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Die Wahrheit · 1928-09-14 · Heft 37-38 (14.9.1928) · page 24

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 37-38 (14.9.1928)
Date
1928-09-14
Page
– (sequence 24)
Language
German
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Seite 24 lllllllllMllflililililllM DIE WAHRHEIT zu weiterer Entfaltung. Es ist die Kontinuität im Geistesleben des Volkes. Der Tod belehrt uns auch über den Sinn des Lebens. Wie wir durch die Kraft des Geistes und der Tugend unserem Leben dauernden Inhalt verleihen. So quillt neues Leben aus den Gräbern. Aber trotz allem Wissen stehen wir der geheimnisvollen Macht des Todes wie betäubt gegenüber. Mit tausend Fasern hängt der Mensch am irdischen Leben. Darum schließen wir mit dem Gebete: Herr, schreibe uns ein in das Buch des Lebens. Möge die Zeit herannahen, in der die Menschen auch im Leben friedlich nebeneinander wohnen. Mögen alle, die nach ehernem Gesetz einmal still und bleich in diesen Raum getragen werden, die äußerste Grenze menschlichen Erdenwallens erreicht und ihre Lebensaufgabe erfüllt haben. Danach ergriff Vizebürgermeister E m m e r 1 i n g das Wort. Er beglückwünschte den Vorstand der Kultusgemeinde zur Vollendung dieses Werkes, das eine Sehenswürdigkeit Wiens darstellt und zu den imposantesten Monumentalbauten unserer Stadt gezählt werden muß. Aus der Art, wie ein Volk seine Toten ehrt, sagte Vizebürgermeister Emmering, könne man auf den Grad seiner Kultur schließen. Ministerialrat Doktor Nürnberger überbrachte der Kultusgemeinde den Dank des Bundesministers für soziale Verwaltung Dr. R e s c h und Ministerialrat Eberstaller jene des Bundesministers Schmitz. An die Feier schloß sich ein Rundgang durch die Baulichkeiten. Oberkantor Heinrich Fischer stimmte unter Chorbegleitung einen Psalm an, mit welchem die Feier in der Halle beendet war. Ihr folgte ein Rundgang durch die neuen Baulichkeiten. Auf Grund des prämiierten Wettbewerbentwurfes wurde der Ausführungsplan vom Architekt Ignatz Reiser unter Bedachtnahme auf alle durch den Vorstand beschlossenen, betriebstechnisch oder ökonomisch bedingten Abänderungen entworfen. Der Ausführungsentwurf ist im Grundriß sehr klar gegliedert und in der äußeren Gestaltung von einem monumentalen Zug beherrscht, und wird den an ihn gestellten Anforderungen in jeder Hinsicht gerecht. Die ganze Anlage bildet einen in sich geschlossenen Bezirk, welcher nach Norden gegen die Simmeringer Hauptstraße durch eine beinahe 50 Meter lange Umfriedungsmauer abgeschlossen wird. Von der Simmeringer Hauptstraße aus überschreitet man den durch eine Einbuchtung der Umfriedungsmauer gewonnenen ungefähr 2000 Ouadratmeter großen Wagenaufstellungsplatz und gelangt durch das monumentale dreitorige, mit schmiedeeisernen Türen versehene Haupteingangsportal in den mit gärtnerischen Anlagen geschmückten Vorhof. Von diesem Vorhof, der an drei Seiten von Gruftarkaden umgeben ist, in denen sich 54 Grüfte befinden, führen Tore östlich und südlich auf das Friedhofsgelände, während der westliche, stadtseitig gelegene Abschluß des Vorhofes durch das Verwaltungsgebäude gebildet wird. Die architektonische Dominante des Vorhofes bildet die kuppelgeschmückte Zeremonienhalle, zu der man über eine Freitreppe von fünf Stufen hinansteigt. An die Zeremonienhalle schließt sich in westlicher Richtung achsial die Leichenhalle für nichtinfektiöse Leichen mit ihren Nebenanlagen an. Ihr gegenüber liegt ganz gesondert die Leichenhalle für Infektiöse und die Leichenkühlanlage. Zwischen beiden Leichenhallen liegt der völlig abgeschlossene Leichenhof mit einer eigenen Zufahrt von der Simmeringer Hauptstraße aus, so daß die Manipulation mit den Leichen nicht angesichts der Friedhofsbesucher vor sich geht. Ein zwischen Zeremonienhalle, Leichenhalle und Verwaltungsgebäude eingeschaltetes kleines, durch einen Springbrunnen belebtes und mit altjährigen Zypressen bestandenes Schmuckhöfchen, welches sich gegen den großen Vorhof mit drei Spitzbogenarkaden öffnet, erhöht die architektonische Geschlossenheit der ganzen Bauanlage auf das glücklichste. Der Forderung des seinerzeitigen Bauprogrammes nach vollständiger Trennung des Friedhofsbetriebes vom Publikumsverkehre ist im Ausführungsentwurf vollständig entsprochen worden. Im einzelnen wäre über die Grundrißanlage und Ausstattung folgendes zu erwähnen: Die große, im Grundriß achteckige kuppelüberdeckte Zeremonienhalle von rund 250 Ouadratmeter Grundfläche und einem Fassungsraum für 400 bis 500 Personen erweitert sich an der Westseite durch eine in Aspidenform