Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1928-09-14 · Heft 37-38 (14.9.1928) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 37-38 (14.9.1928)
Date
1928-09-14
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3064248-3064284--16565-3089323
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

£>l£ WAHRHEIT IlMllMMllllllllllUlllülilH ii Wollen Sehr ^Ui gH»«gig«Mn fr Versuchen Sie die seit 60 Jahren bestehende Telephon II 42-3-70 und hestreBommierte -red Küche im _Telephon tt 42-3-10 HOTEL-RESTAURANT „GUTH""•• " Arrangiert jedes festliche Ereignis, in jeder Preislage in und außer Hause unter Beistellung von geschultem Personale und vollständigem Service Prachtvolle aerdumlge Säle für nochzelten» Vereine und Gesellschaften Verwendung von nur Prima Gansfette — Mittags- und Abendmenu zu S 2»20 und S 3»20 Palastinaweine vom Faß Zum Besuche ladet höflich ein Schwechater Bier josel Quin, Hotelier und Restaurateur denn heute will er Gott erreichen. Alle strecken die Hände aus, um ihn am Zipfel seiner Gewänder zu erfassen. Alle, ohne Unterschied: die Reichen sind so arm wie die Armen, denn keiner hat etwas zu essen. Alle sind sündig und alle beten. Es kommt ein Taumel über sie, sie schwanken, sie rasen, sie flüstern, sie tun sich weh, sie singen, rufen, weinen, schwere Tränen rinnen über die alten Bärte, und der Hunger ist verschwunden vor dem Schmerz der Seele und der Ewigkeit der Melodien, die das entrückte Ohr vernimmt. . . . II. Als ich 17 Jahre alt war, ereignete sich ein seltsamer Vorfall, der einen entscheidenden Einfluß auf mein ganzes Leben ausüben sollte. ... An einem Donnerstag im Herbst, als ich noch in Ferien in Lyon war, ging ich mit einem Kameraden über den Quai Tilsit, wo sich die Synagoge befindet. Wir hatten bemerkt, daß an diesem Tag zahlreiche Geschäfte geschlossen waren. Mein Begleiter hatte sagen hören, daß das große Fest der Juden sei und schlug mir vor, in den Tempel zu gehen. Nicht ohne Zögern willigte ich ein. Allein hätte ich es niemals getan, denn der fromme Katholik verbietet sich den Zutritt zu jedem Gebäude, das einer anderen Religion gehört; um wieviel mehr muß er sich der Teilnahme an einer Zeremonie enthalten. Die Synagoge war vollkommen gefüllt. Alle Anwesenden standen schweigend da. Später verstand ich, daß ich in dem Augenblick gekommen war, als das Neila-Gebet des Jomkippur begann. Ich will versuchen, den Eindruck zu zergliedern, den ich empfand, als ich den Anblick betrachtete, der sich meinen Augen darbot. Er war derart, daß von diesem einzigen Augenblick mein ganzes Leben abhängen sollte. Ja, dies kann unerklärlich erscheinen und es ist für mich ein unergründliches Rätsel, aber alle meine Zukimftspläne wurden dadurch erschüttert und schließlich vernichtet. Unmerklich fand ich mich in eine Richtung gezogen, die meinen entrüsteten Protest hervorgerufen hätte, wenn man mich in diesem Augenblick sie hätte erblicken lassen. Es gab in mir weder Nachdenken noch Ueberlegung irgendwelcher Art und lange Zeit sollte nichts die Wandlung offenbaren, die sich in meiner Existenz zu volljdlHIIIIIIIHIIIIIIIIIIIIIIIIIIHIIlUAi Bollinger-EKskasten sind seit 1870 die besten Fabrik: Wien XV., Staglgasse Nr. 10, Telephon R 30-5-38 Filiale: VII.. Burggasse Nr. 17, Telephon B 32-3-80 Mess«~Rotunde, Stand 6659/63 WHIIIUMIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIV' ziehen begann. Und doch datiert alies von da an. So mag ein Wanderer, der unachtsam an einem Kreuzweg einen dem in Aussicht genommenen anscheinend parallelen Weg einschlägt, nach längerem Marsch bemerken, daß er sich in einer gewaltigen Entfernung von dem Punkte befindet, an dem er anzutreffen gedachte. . . . Was sich mir in diesem Augenblick offenbarte, ist nicht die jüdische Religion. Es ist das jüdische Volk. Der Anblick, den diese zahlreiche Versammlung von Männern mit ihren vom Talit bedeckten Schultern darbot, ließ plötzlich vor meinen Augen eine sehr ferne Vergangenheit erstehen. Die Hebräer der Bibel von Gustav Dore standen da vor mir. Aber zwei Einzelheiten trafen mich besonders, während ich um mich herum die über ihre Gebetbücher geneigten Gläubigen beobachtete. Zunächst, als ich den gleichförmig von allen Teilnehmern getragenen Gebetmantel sah, dachte ich, daß sie alle in gewisser Weise Priesterfunktion ausübten. Mehrere sogar, angetan mit den weißen „Sargenes", waren hie und da in der Menge zerstreut, ganz wie der Priester, der sich in der Mitte des Heiligtums aufhielt. An zweiter Stelle schien mir, daß diese schweigende Versammlung in der Erwartung von irgend etwas war, das vor sich gehen sollte: „Worauf warten sie denn?" sagte ich zu meinem Begleiter. Diese doppelte Form, unter der sich mir das Judentum offenbarte, hatte nichts, was den Glauben des jungen Christen, der ich damals war, hätte verwirren können. Hierdurch enthüllten sich mir wenigstens in einer sehr genauen Weise, wie ich mir später Rechenschaft geben konnte, zwei bezeichnende Züge: die Form des gemeinsamen Priestertums, die dem Judentum der Zerstreuung eigentümlich ist und der Geist der Erwartung, des Glaubens an die Zukunft, die seinem ganzen Kultus einen so besonderen Stempel aufdrückt. ... Als kostbares Vermächtnis des Altertums sieht das Judentum sich nicht nach der Vergangenheit, sondern nach der Zukunft gerichtet. Eine unbesiegbare Hoffnung an den endlichen Triumph des Guten und der Wahrheit hat es durch die Jahrhunderte aufrecht erhalten und durchdringt es ganz und gar. Es erwartet den Messias. . . . j------------------------------------------------------------- | Herren' und Damenkleider I ■ S ■ nach Maß sowie fertig lagernd, nnr Qualitätsware, billigste Preise. Even- » S tnelle langfristige, bis zu einem Jahre währende Zahlungserleichterungen ■ Kleider-Erzeugungs-Union, Wien VI., Käsern eng. 6 » Telephon 2-15;

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.