Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1928-09-28 · Heft 39 (28.9.1928) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 39 (28.9.1928)
Date
1928-09-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3064248-3064285--16589-3089348
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 BffifflaifflflH^^ Republik Oesterreich einzig dastehen dürfte. Wir denken an den gefährlichen 7. Oktober, der für das Geschick unseres Vaterlandes großes Unheil heraufzubeschwören droht, wenn nicht im letzten Momente noch bessere Einsicht und Verständnis, wie wir hoffen wollen, die streitenden Parteien, insbesondere aber die verantwortlichen Faktoren unseres Landes zur Umkehr zwingen werden. Sukkoth ist das Fest des Friedens; möge Frieden auch unserem armen Vaterlande beschieden sein und nicht Bürgerkrieg seine Grundfeste bedrohen. Hannah. Ihr ward die Liebe. Und mit weicher Hand Vollführt sie ihres Hauses Pflichten. Doch als nun Jahr auf Jahr einsam entschwand, Lag in den Augen schmerzliches Verzichten. Bebt in der Stimme jäh ein weher Klang Beim Mutterglück der andern Frauen. Wenn hell ein Kinderlachen zu ihr drang, Wenn ihre Blicke Kinderlust erschauen. Einmal — dem herben Leid im Traum entrückt, Umdüsternd ihres Lebens Helle — Hat sie ein holdes Bild so tief entzückt. Sie sieht sich an des Tempels Schwelle, Ein Kind an ihre Brust geschmiegt. Durch ihre Seele zieht ein köstliches Ermatten. Sie fühlt sich ganz in Glückes Glanz gewiegt Und von ihr weichen, lösen sich die Schatten. So ruht sie still noch, wie der Tag anbricht Gleich einer dufterblühten Rose. Und in ihr leise eine Stimme spricht: Gott hat erhört die Kinderlose! Beate Baumgarten. Die „Jadenbörse" in der Elbstraße. Momentbilder aus dem sterbenden Hamburger Ghetto. Schon vor 1914 stand dieses ganze Viertel mit seinen lichtlosen, malerischen und verschmutzten Gängen und Höfen, seinen kaum für zweispännige Wagen passierbaren, holperigen Straßen auf dem „Sanierungsplan" Hamburgs — und jetzt, da rund um den Hauptbahnhof die Riesenbauten auf dem Grund einstiger Verbrecher- und Armenlabyrinthe in die Höhe schießen, ist es sicher nicht zu früh, noch einmal jenen Teil der Altstadt zu durchstreifen, das vor rund einem Jahrhundert noch gesetzliches, abends um 9 Uhr durch Ketten abgesperrtes Ghetto gewesen ist: die Elbstraße mit ihren kleineren und größeren Nebenannen, eine Gasse mittlerer Breite, in der sich kleine und verstaubende Läden an Volksgeschäfte reihen und die sich in all diesen wandlungsvollen, neuen Generationen gehörenden Jahren noch viel von ihrer einstigen Buntheit und Skurilität bewahrt hat. Die „Judenbörse" nennt der Volksmund, der ja immer alles am Treffendsten definiert, jene Häuserzeilen von der Michaeiiskirche bis zum Pilatuspool. Und selbst aus den entferntesten Stadtteilen kommen die einfachen Frauen mit der Straßenbahn hierher, um ganz besonders billig zu ramschen, um unter freiem Himmel auf langen Tischen in Tand und Lesefrüchte. Zum Kongreß der nationalen Minderheiten. . . . Nun werden aber außer den legitimierten Vertretern der tatsächlichen nationalen Minoritäten wohl wieder auch jüdische Delegierte auf dem Kongreß erscheinen. Sie werden sich als jüdisch ausgeben, obgleich ihnen hierzu jede Legitimation ermangelt Es sind Zionisten. Sie benützen jede Gelegenheit, um sich als Sachwalter des Judentums, des jüdischen Volkes aufzuspielen und ihre spezielle Ideologie vom jüdischen - Nationalismus als politische Anschauung aller „selbstbewußten" Juden zum Gegenstand des internationalen politischen Minoritätsschutzes zu machen. Die Herren Sokolow, Dr. Motzkin und ihre Weggefährten überschreiten damit sehr weit die Grenzen, die einzelnen Gruppen innerhalb einer