Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 37-38 (14.9.1928)
- Date
- 1928-09-14
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT iiiiiiiiiiiiiiuiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiM Seite 27 Zeugnis einer tausendjährigen Entwicklung und unsere eigene Empfindung sagt uns, wir sind eine, religiöse Minderheit und wollen eine solche bleiben, aber von einer nationalen Minderheit kann absolut keine Rede sein; vielmehr sind wir deutsche Oesterreich er. Unsere Eigenart, durch welche wir uns von unseren nichtjüdischen Mitbürgern unterscheiden, ist einzig und allein unsere Religion und an dieser Eigenart wollen wir mit allen Kräften festhalten, sonst aber haben wir keinerlei Eigenart und bilden daher auch keine „nationale Minderheit". Als gute Oesterreicher, als treue Bürger unseres Staates wollen wir gemeinsam mit unseren nichtjüdischen Mitbürgern für das Wohlergehen unseres Heimatlandes arbeiten. Wir verlangen daher auch keine sogenannten „Minoritätsrechte", sondern das einzige, was wir wollen, ist die Erlangung und Erreichung der vollkommensten staatsbürgerlichen Gleichberechtigung, um welche wir, trotzdem sie uns in unserer Verfassung verbrieft ist, dennoch immer wieder zu kämpfen gezwungen sind und für die wir so, lange kämpfen werden, bis endlich der schöne, der herrliche Morgen anbricht, an welchem sich selbst der Mann von der Straße sagt: Das sind meine Brüder, meine Mitmenschen. Wenn unsere Jüdischnationalen für die österreichischen Juden Minderheitsrechte verlangen, dann gehen sie noch weiter als etwa ein M o t z k i n, einer der geistigen Führer des Zionismus, der nur für die Juden Süd- und Osteuropas, die allerdings in anderen Verhältnissen leben, Minderheitsrechte verlangt hat. Wir aber lehnen das ab, wir österreichischen Juden wollen keine Minderheitsrechte, diese wären für uns, um einen Ausdruck des römischen Rechtes zu gebrauchen, eine freiwillige capitis deminutio, das heißt die Einwilligung zur Minderung unserer uns durch die Verfassung gewährleisteten staatsbürgerlichen Rechte. Der Mangel an Ernst und Verantwortungsbewußtsein, der beiden gegnerischen Parteien in vieler Hinsicht gemeinsam ist, zeigt sich auch in den ganz unmöglichen und vielfach nur zu rein agitatorischen Zwecken aufgestellten Forderungen an unsere Gemeindeverwaltung. So z. B. fordert Doktor Kiew e, der Wortführer der jüdischnationalen Studentenschaft, von der Kultusgemeinde die Errichtung von Kindergärten, Volks- und Mittelschulen, die Schaffung von Stellen für jüdische Akademiker und so fort. Dr. Goldhammer hinwiederum möchte, daß die Kultusgemeinde ein Kreditinstitut, ein Gewerbeförderungsamt, eine Lehrwerkstätte, eine Einkaufs- und Verkaufszentrale, eine Genossenschaft für jüdische Heimarbeiter und Heimarbeiterinnen, eine Angestelltenversicherung usw. schaffe, er wünscht, daß wir allen arbeitsfähigen Juden Erwerbsmöglichkeiten sichern! Diese Forderungen wurden womöglich noch übertrumpft durch das Verlangen Dr. Abel es, ebenfalls eines Jüdischnationalen, der nichts weniger verlangt, als daß die Kultusgemeinde E rh o 1 u n g s h e i m e(!) für die Besucher der Gemeindebibliothek schaffen solle. Abgesehen davon, daß es nicht Aufgabe der Kultusgemeinde sein kann und mit ihrem Statut unvereinbar ist, derartige Forderungen zu erfüllen, sagen uns die Herren nicht, woher wir die hierfür notwendigen, ganz enormen Mittel nehmen sollen. Nicht weniger weitgehend sind die Forderungen der „W erktätigen Jude n'\ die zunächst eine Besserstellung der Kultusbeamtenschaft verlangen und dabei vergessen, daß unsere Beamten ebenso gut, ja in vieler Hinsicht besser gestellt sind als die der sozialdemokratischen Gemeinde Wien. Außerdem verlangen sie ein Kreditinstitut für den jüdischen Mittelstand — hier haben sie auf einmal ihr Herz für den Mittelstand entdeckt — und Lehrlingsheime nach dem Muster der Gemeinde Wien. Das alles soll die Kultusgemeinde mit ihren beschränkten Mitteln leisten können? Wenn wir uns das Programm, mit welchem die „Werktätigen" in den Wahrkampf zur Kultusgemeindewahl ziehen, anschauen, dann müsseji wir uns fragen: Ist das ein Kultusprogramm? Nein, es ist ein rein politisches Programm, ein Programm zur Unterstützung der sozialdemokratischen Partei. Wenn sich aber die Sozialdemokraten weigern, eine Schutztruppe der Juden zu sein, dann müssen auch wir uns weigern, uns zu einer Schutztruppe der Sozialdemokraten machen zu lassen. Aber für ein Kultusprogramm kann es sich gar nicht darum handeln^ zu