ausgebildete und mit einer Spitzbogentonne überwölbte Estrade, für die Aufstellung der Bahren. Ueber der Estrade, welche um vier Stufen höher liegt als der Hallenfußboden, ist die Sängerempore angeordnet Die Belichtung des Kuppelraumes der Zeremonienräume erfolgt durch vier große Spitzbogenfenster und durch eine Oberlichte im Scheitel der Kuppel. Um die Zeremonienhalle gruppieren sich in unmittelbarer Verbindung mit ihr die Räume für die Leidtragenden, ein Vorsaal, zugleich Aufenthaltsraum für die Trauergäste, weiters Räume für den Vorstand und Mitglieder der Chewra Kadischa, Funktionäre, Diener, Eingangs- und Ausgangsvestibule und Toiletten. Hierbei ist der Vorsaal der Zeremonienhalle ostseitig derart vorgelagert und durch drei große Flügeltüren mit ihr verbunden, daß er beii großen Feierlichkeiten zur Erweiterung der Zeremonienhalle herangezogen werden kann und ihren Fassungsraum um weitere 100 bis 150 Personen vergrößert. Weiters reihen sich an der KadiSchgebetraum und der Händewaschraum mit einem künstlerisch durchgebildeten Brunnen in Majolika, welche beiden Räume jedoch mit der Zeremonienhalle nicht in direkter Verbindung stehen, sondern nur vom Friedhof aus zugänglich sind. In die Ostwand des Kadischraumes ist eine Marmortafel mit dem Kadischgebet eingelassen. Aus der Zeremonienhalle gelangt man durch drei große Flügeltüren über das Ausgangsvestibule südseits auf das Friedhofsgelände und westseits über die Estrade durch den Agnoszierungsraum an vier Aufbahrungszellen vorbei in die Leichenhalle für Nichtälnfektiöse mit ihren Nebenanlagen, wie Räumlichkeiten für das Friedhofspersonale, Leichenwächter, Amtsarzt, Duschen und Toiletten. Die Leichenhalle, der südlich und nördlich die Leichenwaschräume und Wäschedepots vorgelagert sind, hat eine Grundfläche von 140 Ouadratmeter und einen Fassungsraum für 30 Leichenbahren. Die Belichtung erfolgt durch hochgelegene Fenster und auch für ausreichende Lüftung ist vorgesorgt. Die Infektionsleichenhalle besitzt einen Leichensaal mit direktem Ausgang auf den Friedhof und alle Nebenräumlicbkeiten für das Personal, sowie Vorkehrungen zur Vornahme von Desinfektionen. Unter demselben Dach mit der Infektionsleichenhalle, räumlich jedoch von ihr vollständig getrennt, ist die Leichenkühlanlage angeordnet. Sie enthält acht Kühlzellen, die Erzeugung der notwendigen Kühltemperaturen erfolgt durch einen Kälteautomat nach dem System „Auduffrin". Das Verwaltungsgebäude enthält im Parterre einen Parteienraum und die Amtsräumlichkeiten, im ersten Stock eine mit allen Nebenräumlichkedten ausgestattete Wohnung für den Verwalter, des ferneren eine kleinere Wohnung für den Friedhofsdiener und im Dachgeschoß die Wohnung des Torwarts und einen Baderaum für das Friedhofspersonale. An der Zufahrtsstraße zu den Leichengebäuden wurde eine entsprechend dimensionierte Garage zur Einstellung von Leichenfourgons angeordnet. Auf die technische und hygienische Durchbildung der Anlage wurde ganz besondere Sorgfalt verwendet und hierbei allen Anforderungen neuzeitlicher Erfahrung Rechnung getragen. Seitens des Architekten Rei s e r wurde auf eine einheitliche, vornehm würdige Ausgestaltung des Aeußeren und jener Räume, die für den Verkehr des Publikums bestimmt sind und hier vor allem der Kuppelhalle, entsprechendes Gewicht gelegt; soweit als angängig, ist für die Ausstattung dieser Räume nur echtes Material verwendet worden. Die Fundierungen erfolgten durchwegs in Beton, in lehmigem, mit Sand gemengtem Erdreich. Für das aufgehende Mauerwerk kamen Ziegel und teilweise Eisenbeton in Verwendung. Sämtliche Fassaden sind in Edelputz hergestellt, einzelne Gliederungen der Fassaden, wie Pilonen und die Arkadenpfeiler wurden in Kunststein ausgeführt. Alle Stufen am Aeußeren des Gebäudes, dann die Gruftbeläge und Grufteinfassungen sind aus oberösterreichischem Granit. Sämtliche Decken sind in Eisenbeton konstruiert, und auch die Kuppelschale wurde in diesem Materiäle nach dem modernen Torkretspritzverfahren ausgeführt. Dieses Verfahren wurde im vorliegenden Falle zum erstenmal in Oesterreich für eine Kuppel in Anwendung gebracht, und es war hierdurch möglich, die Kuppelschale in der verhältnismäßig kurzen Frist von nur 14 Arbeitstagen fertigzustellen. Die Kuppel besitzt in der Diagonale gemessen eine größte Spannweite von rund 17 H Meter und eine Scheitelhöhe von 22,20 Meter über dem Fußboden der Zeremonienhalle. Die Abdeckung der Kuppel besteht aus Kupfer, jene der Flachdächer und der übrigen Baulichkeiten der Arkadengrüfte

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