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Die Wahrheit · 1928-09-14 · Heft 37-38 (14.9.1928) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 37-38 (14.9.1928)
Date
1928-09-14
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 mibübd! iimnnnw DIE WAHRttEH aller Harmlosigkeit immerhin den Helden ein wenig vom Piedestal herabziehen und ihn von seiner menschlichen, wenn nicht gar untermenschlichen Seite zeigen. Alle Helden haben bei Lebzeiten eine doppelte Legende gehabt, neben der leuchtenden ging die dunkle einher. Diese letztere über Moses hat uns der Talmud aufbewahrt. Vor dem Neid kann nur die Liebe retten, sagt Goethe. Damit der Neid nicht zur Mißgunst werde oder gar in Haß ausarte, uns nicht den Genuß wertvoller Schöpfungen verleide, oder gar uns verleite, ihrem Zustandekommen mit scheelen Augen zuzuschauen und ihnen Hindernisse in den Weg zu legen, müssen wir uns mit Liebe zu unserem Nächsten und seiner Arbeit wappnen, müssen uns mit ihnen identifizieren, uns vergegenwärtigen, daß sie ein Teil der Weltschönheit und des Weltreichtums ausmachen, die uns gleichfalls gehören, an denen alle, schaffend oder genießend, mitarbeiten, und die daher alle, jeder von seinem Platze aus, lieben müssen. In diesem Gefühl ist Demut und Entsagung, es kostet Ueberwinduug, sich dazu hindurchzuarbeiten, aber es ist darin auch Befreiung und Erhöhung. Der Jude betet: „Möge kein Neid auf irgend einen Menschen mein Herz beschleichen, noch möge nie irgend eines Menschen Herz der Neid auf mich beschleichen." Er weiß, auch der Neid ist ein Gefühl, das nur durch Autosuggestion bezwungen werden kann. Ebenso verhält es sich mit dem grundlosen Haß, der nur zu oft aus dem Neid geboren wird, und der der stärkste, der echteste, am schwersten zu überwindende ist. Wir Heutigen würden sagen: der „platonische", der „uneigennützige" Haß. Und gleichsam als Gegenstück zum grundlosen Haß kennt die altjüdische Weisheit die grundlose Liebe, und ebenso wie den grundlosen Haß hält sie auch die grundlose Liebe für die stärkste, die unüberwindlichste. Die Liebe, „die von ke j n e m äußeren Ding abhängi g", ist nach der Mischnah nicht Eltern — noch Kindesliebe, denn diese entspringt dem Dank für greifbare Wohltaten oder der Hoffnung auf solche; es ist nicht die Liebe zu einer Person des anderen Geschlechtes, denn diese gründet sich auf den Genuß und erlischt mit ihm. Sondern es ist die Freundschaft zwischen zwei geistig und sittlich hochstehenden Männern, die nehmend und gebend einander gegenseitig bereichern, und die daher mit zunehmenden Jahren immer nur wachsen kann. Als Exempel stellt die Mischnah die Lebensfreundschaft zwischen David uns Jonathan hin. Jomkippur in Ost und West. Vorbemerkung: Die erste Skdzze ist dem Buch „Juden auf Wanderschaft" von Josef Roith (Berlin 1927, Verlag Die Schmiede) entnommen; die zweite ist däe Ueberseitzung eines kleinen Auszugs aus „Le Sanctuaiire Inconnu'' von Aäme Palliere (Verlag F. Rieder, Paris 1926); ihr Verfasser war ursprünglich katholischer Priester und ist heute ein begeisterter Anhänger des Judentums. Die Schriftl. I. ... Ich hatte schon gesehen, wie sie die Besinnung verloren, weil sie beteten. Das war am Jörn Kippur. In Westeuropa heißt er „Versöhnungstag" - die ganze Kompromißbereitschaft der westlichen Juden liegt in diesem Namen. Der Jom-Kippur aber ist kein Versöhnungs-, sondern