Volksgemeinschaft gezogen sind. Das Judentum, das jüdische Volk, in dessen Namen sie zu sprechen vorgeben, ist über seine Stellungnahme zu den politischen nationalistischen Bestrebungen!, in die ein Teil der Zionisten die jüdische Gesamtheit künstlich einschalten möchte, n i emals befragt worden. Wäre das jüdische Volk darüber gefragt worden, ob es gewisse „nationale" Merkmale, die an den tausendfältigen Ausstrahlungen seines reichen Kulturlebens zu konstatieren sind, unter Verleugnung seiner historischen Eigenart zum Gegenstand der internationalen Minoritätenpoli'tik erhoben wissen wolle, so würde sich herausgestellt haben, daß die Herren, die jetzt auf dem Kongreß der nationalen Minderheiten das Judentum zum Objekt der nationalen Minoritätenfürsorge zu machen sich erkühnen^ nicht einmal im Namen aller in den zionistischen Organisationen vertretenen „Nationaljuden" zu sprechen berechtigt sind. Wir glauben, daß beispielsweise Lord M e 1 c h e r (Alfred Mond), der gegenwärtige Präsident der zionistischen Organisation in England, dessen jüdischer „Nationalismus" bloß darin besteht, daß er seine Kinder in eigener Person feierlich der Kirche zuführt, auf das bestimmteste jede Teilnahme am Zionismus ablehnen würde), we_nn 'hm zugemutet werden sollte, in seiner Heimat das Glied einer besonderen jüdisch-politischen „nationalen Minderheit" zu sein. Dasselbe gilt wohl ausnahmslos auch von allen Zionisten in Amerika, ohne die der heutige Zionismus nicht denkbar ist. und von den Zionisten in Frankreich, Deutschland, Belgien, Skandinavien und der S c h w. e i z erst recht. Von Polen, Litauen und Lettland wissen wir, daß ein fanatischer, aber politisch unberechenbarer und absolut unfruchtbarer Tefl der Zionisten Kram zu wühlen. Die Geschäfte werden näml'ich nur in den seltensten Fällen und bei ungünstiger Witterung in geschlossenen Räumen getätigt — die ansässigen jüdischen Geschäftsleute sind deshalb von der Witterung nicht viel weniger abhängig, als ein Lokalbesitzer an den Elbufern. Man will hier stundenlang suchen und feilschen, und dazu sind die langen Tische auf der Straße eben recht. Findet man zwischen dem Groschenkram das Gesuchte nicht, dann sorgen die ununterbrochen redenden Händler schon dafür, daß man noch ihren absonderlichen Läden einen Besuch abstattet. Die ganze Familie steht herum und handelt, Vater, Mutter, Töchter und Söhne — je zahlreicher die Köpfe, desto ausgedehnter die Straßentische. Was es denn hier zu kaufen gibt? Alles! Es gibt nichts, das es hier nicht zu kaufen gibt! Da sind Handlungen für alte Stiefel und für neue Stiefel, Wäschegeschäfte, Kleiderladen — gebrauchte und neue Sachen —, alles ist vertreten. Langaufgereiht an den Kantstein findet man zum Beispiel die verschiedensten Größen und Sorten von Kochtöpfen, findet man Gasherde und auf den Tischen Taffetbänder in allen Farben. Breiten und Längen. Das große Geschäft sind Reste! Nach geheimnisvollem Raunen sollen diese Reste künstlich sehr oft aus ganzen Längen hergestellt werden — aber was tut's, billig ist hier alles, da ja in der Elbstraße keine Qualitäten verlangt werden, sondern einfache, brauchbare und den niedrigen Preisen entsprechende Waren. Hier ist das ganze Jahr Inventurausverkauf! Was in Lagern herumliegt und von der Mode überholt wurde, was Qualitätsware werden sollte und mit kleinen Fehlern aus der Herstellung hervorging, hier hat es seinen stets besuchten, stets umsetzenden Markt. An sonnigen Tagen schleppen die Kfeiderhändler ihren ganzen Bestand hervor, hängen Mäntel und Anzüge, Regenröcke und Arbeitshosen in bunter Reihe vor die Türen, stehen blinzelnd neben ihren Schätzen und wenden iedem Vorüber-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.