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Die Wahrheit · 1928-09-14 · Heft 37-38 (14.9.1928) · page 26

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 37-38 (14.9.1928)
Date
1928-09-14
Page
– (sequence 26)
Language
German
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Seite 26 IHB«^ DIE WAHRHEIT eecffeniliekttnyeii der Unicn dLeutrclvCftevveicKiechev Julciqh <A3rfqww*a«K«ibntoAr.94d4 WienlX^eeq^rre 4t TeUfcn.:t9-2-?7 Die Konstituierung des Großen Kultuswahlkomitees. Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Auch die Kultuswahlen, die am 2. Dezember in Wien stattfinden werden und die Wiener Judenschaft vor eine für das Schicksal ihrer altehrwürdigen religiösen Gemeinschaft folgenschwere Entscheidung stellen, sind bereits Gegenstand des lebhaftesten Interesses in allen jüdischen Kreisen, ja sie lenken sogar bereits die Aufmerksamkeit der gesamten jüdischen und nichtjüdischen Oeffentlichkeit auf sich, eine Tatsache, welche uns die Bedeutung zeigt, die sich die Kultusgemeinde im öffentlichen und kulturellen Leben Wiens erworben hat. Und, wie dies nun schon einmal in unserem armen, von Parteiungen zerrissenen und zerspaltenen Oesterreich zu sein pflegt, mischt sich auch in diese innerjüdische Angelegenheit die Politik und so werden die kommenden Kultuswahlen, dank der agitatorischen Tätigkeit gewisser Parteien, zu einem Politikum gestempelt, obwohl sie mit Politik nicht das Geringste zu schaffen haben. Während nun diese Parteien, bzw. die jüdischen Ableger unjüdischer, wenn nicht gar antijüdischer Parteien sich bereits seit Wochen in den Kampf „zur Eroberung der Kultusgemeinde" gestürzt und in ihren verschiedenen Parteiblättchen eine kaum mehr zu überbietende Hetzkampagne eröffnet haben, ist die „Union", deren Vertreter die stärkste Gruppe im Kultusvorstande bilden, auch nicht müßig geblieben. Nach intensiven Vorarbeiten ist die „Union" Donnerstag, den 6. September, mit der Konstituierung des Großen Kultuswahlkomitees in den eigentlichen Wahlkampf eingetreten und hat den ihr zugeworfenen Fehdehandschuh aufgenommen. Nicht mit jenem Lärm und Geschrei, wie man es auf der anderen Seite vernimmt, auch ohne hohle Phrasen und die Parteischlagworte, wie sie von der Gegenseite gebraucht werden, sondern mit jenem ritterlichen Ernst und jener würdigen Ruhe, wie sie allein der Sache sowohl als auch den Vertretern der deutschösterreichischen Judenschaft angemessen sind, hat die „Union" vor aller Welt ihren unerschütterlichen Entschluß kundgetan, den ihr — man könnte fast sagen — mutwillig aufgezwungenen Kamp* durchzukämpfen, den Kampf um die Zukunft der Wiener jüdischen Gemeinde! Und so gestaltete sich die Konstituierung des großen Wahlkomitees gleichzeitig zu einer eindrucksvollen Kundgebung des Wiener jüdischen Bürgertums, das seine hervorragendsten Vertreter, Männer der Wissenschaft und des praktischen Lebens, sowie Angehörige aller jüdischen Gesellschaftskreise hierzu entsendet hatte. Auch alle großen Wiener Tageszeitungen hatten Berichterstatter entsendet und brachten über die gelungene Versammlung sehr ausführliche Berichte. Das große Souterrainlokal des Cafe Habsburg, in welchem die konstituierende Sitzung stattfand, war denn auch bis auf das letzte Plätzchen gefüllt und es herrschte ein geradezu beängstigendes Gedränge. Es war mit einem Wort ein Auftakt zu der mit aller Wucht einsetzenden Wahlkampagne, wie man sich ihn glänzender und würdevoller nicht vorstellen kann, eine Parade aller jener Elitetruppen, welche im kommenden Wahlkampfe an der Spitze des Wiener jüdischen Bürgertums zu marschieren berufen sein und dieses mit Gottes Hilfe auch zum Siege führen werden. Dann, aber auch nur dann, wird die Kultusgemeinde das sein, was sie ihrer Bestimmung gemäß zu sein hat, ein Hort aller religiösen und sittlichen Kräfte der Wiener Judenschaft! * * * Rechtsanwalt Dr. Oskar Hein. eröffnet als Vorsitzender die Versammlung und begrüßt