen, mit einem starken und heftigen und menschlichen Willen zum Leben. Noch immer stehen Fachwerkbauten, zweistöckig, teils stark windschief, teils innen und außen brüchig und von Händlern dieser Straße bewohnt, neben Mietkasernen der achtziger Jahre, die auch nicht gerade den äußersten Komfort bieten. Aber es gibt heute viele Geschäftsinhaber dieses Viertels, die auf dem Rohtenbaum und Grindel oder in Winterhude schöne, große, wohlhabende Zimmerfluchten bewohnen. Unter den Finanzkapitänen und Börsengewaltigen der Hansastadt, die palastartige Villen ihr Eigen nennen und mit der ganzen Welt durch die Fäden des Geschäftslebens, der Schiffahrt und der — Diplomatie verbunden sind, könnte mancher noch von seiner Jugend in der Elbstraße erzählen. Eltern und Großeltern aber sind bestimmt hindurchgegangen durch den Kleinhandel, das Feilschen, die Not und die Feste der „Judenbörse".