politischen Fragen Stellung zu nehmen, und wenn die „Werktätigen" darauf hinarbeiten wollen, die bürgerlichen Juden in das Lager der Sozialdemokratie überzuführen, dann hat dies nichts mit der Frage zu tun, wie sich das künftige Schicksal der Kultusgemeinde gestalten soll. Der wichtigste Grund aber, warum zwischen uns und den „Werktätigen" ein unüberbrückbarer Müitr i Botst WIEN I., Seltenstetteagass* 2 Tai. ü 28-1-28 X!., Zentralfriedhof, neben dem l. Tor, Tel. U18-0-85 Abgrund gähnt, ist folgender: Viscount Haidane sagte vor kurzem in einem Aufsatze, welchen die „Neue Freie Presse" veröffentlicht hat: „Wir müssen zu einer höheren Erziehung gelangen, zur Erziehung der Erwachsenen, und diese wird uns der Religion zuführen und nicht von dieser wegführen." Wir Juden müßten auf unserem Fortbestand verzichten, wenn wir die Religion nicht mehr als das unerschütterliche Fundament unserer Gemeinde hielten. Ich sehe den Kern unserer Religion in der unerreicht hohen Ethik, die uns die Bibel gibt und die uns in Stand gesetzt hat, nicht nur zweirausendjährige Martern und Verfolgungen zu ertragen, sondern auch die Menschheit ein gutes Stück sittlich vorwärts zu bringen. Nicht um des Judentums willen, sondern um der Menschheit willen, die dem Judentum so viel verdankt, müssen wir an unserer unübertrefflichen Ethik, an unserer unübertrefflichen Religion bis zum letzten Atemzuge festhalten! Wie stellen sich aber die „Werktätigen" zur Religion? Während der Abgeordnete L e u t h n e r, ein Vorkämpfer der Gottlosigkeit und der Abfallbewegung in Wort und Schrift, immerhin noch auf dem letzten sozialdemokratischen Parteitag behauptet hat, die Sozialdemokratie stehe auf dem Standpunkt, Religion sei Privatsache, hat der aus dem Judentum ausgetretene Dr. Ellenbogen klipp und klar erklärt: „Sozialismus ist Atheismus". Und das sind die geistigen Führer auch jener „Werktätigen", das sind die Wortführer einer Partei, für welche unsere Gemeinde erobert werden soll. Wir müssen uns fragen: Was haben Menschen, die entweder vollkommen areligiös sind oder auf dem Standpunkte stehen, daß Religion Privatsache sei, innerhalb einer religiösen Gemeinschaft überhaupt zu suchen? (Lebhafter Beifall.) Ich komme nun zur Frage des „Allgemeinen Wahlrechtes" für die Kultusvertretung, welche von den „Werktätigen" als eines der Hauptschlagworte gebraucht wird, und da will ich zunächst einmal feststellen, daß dieses bereits durch eine Steuerleistung von 60 Groschen erworben werden kann. (Zwischenruf: „25 Groschen!") Da wagt es nun eine Partei zu behaupten, daß wir kein allgemeines Wahlrecht haberu Der Betrag, für welchen das Wahlrecht erworben werden kann, ist so lächerlich gering, daß es nichts als demagogische Heuchelei ist, von „Plutokratie" und ähnlichem zu sprechen. Denjenigen, der nicht einmal diese geringe Summe für unsere Gemeinde, die so große Summen für unsere notleidenden Brüder und Schwestern alljährlich ausgibt, zu opfern gewillt ist, den halten wir einfach für moralisch nicht berechtigt, mitzuentscheiden über das Schicksal unserer Gemeinde. Da kommt nun der Zionist Dr. Ooldhammer, welcher in der Frage des „Allgemeinen Wahlrechtes" auf demselben Standpunkt steht wie die „Werktätigen", und meint, niemand würde sich zur Zahlung des Minimalbeitrages bereit erklären, weil er befürchten (!) müßte, dann vom Steueramt einen ihm angemessenen Betrag vorgeschrieben zu erhalten. Und diese Mentalität, diese ganz und gar unjüdische Einstellung gegenüber Witwen, Waisen, Kindern, Kranken und anderen notleidenden Brüdern und Schwestern soll uns dazu bestimmen, auch denjenigen, welche nicht auf dem Standpunkte der jüdischen Zedokoh stehen, Anteil und Mitbestimmungsrecht an unserer Gemeinde zu gewähren? Sie geben uns aber auch die Mittel in die Hand, um diese Forderungen, deren Erfüllung natürlich sofort unser Budget sprengen würde, zu verwirk- Jichen, und zwar meinen sie, daß das notwendige Geld durch Aufwertung der oberen Grenze der Kultussteuerleistung, welche bekanntlich 6000 Schüling beträgt, hereingebracht werden könnte. Dieser rein demagogischen Forderung haben wir entgegenzuhalten, daß wir auf diese Weise gerade den entgegengesetzten Erfolg erzielen könnten, indem gerade die maximalen Steuerträger, von denen viele auch durch freiwillige Zuwendungen unsere karitativen Einrichtungen und Wohltätigkeitsinstirute unterstützen, abgeschreckt werden würden. Diesen phantastischen, der Wirklichkeit so gar nicht Rechnung tragenden Forderungen können wir nur das gegen-