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Die Wahrheit · 1928-09-14 · Heft 37-38 (14.9.1928) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 37-38 (14.9.1928)
Date
1928-09-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
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mMimnDUfltBmufflwim Seite i einen grundlosen Haß, einen Haß ohne Gründe und äußere Veranlassungen. Natürlich hat auch in diesen Fällen das Gesetz vom zureichenden Grunde nicht aufgehört zu walten. Gründe hat auch der grundlose Haß, aber diese Gründe sind nicht draußen, sondern drinnen, es sind Vorgänge, die sich im Unterbewußtsein abspielen, seelische Elemente, deren der Mensch meist gar nicht, häufig aber erst nach langen Kämpfen und peinlicher Selbstprüfung Herr wird. Diesen grundlosen Haß zu überwinden gelingt den Menschen, so ist die gläubige Seele überzeugt, nur durch den Beistand Gottes; ohne den Beistand Gottes ist er ohnmächtig dazu. Und um diesen Beistand betet der Mensch, das heißt, er suggeriert sich die Notwendigkeit und die Kraft, den grundlosen Haß zu überwinden. * Der grundlose Haß ist also der bitterste und unversöhnlichste, er lauert in den Abgründen der Seele und steigt bisweilen, zur Ueberraschung und zum Schrecken der Menschen, empor. Er. ist irrational, er ist so sehr grundlos, daß er häufig aus gegenteiligen Gründen entspringt. Der Hasser ist nicht der, welcher Böses von Seiten des Gehaßten erlitten, sondern der, welcher dem Gehaßten Böses zugefügt hat. „Odisse. quen lasseris", sagten schon die Alten. Wenn ich aus irgend einem Grunde meinem N~~u~*en ein Unrecht zugefügt und nicht gleich Gelegenheit oder Kraft gefunden habe, es wieder gut zu machen, so bin ich nur zu oft geneigt, ihn schlecht und hassenswert zu finden, so daß er meine Kränkung redlich verdient habe. Damit rechtfertige ich nachträglich meine verwerfliche Handlungsweise und beschwichtige mein Gewissen. Es ist dies eine der Funktionen des Selbsterhaltungstriebes. Je größer das Unrecht, das ich meinem Nächsten zugefügt, je schwerer die Sühne ist, die es erfordert, desto schlechter mache ich ihn, desto klarer wird es mir, daß er es vollkommen verdient, ja daß er noch viel mehr verdient habe, als ihm widerfahren ist und daß ich in Wirklichkeit viel zu glimpflich mit ihm umgegangen bin. Ich bohre mich unbewußt in diese Gedankengänge hinein, vergesse allmählich den Ausgangspunkt und am Ende steht der von mir Gekränkte und Benachteiligte als ein Ausbund aller Laster da, dem ich nur zu Recht und Billigkeit einen Teil dessen heimgezahlt habe, was er redlich verdient. Ich steige in meinen Augen ganz unbewußt zum Vertreter der ausgleichenden Gerechtigkeit empor, ich bin ein Werkzeug der Vorsehung. Auf jeden Fall habe ich ein gutes Gewissen. Es ist klar, daß der größte Teil der Verleumdungen und Beschuldigungen, sowie des aufrichtigen und ehrlichen, aber grundlosen Hasses, deren Gegenstand wir Juden von jeher gewesen sind, auf solche unbewußte psychologische Prozesse zurückzuführen ist. * Eine andere Abart des grundlosen Hasses ist der Ncidhaß. Der Neid ist an sich nur eine Aeußerungsform, ja, man kann sagen: eine Funktion des Selbsterhaltungstriebes, der auch als Geltungsbedürfnis zutage tritt. In dem Gedeihen und Wohlergehen meines Nächsten sehe ich eine Bedrohung meines Seins, denn der Nächste, wenn er so stark wird wie ich. oder gar stärker als ich, kann mir schaden oder gar mich vernichten. Ein Erbe der primitiven Zeiten des Kampfes aller gegen alle ist es, daß der Nächste zuvörderst als Feind gilt, der stets bereit ist, mit mir um alle Daseinsmöglichkeiten zu kämpfen. Ueberdies verdunkelt das Gelingen und der Erfolg des Nächsten mein Geltungsbedürfnis, stellt mich in Schatten, setzt mich in den Augen des andern und wohl auch in meinen eigenen Augen herab. Ist so der Neid nur eine Seite und Ausdrucksform des Selbsterhaltungstriebes, so ist er nur um Haaresbreite vom Haß entfernt und geht allzu häufig in diesen über. Den Erfolg des Beneideten suche ich nicht nur theoretisch zu verkleinern, sondern nur zu bald ihn auch zu mindern, dem Beneideten zu schaden. Natürlich rede ich mir auch hier ein, daß der Erfolg des Nächsten unverdient sei, ein Mißgriff des blinden Schicksals oder Zufalls und die Dinge erfordern eine Korrektur, sie müssen zurechtgerückt, wieder eingerenkt werden, damit Gerechtigkeit in der Welt herrsche und jeder am rechten Platze stehe. * Grundloser Haß findet sich häufig unter Verwandten, und zwar den nächsten: Brüdern, Schwestern, Schwägerinnen, Schwiegermüttern und Schwiegertöchtern. An meinen