Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 37-38 (14.9.1928)
- Date
- 1928-09-14
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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überstellen, was unsere Gemeinde wirklich für unsere armen, unglücklichen und notleidenden Brüder geleistet hat und was seäbst im Vergleich mk den Leistungen der reichen Gerne inde Wien nicht wenig ist In diesem Sinn ist unsere israelitische Kultusgemeinde in der Tat ene wahrhafte Volksgemeinde, wenn auch in einem ganz anderen Sinne, als dieser zum politischen Schlagwort gewordene Ausdruck von der Gegenseite gebraucht wird: Wir nehmen uns aller armen Brüder an und gerade die ärmsten stehen unserem Herzen am nächsten. Es sind aber nicht nationale, sondern, wie ich nochmals betonen will, ausschließlich religiöse) Gründe, weiche uns zur Ausübung dieser wahrhaft jüdischen Zedokoh veranlassen. Gründe, die in unserem jüdischen Herzen, in unserer Bibel und in unserer ehrwürdigen Ueberlieferung zu suchen sind. Deshalb ist es ganz falsch, wenn Dr. Friedmann behauptet: „Keine nationale Partei ist in der Lage, den Fortbestand der Gemeinde zu sichern." Dr. F r i e d m ä n n scheinen seine geschichtlichen Kenntnisse dabei abhanden gekommen zu sein, denn sonst müßte er wissen, daß unsere Vorfahren niemals beseelt waren von nationalen, sondern immer nur — und das tief und innerlich — von religiösen Gedanken. Wir können stolz darauf sein, daß wir in den Fußstapfen unserer Vorfahren wandeln, ihrem erhabenen Beispiele folgen und das heilige Erbe, das wir von ihnen übernommen haben, unseren Nachfahren ungeschmälert zu übergeben in der Lage sind. Wir können stolz darauf sein, daß wir Nachfahren haben werden, die sich sagen werden: „Alles für unsere Kultusgemeinde, aber nur auf dem Boden unserer heiligen Religion!" Nachdem sich der langandauernde Beifall, welcher der Rede Dr. O r n s t e i n s gefolgt war, beruhigt hatte, erteilte der Vorsitzende Herrn Baurat Wilhelm Kempler das Wort, der in kurzen, aber markanten Worten folgendes ausführte: „Während wir alle Probleme nur vom Standpunkte der Wiener Juden behandeln, ist dies bei den erwähnten zwei Parteien ganz anders. Ihre Entschließungen richten sich darnach, was die Partei, welcher sie angehören, außerhalb des Rahmens unserer Gemeinde will. Daher ist unser wichtigster Gerundsatz: „Keine Politik in der Kultusgemeinde!" Wir richten uns nicht nach den Wünschen von politischen Parteien, sondern allein nach den Interessen der Judenschaft, Wir wollen das nicht einführen lassen, daß diejenigen, welche nichts für unsere Gemeinde leisten, denen, welche wirklich etwas leisten, die Steuerschraube ansetzen, damit die auf diese Art und Weise gewonnenen Gelder in parteipolitischer Absicht verwendet werden können. Wir wollen auch keine KlassensteueTn einführen und die Machtmittel der Gemeinde zu Zwecken verwenden, die mit ihren idealen Aufgaben absolut nichts zu tun haben. Unsere Politik soll die Arbeit sein, während die Arbeit der anderen Politik ist! (Stürmischer Beifall.) Meine Herren! Von der Begünstigung, sich um 60 Groschen das Wahlrecht zu sichern, haben im ganzen sieben Personen Gebrauch gemacht! 60 Groschen im Jahre, das bedeutet nicht einmal ein einziges Zündhölzchen im Tag, ein Zündholz, das wir aus Höflichkeit ohne weiteres zu opfern bereit sind, wenn uns jemand auf der Straße um Feuer anspricht. Der Kultusgemeinde wollen diese Herren nicht dieses gleiche Opfer bringen, dafür stellen sie an diese Ansprüche, welche ins Uferlose gehen. Aber, meine Herren, solche Parteien brauchen wir nicht im Kultusvorstande, wir brauchen selbstlose und uneigennützige Menschen, die nichts einer Partei zuliebe, sondern alles unserer Gemeinde zuliebe tun. Deshalb bitte ich Sie, meine Anwesenden, allen Zweiflern, allen Lauen und Unschlüssigen, aber auch allen von Parteischlagworten Irregeführten immer und immer wieder eindringlich vor Augen zu halten, daß sie zu wählen haben werden zwischen solchen Männern, die für die Kultusgemeinde arbeiten