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Die Wahrheit · 1928-09-28 · Heft 39 (28.9.1928) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 39 (28.9.1928)
Date
1928-09-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis «lieser Nummer 50 Orosdiea. fyiftMuMauJiri/t J** *~ Veröffentliditingen der „Union denfschOsterr. Juden* wnA den „Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Knirasgemeinde Wien" Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße Nr. 13 — Telephon 42-2-16 XLIV. Jahrgang Wien, 28. September 1928 Nummer 30 \rn* Die Hütte des Friedens. Nenne man uns immerhin Idealisten oder gar Utopisten, wenn wir auch in diesen Tagen noch immer an die Verwirklichung jener Ideale unerschütterlich glauben, die unsere Alten mit dem Laubhüttenfeste in Verbindung gebracht haben. Die Pflicht, „in Hütten zu wohnen", galt in alter Zeit nur für alle Eingeborenen in Israel, damit fernere Geschlechter es erfahren sollten, „daß die Kinder Israels in Hütten wohnten, da sie aus dem Lande Mizrajim herausgeführt wurden". Die Zelte Israels wurden aber schon in prophetischer Zeit zur Hütte des Friedens, und das Gebet, „auszuspannen die Hütte des Friedens über Israel und über Jerusalem" wurde an jedem Sabbatheingang bewegten Herzens gesprochen. Der innige Wunsch, „wieder aufzurichten die verfallene Hütte Davids", war in den trüben Tagen des Mittelalters der begreifliche Ausdruck für die Sehnsucht, aus den engen Fesseln und aus der drückenden Not herauszukommen, in der sich die Bekenner des jüdischen Glaubens fast überall befanden; aber ihre Anschauung blieb an diesem Bilde nicht haften. Schon in talmudischer Zeit wurde das Davids-Zelt zu einer Hütte des Friedens für die ganze Menschheit erweitert. Der historische Charakter des Festes trat hinter dem symbolischen zurück. Es ist das ein beachtens werter Fingerzeig für die richtige Schätzung jener Periode, die leider noch nicht überall, selbst in jüdischen Kreisen, zu finden ist. Das Laubhüttenfest ist in den Anordnungen der Heiligen Schrift für den Opferdienst besonders reich bedacht. Die Zahl der an den ersten sieben Tagen des Festes dargebrachten Farren betrug siebzig, und nach der talmudischen Deutung sollen diese den siebzig Weltvölkern entsprechen, für die Israel sie als Sühneopfer gebracht hat, ein jedenfalls für den humanen Geist der Lehre und der Lehrer bezeichnender und beachtenswerter Zug! Noch wichtiger und merkwürdiger aber ist der Ausbau der Gedanken, mit denen die Lehrer des Talmuds das Fest selbst und alle Bräuche desselben erfüllt haben. Man kann ohne Uebertreibung sagen: Das Laubhüttenfest ist erst durch sie ein Fest des Menschheitsgedankens geworden! Die alten Lehrer haben also ernstlich an die Verbrüderung der Menschen gedacht und geglaubt, in der Wahl der Haftarah zum ersten Tag des Laubhüttenfestes haben sie das ausdrücklich bezeugt. Dort wird der furchtbare Tag des Weltgerichts mit glühenden Farben geschildert, aber nicht nur der Tag des Völkergerichts, sondern auch der der Versöhnung. Es wird immer ein Ruhmestitel der jüdischen Ethik bleiben, daß diese Anschauung durch das ganze Mittelalter bis auf die neue Zeit sich mit einer Zähigkeit ohne Gleichen innerhalb des Judentums festgehalten hat. Die große Zukunft für Israel und für die Menschheit ist die Krönung aller prophetischen Visionen. Sie ist auch der Kern und der Mittelpunkt aller Deutungen und Dichtungen der Hagadah. die sich am meisten um das Laubhüttenfest gruppieren. Israel ist mit Recht das Volk der Hoffnung genannt worden. Durch alle Zeiten hat der Jude die schöne italienische Devise befolgt: Ma spero. Nichts vermochte ihn zu entmutigen, nichts zu täuschen, nichts irre zu führen, nichts seinem Glauben abwendig zu machen. Und weil die Zukunft ja doch den Menschen gehört, die noch nicht enttäuscht sind und die den Glauben an die Menschheit im Herzen tragen, darum ist es Israel sicher noch vorbehalten, in den letzten großen Entscheidungskämpfen der Völker und Rassen das erlösende und befreiende Wort mitzusprechen. Mag immerhin noch dichter Nebel diese Zukunft verhüllen, wir glauben an die Verheißung unserer Propheten, und wir feiern unser Laubhüttenfest trotz aller Angriffe und Verdächtigungen, trotz allen Hasses und aller Verleumdungen in der festen Ueberzeugung, daß eine Hütte des Friedens sich dermaleinst ausbreiten werde über Israel und die ganze Menschheit. Unser engeres Heimatland steht vor schweren kritischen Entscheidungen. Von allen die Entwicklung und das Aufblühen Oesterreichs mit Liebe verfolgenden Menschen wird mit Schrecken an einen Tag gedacht, der uns friedliebenden Mitbürgern unheildrohend bevorsteht und an dem. nach den Anzeichen zu schließen, es zu einem Zur sammenprall der feindlichen Elemente kommen dürfte, wie er in der zehnjährigen Geschichte der

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