ein Sühne-Tag, ein schwerer Tag, dessen 24 Stunden eine Buße von 24 Jahren enthalten. Er beginnt am Vorabend, um vier Uhr nachmittags. In einer Stadt, deren Ein- JAC. MAYER Kleider- und Gummimäntel-Industrie Export nach allen Ländern Zentrale: Wien II., GlOCkengaSSe 24 Tel.R48-4-79 wohner in der überwiegenden Mehrzahl Juden sind, fühlt man das größte aller jüdischen Feste wie ein schweres Gewitter in der Luft, wenn man sich auf hoher See auf einem schwachen Schiffe befindet. Die Gassen sind plötzlich dunkel, weil aus allen Fenstern der Kerzenglanz bricht, die Läden eilig und in furchtsamer Hast geschlossen werden — und gleich so unbeschreiblich dicht, daß man glaubt, sie würden erst am jüngsten Tag wieder geöffnet. Es ist ein allgemeiner Abschied von allem Weltlichen: vom Geschäft, von der Freude, von der Natur und vom Essen, von der Straße und von der Familie, von den Freunden, von den Bekannten. Menschen, die vor zwei Stunden noch im alltäglichen Gewand, mit gewöhnlichen Gesichtern herumgingen, eilen verwandelt durch die Gassen, dem Bethaus entgegen, in schwerer schwarzer Seide und im furchtbaren Weiß ihrer Sterbekleider, in weißen Socken und lockeren Pantoffeln, die Köpfe gesenkt, den Gebetmantel unter dem Arm und die große Stille, die in einer sonst fast orientalisch lauten Stadt hundertfach stark wird, lastet selbst auf den lebhaften Kindern, deren Geschrei in der Musik des Alltaglebens der stärkste Akzent ist. Alle Väter segnen jetzt ihre Kinder. Alle Frauen weinen jetzt vor den silbernen Leuchtern. Alle Freunde umarmen einander. Alle Feinde bitten einander um Vergebung. Der Chor der Engel bläst zum Gerichtstag. Bald schlägt Jehovah das große Buch auf, in dem Sünden, Strafen und Schicksale dieses Jahres verzeichnet sind. Für alle Toten brennen jetzt Lichter. Für alle Lebenden brennen andere. Die Toten sind von dieser Welt, die Lebenden vom Jenseits nur je einen Schritt entfernt. Das große Beten beginnt. Das große Fasten hat schon vor einer Stunde begonnen. Hunderte, tauseride, zehntausende Kerzen brennen neben- und hintereinander, beugen sich zueinander, verschmelzen zu großen Flammen. Aus tausend Fenstern bricht das schreiende Gebet, unterbrochen von stillen, weichen, jenseitigen Melodien, dem Gesang der Himmel abgelauscht. Kopf an Kopf stehen in allen Bethäusern die Menschen. Manche werfen sich zu Boden, bleiben lange unten, erheben sich, setzen sich auf Steinfließen und Fußschemel, hocken und springen plötzlich auf, wackeln mit den Oberkörpern, rennen auf kleinem Raum unaufhörlich hin und zurück, wie ekstatische Wachtposten des Gebetes, ganze Häuser sind erfüllt von weißen Sterbehemden, von Lebenden, die nicht hier sind, von Toten, die lebendig werden, kein Tropfen netzt die trockenen Lippen und erfrischt die Kehlen, die so viel des Jammers hiriausschreien — nicht in die Welt, in die Ueberwelt. Sie werden heute nicht essen und morgen auch nicht. Es ist furchtbar, zu wissen, daß in dieser Stadt heute und morgen niemand essen und trinken wird. Alle sind plötzlich Geister geworden, mit den Eigenschaften von Geistern. Jeder kleine Krämer ist ein Uebermensch, Auch Detail verkauf zu Fabrikspreisen! Herrenanzug nach Mafi auf Seide S 200.— Herrenraglan „ „ „ 150.— Herrenhose „ „ „ „ „ 48.— feinst ausgeführt Zeltgemäße Zahlungsbedingungen! Kein Kaufzwang! 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