nächsten Verwandten glaube ich berechtigt zu sein, größere Ansprüche zu stellen als an einen Fremden, und die Nichterfüllung dieser Ansprüche erregt heftigere Reaktion, als wenn dies von Seiten eines Fremden geschieht. Mein Bruder, an derselben Mutterbrust genährt, in demselben Hause, oft von denselben Lehrern erzogen, mir äußerlich in vielen Punkten zum Verwechseln ähnlich, kann trotzdem eine ungleich höhere Begabung, einen ungleich festeren Willen haben als ich, er wandelt einen ungleich glücklicheren Lebensweg, er hat einen un- {Statt orthodox Geffittelhajidluitt: ■ unter Aufsicht des Ehrw.Rabbinates Adas Israel(Schiffschul) ■ s Zu jeder Tageszeit { ■ frisch gebratene Gansl | S Ungarisches Mastgeflügel von bester Qualität! ■ | Emanuel Schlesinger s ■ Wien II., Grolle Schiffgasse 5 ■ ■ Tel. R 40-5-90 Tel. R 40-5-90 g %■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■»■■■■■■■■! gleich größeren Erfolg als ich. Ist das nicht eine Ungerechtigkeit des Schicksals? Oder gar blinder Zufall, der die Welt auf den Kopf stellt? .... Zwei Schwestern sind seit frühester Jugend in innigster Zärtlichkeit verbunden, teilen Leid und Freud und die intimsten Träume miteinander, aber der einen sind hochbegabte oder glückgesegnete Kinder beschieden, die den Flug zu den Höhen der Gesellschaft nehmen und die Mutter mit emporziehen. Die Kinder der andern sind unbegabt oder vom Glücke nicht begünstigt; sie steigen in die Tiefen der Gesellschaft hinab und reißen ihre Mutter mit. Die Kluft zwischen den beiden Schwestern wird immer tiefer. Groll über die Ungerechtigkeit des Schicksals und begreiflicher Neid aut Seite der Unglücklichen stellt sich ein. anstatt der ehemaligen schwärmerischen Schwesterliebe. Von da ist nur ein Schritt zum Haß. zum grundlosen Haß, denn die Gehaßte hat nichts getan, um den Haß heraufzubeschwören, und kann nichts tun. um ihn zu beseitigen. * Der so häufige Haß der Schwägerin gegen die Frau des Bruders und der Schwiegermutter gegen die Schwiegertochter sucht sich ebenfalls Ausreden in der grundlosen Anschwärzung der Frau, indem ihr böse Eigenschaften angedichtet werden, die angeblich erst in der Ehe zum Vorschein kamen, aber an dem jungen Mädchen und der Braut, auch wenn man diese Jahre lang gekannt hatte, unwahrnehmbar waren. Mutter und Schwester empfinden, daß sie auf den ganzen Menschen an Sohn und Bruder Anspruch haben, und das um so mehr, je mehr sie ihm in Liebe zugetan sind. Sie empfinden also die fremde Frau, die nun den größten Teil des Mannes in Besitz nimmt, als Eindringling, als Besitzstörer, der ihnen einen Teil dessen raubt, der ihnen am teuersten ist. Die arme Frau kann tun, was sie will, sie wird dieses Gefühl des Hasses nicht aus der Welt schaffen, denn es hat keine objektiven, draußen existierenden Gründe, die sich beseitigen lassen. Diese Gründe existieren drinnen: in der Seele jener beiden, ihren Sohn und Bruder eifersüchtig liebenden Frauen. Es ist grundloser Haß. er entspringt diesmal sogar aus Liebe. So manchem braven Mann, so mancher edlen, feinen Frau hat er schon das Leben gebrochen. * Da der Neid, wie wir gesehen, nur der Ausfluß und Ausdruck des Selbsterhaltungstriebes ist. so ist er wohl die meistverbreitete Untugend der Menschen jeglicher Art und jeglicher Stufe. Die jüdische Tradition kennt nur Moses allein, der frei von Neid war. Still, ganz tief unter der Schwelle des Bewußtseins kauernd, begleitet er sogar unsere aufrichtige Bewunderung und Genuß hervorragender Leistungen großer Menschen, zumal wenn diese noch am Leben sind. Man spricht vom Neid der Besitzlosen. Dieser hat wenigstens das versöhnende Element des Wetteifers an sich. Aber es gibt einen Neid der Besitzenden, der viel häßlicher ist, weil er aus lauter Mißgunst besteht und das Element des Wetteifers nicht enthält und gefährlicher, weil er sich gegen die Besitzlosen richtet, die im Begriffe sind, etwas zu erwerben. lähmt ihre Kraft und hindert sie im Aufstieg. Das wenige, das sie haben, sieht er durch ein riesiges Vergrößerungsglas an und es bangt ihm, daß sie in Zukunft noch mehr besitzen, es den Besitzenden gleichtun, oder sie etwa noch überflügeln könnten. Von dieser Art ist der Neid der Antisemiten auf die Gleichberechtigung der Juden. Die bewunderten und sogar die geliebten Helden des Volkes entgehen dem unterbewußten Neid eben dieses Volkes nicht und dieser Neid hält sich für die dem Helden gezollte Bewunderung schadlos, indem er unter der Hand ihnen etwas am Zeuge flickt, hämische Geschichten ihnen andichtet, die bei

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