wollen, und zwischen solchen, die in der Kultusgemeinde nur Sonderinteressen vertreten wollen." (Stürmischer und anhaltender Beifall.) Nachdem Kommerzialrat Bernhard B u c h w a 1 d den geschäftsordnungsmäßigen Antrag gestellt hatte, zum Hauptpunkte der Tagesordnung überzugehen, und die Wahl des Aktionskomitees vorzunehmen, erteilte der Vorsitzende dem Herrn Medizinalrat Dr. Heinrich Haase das Wort, der in einer geistvollen Rede unter anderem folgendes ausführte: „Der „Union" wird von den Gegenparteien vorgeworfen, daß sie ein bloß negatives Programm habe, während sich die Gegenparteien auf ihre angeblich positiven Programme viel zu gute tun. Gerade das Umgekehrte ist der Fall; denn während jene den nationalen, bzw. den Klassenkampf in die Gemeindestube tragen und damit! ein Werk der Zerstörung, also etwas N_egativest vollbringen wollen, heißt das Programm der „Union": Frieden, Unser Programm ist also ein durchaus Positives, denn nicht im Kampfe gegeneinander, sondern nur in. der Arbeit miteinander kann etwas Positives geleistet werden. 50 Jahre hat es in unserer Gemeinde Frieden und Zusammenarbeit gegeben. Wohl gab es manche Meinungsverschiedenheiten über das., was unserer Gemeinde frommt und was nicht!, doch ist es niemals zu politischen Gegensätzlichkeiten im Schöße unserer Gemeinde gekommen. Der Friede in unserer Gemeinde wurde in jenem Moment gestört, als die Jüdischnationalen in diese eingetreten sind, und es steht zu befürchten, daß sich diese Verhältnisse noch weiter verschlimmern werden, wenn außer den nationalen Gegensätzen auch noch der Klassenkampf, auf dessen Boden die „Werktätigen Juden" stehen, in die Gemeindestube einzieht Deshalb hat die „Union", welche nur den Frieden in der Gemeinde will, als einen wichtigen, wenn nicht den wichtigsten Rrogrammpunkt den Ausschluß der Politik aus der Kultusstube auf ihr Programm gestellt. Deshalb bitte Ich Sie, wählen Sie in das Aktionskomitee nur Männer Ihres Vertrauens, welche die Fähigkeit besitzen, diejenigen in. die Kultusgemeinde zu bringen, welche den Frieden in der Gemeinidestube wiederherzustellen und zu bewahren in der Lage sind." (Lebhafter Beifall.) Auf Ersuchen des Vorsitzenden leitet nun Doktor 0 r n s t e i n mit einigen Worten den Wahlakt ein und erstattet hierauf den Wahlvorschlag für das Präsidium des Großen Kultuswahlkomitees. Er bittet, die Wahl per Akklamation vorzunehmen. Es werden hierauf die Herren: Hofrat Siegfried Gerstmann, Ernst Hirsch, Kommerzialrat Heinrich Kling er, Präsident Leopold Langer, Prof. Dr. Heinrich N e u m a n n, Dr. Jakob O r n s t e i n, Prof. Dr. Alois Pick und Präsident Julius Stern einstimmig per Akklamation gewählt Der Vorsitzende, Rechtsanwalt Dr. Hei n, nimmt das Ergebnis der Wahl namens der Gewählten dankend zur Kenntnis und schließt in vorgerückter Stunde mit einem Dank an alle Anwesenden und insbesondere an die Herren Redner die Versammlung. Volksgemeinde oder Religionsgemeinde? Ein offenes Wort zu den bevorstehenden Kultuswahlen. Von Prof. Dr. M. E. P r o s s n i t z. Ein Mitglied des am 6. d. M. konstituierten Großen Kultu s.w ahlkomitee der „U n i o n" hat unter dem Eindrucke der oben ausführlich besprochenen großartigen Veranstaltung die nachstehenden Zeilen geschrieben, die in treffender Form den Kernpunkt der ganzen Wahlbewegung, die jetzt die Wiener Judenschaft in Atem hält, bespricht. D. Red. Es ist die Pflicht der „Union deutsch-österreichischer Juden", im Verein mit der Wiener Orthodoxie eine energische, auf breitester Grundlagefußen deAgitation zu entfalten, um die große drohende Gefahr einer Nationalisierung und Politisierung der Kultusgemeinde endgültig und für immer zu bannen und abzuwehren. Es gilt für die „Union", im Bewußtsein der Stärke und Wahrhaftigkeit ihres Standpunktes, der auf die mehrtausendjährige religiöse Tradition des Judentums sich stützt, mit würdevoller, vornehmer Energie die Herrschaftsgelüste des „jüdischen Nationalismus" von der Kultusgemeinde fernzuhalten, und zwar mit geistigen Waffen, geholt aus der Rüst-