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Die Wahrheit · 1928-09-14 · Heft 37-38 (14.9.1928) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 37-38 (14.9.1928)
Date
1928-09-14
Page
– (sequence 12)
Language
German
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gelte 12 MtöluiifflÄ DIE WAHRHEIT Qlerreix. Im Lande der Dichter und Denker hält man bereits bei der Schändung des sechzigsten jüdischen Friedhofes. Diese edle Helden, die sich so opferwillig dieser Mission widmen, tun wirklich viel für die Bekämpfung des Antisemitismus. Sie haben es bereits erreicht, daß manche, die bisher frisch, fröhlich, fromm und frei für die weitestgehende Ruhestörung gegenüber lebenden Juden schwärmten, nunmehr sich für die Schonung toter Juden aussprechen. Herr Walter Bloem, der Autor viel beachteter und beachtenswerter Bücher, hat kürzlich auch seine Meinung über Judentum und Juden dargelegt, die die Anerkennung erzwingen, daß hier ein Mann spricht, der sich frei von Gehässigkeit fühlt und von einem ehrlichen Streben nach Wahrheit beseelt ist. Wie wenig Walter Bloem trotzdem befähigt ist, ein wahres, überzeugendes Urteil zu fällen, das könnte an vielen seiner Behauptungen nachgewiesen werden. Hier zwei Beispiele für viele. Bloem erinnert an den Vorwurf „der Zersetzung, Aushöhlung, Unterwühlung", der von mancher Seite dem Judentum gemacht wird und er erklärt auch für seine Person, daß der Freund des Judentums zugeben müsse, es sei ein „Körnchen Wahrheit" in diesen Vorwürfen. „Das Judentum — meint er — hat es nicht immer verstanden, seinen Hang zur Kritik an den ihm nicht voll begreiflichen und zugänglichen Zügen der deutschen Eigenheit in den Grenzen der durch Geschmack und Selbstbescheidung einer winzigen Minorität gebotenen Grenze zu halten." Bloem übersieht, daß er gegen das Judentum Beschuldigungen schleudert, die, mögen sie gegen einzelne Juden vielleicht begründet erscheinen, gegen das Judentum so wenig berechtigt sind, wie wenn man für die böswilligsten, borniertesten, tückischesten Angriffe einzelner Stammesgenossen Bioems das Christentum oder zumindest das Deutschtum verantwortlich machen wollte. Kein die Feder führender Jude wird auf eine ähnliche vergiftete Absurdität verfallen. Soll sie ein „Körnchen Wahrheit" enthalten, weil sie gegen die Juden geschleudert wird? Herr Walter Bloem möchte die Juden durch die Versicherung beruhigen, daß durch ihre völlige physische Amalgamierung das Weiterleben und Wirken ihrer geistigen Errungenschaften nicht vernichtet werden müßte. Zum Beweis hiefür erklärt er: „Wie stark die erhabenste Leistung des Judentums, das Alte Testament, sich bereits von ihrer Wurzel abgelöst hat und unverlierbarer Gemeinbesitz mindestens der abendländischen Menschheit geworden ist, bedarf keiner besonderen Darlegung." Bloem ist da in einer rührenden Täuschung begriffen. Wenn die Juden nicht auch sonst triftige Gründe hätten, einigen Wert auf den Tatbestand des Judentums zu legen, die Sorge um das Alte Testament allein würde ihnen dieses Streben zur heiligsten Pflicht machen. Gew"ß, das Alte Testament ist die erhabenste Leistung des Judentums, aber wenn dieses jemals zum Gemeinbesitz der abendländischen Menschheit geworden wäre, wäre es nicht noch in unseren Zeiten zu so vielen blutigen Judenverfolgungen gekommen, hätte es nicht so lange zweierlei Recht gegeben, in dessen Namen das schmachvollste Unrecht gegen die Bekenner des Alten Testamentes gesetzlich sanktioniert wurde. Nach der Heiligen Schrift, dieser erhabensten Leistung des Judentums, gab es stets nur ein Recht für alle. Herr Walter Bloem möge nur einen Blick in die von Millionen seiner Volksgenossen mit so viel Behagen und liebevollem Verständnis gelesene antisemitische Hetzliteratur werfen, die nebenbei auch unausgesetzt Schmähungen gegen das Alte Testament ausstoßen darf, und er wird es sich doch überlegen, nächstens wieder den Juden den Gedanken an ihre Amalgamierung mit der Versicherung zu versüßen, das Alte Testament sei bereits „unverlierbarer Gemeinbesitz der abendländischen Menschheit geworden." Liegt nicht vielleicht mehr als ein „Körnchen Wahrheit" in der Behauptung, daß der Gemeinbesitz der Lehren des Alten Testamentes erst erkämpft werden müsse und in der Arbeit für dieses Zukunftsideal vielleicht den Juden noch eine nicht ganz untergeordnete Polle gebührt? Der Eintritt der parlamentarischen Rassenschützler-Gruppe in die Einheitspartei unter Führung des Abgeordneten Gömbös hat manchem ehrlichen Liberalen Anlaß zu Angriffen gegen den Grafen Bethlen gegeben. Aber die allerschärfsten, in das tödlichste Gift getauchten Worte hat scheinbar in aller Naivität doch Gömbös selbst gegen den Ministerpräsident geschleudert. Er meinte, um sich gegen den Vorwurf des Gesinnungswechsels zu schützen, zur Motivierung seiner Schwenkung: „Die Regierung hat ja den größten Teil des Programmes der Rassenschützler bereits durchgeführt." Graf Bethlen mag sich wohl denken: Gott schütze mich vor den Rassenschützlern, seitdem sie offen meine — Freunde geworden. * * * Die Frage, ob auch der Abgeordnete Hejjas bei Gömbös ausharren oder auf eigene Faust eine neue Einheitspartei bilden wird, ist noch nicht erledigt. Sei es wie immer, ganz allein kann ein Mann wie Hejjas niemals sein. Wo er auch sein mag, wachend oder schlafend, stets dürften die Geister der 49 Ermordeten von Kecskemet und Orgovany, die nach dem Ausspruche eines ungarischen Staatsanwaltes das Gewissen Hejjas belasten, in seiner Nähe sein. Bis an sein seliges Ende. * * * Gideon Meszöly, Dekan der philosophischen Fakultät in Szegedin hat auf die Frage über die Zulassung jüdischer Studenten zur Inskription geantwortet: „Mit solchen mittelalterlichen Fragen beschäftige ich mich nicht." Bei aller Ehrerbietung, die man für den Mann hegen muß, der sich in der Aera Bethlen-Klebelsberg ro freimütig zu äußern wagt, kann ich doch die Bemerkung nicht unterdrücken, daß man in den mittelalterlichen Zeiten an manchen Universitäten zahlreichen jüdischen Studenten begegnen konnte. Ego.

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