die so zahlreich Erschienenen. Er betont die Wichtigkeit der Versammlung mit Rücksicht auf den der „Union" bevorstehenden, ihr aufgezwungenen Kampf nach zwei Fronten, gegen die Jüdischnationalen und die sogenannten „Werktätigen Juden". Diese haben sich schon vom Anfang an die „Eroberung der Kultusgemeinde" zur Aufgabe gemacht, während jene uns ein Zusammenarbeiten mit ihnen durch einen spontan gefaßten Beschluß unmöglich gemacht haben. Die Stellungnahme der „Union" zu dem aus Anlaß der Wahlen in den Kultusvorstand aufgeworfenen Problemen läßt sich, fährt Dr. Hein fort, kurz dahingehend präzisieren, daß unsere Vereinigung nach wie vor auf dem Boden des Gesetzes von 1890 steht, auf dem einzig möglichen Boden für eine Religionsgenossenschaft, die auf das Gesetz so angewiesen ist wie die unsere. Die „Union" ist auch die einzige Partei, welche imstande ist, eine tatkräftige Mehrheit zu bilden. Nach diesen einleitenden Ausführungen erteilt der Vorsitzende dem Hauptreferenten der Versammlung Rechtsanwalt Dr. Jakob Ornstein. Vizepräsident der Wiener israelitischen Kultusgemeinde und Präsidenten der „Union deutschösterreichischef Juden" das Wort, der, lebhaft akklamiert, folgende Ausführungen macht: „Wenige Wochen trennen uns noch vom Beginn einer intensiven Wahlarbeit; deshalb haben wir es, noch bevor die große Pause der Feiertage eintritt, für notwendig gehalten, Sie hierher zu berufen und Ihnen schon heute darzulegen, worum es sich bei dem bevorstehenden Wahlkampfe handeln wird. Es obliegt uns daher die Aufgabe, Ihnen gewissermaßen einen Leitfaden für die uns bevorstehende Tätigkeit zu geben. Wir haben bei dieser Wahl gegen zwei Parteien zu kämpfen und da müssen wir fragen: Was trennt uns von diesen beiden Parteien? Da möchte ich mich nun vor allem mit einer Partei befassen, die den Kampf, welcher die Bürgerschaft Oesterreichs spaltet, auch in unsere jüdische Gemeinde hineintragen möchte: das ist die sozialdemokratische Partei oder, besser gesagt, deren jüdische Nachläufer, die sich in irreführender Absicht den Titel „W erktätige Juden" beigelegt haben. Eine Wiener Tageszeitung hat vor kurzem ein Interview ihres Berichterstatters mit dem gegenwärtigen deutschen Reichskanzler Hermann Müller, der ja bekanntlich ebenfalls Sozialdemokrat ist, veröffentlicht und darin finden wir den wundervollen Satz: „Wir wollen eine Arbeit in Angriff nehmen, welche den Interessen des gesamten deutschen werktätigen 'Volkes Rechnung trägt." Bei uns in Oesterreich werden jedoch von den Angehörigen der gleichen Parteirichtung alle, die nicht gerade Handarbeiter sind, nicht ais „w e r k t ä t i g", sondern vielmehr als Parasiten, Drohnen, Ausbeuter und, wie alle diese lieblichen Schlagworte lauten, bezeichnet. Sie billigen sich nun selbst das Attribut der „Werktätigkeit" zu und wollen damit sagen, daß sie alle jene, welche ihnen nicht Gefolgschaft leisten, als Nichtstuer und Schmarotzer ansehen. So wird von ihnen eine Kluft aufgerichtet zwischen Juden und Juden und folgerichtig sprechen sie immer nur von den Interessen der Arbeiter und nicht von jenen Interessen, welche die Kultusgemeinde wahrhaft zu vertreten berufen ist, nämlich von den Interessen des Judentums. Und darum wollen, darum können wir mit diesen „Werktätigen" nicht zusammenarbeiten. (Lebhafter Beifall.) Was trennt uns nun von den Jüdischnationalen? Die Antwort auf diese Frage gibt uns Dr. Goldhammer, wenn er sagt: „Das allgemeine Wahlrecht ist der erste Schritt zur Erreichung der jüdischen Volksgemeinde." Also, aus der Kultusgemeinde soll eine „Volksgemeinde" werden, so verlangen es die Jüdischnationalen, und diese jüdische „Volksgemeinde" habe die Aufgabe, alles zu umfassen, was die Juden als „nationale Minderheit" betrifft. Hier tritt der Gegensatz zwischen unserer und der jüdischnationalen Anschauung klar und deutlich hervor. Das Zeugnis der Geschichte, das

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