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Die Wahrheit · 1928-09-14 · Heft 37-38 (14.9.1928) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 37-38 (14.9.1928)
Date
1928-09-14
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seit« 8 DIE WAHRHEIT Tun, seine Gesinnung und seinen Charakter belügt und betrügt, ist auch so ein Schlangengift, das jedes sittliche Gefühl und Leben tötet. Eine gute Tat, im Stillen geübt, ein wenig Verzicht auf Geltung vor der Welt, dafür mehr Ehrgeiz und Streben, im stillen Winkel der Religion und Selbstprüfung mit sich selbst zufrieden zu sein — das ist die goldene Nadel, die die Schlange tötet — und die Waage unseres Lebens ist im Gleichgewicht. Das Versöhnungsfest Motto: Wäre nicht das Auge sonnenhaft, Wie könnten wir das Licht erblicken? Lebte nicht uns des Gottes eigne Kraft, Wir könnt uns Göttliches entzücken? Goethe. Wir begehen das Fest, mit dem das Judentum im Laufe der Jahrtausende seines geschichtlichen Bestehens immer inniger zusammenwuchs und das seinerseits dem jüdischen Stamme nach außenhin zum höchsten Ansehen gereichte. Der Lichterglanz des Kolnidre-Abends hat von jeher auf unser Gemüt einen machtvollen Zauber ausgeübt; es hat uns dieser Abend eine Weihestimmung vermittelt, die etwas unaussprechlich Seelisches in sich birgt. Ein Gefühlston schwingt in dieser Atmosphäre des Versöhnungsabends, der uns neugeboren erscheinen läßt. Frei werden von Sünden bedeutet schon an und für sich einen riesigen Fortschritt im sittlichen Leben; es ist das immer der Anfang einer Erneuerung, ein Beginnen. Die ganze Persönlichkeit des Menschen sucht ein neues Verhältnis im Leben zu gewinnen. Eine neue Einstellung seinr Beziehungen zur Welt, zum Nebenmenschen, zu Gott, als der höchsten und letzten sittlichen Instanz. Der Versöhnungstag ist das Fest der religiösen Erhebung. An diesem Tage fallen alle Schranken, alles Hemmende, das mich vom Urquell des Lichtes fernhielt, verschwindet: ich nahe mich mit meinem ganzen Sein dem „Vater, dem König". Ovinu, malkenu betet die Gemeinde. Unser himmlischer, königlicher Vater. Gott ist Vater! Zu ihm als zum väterlichen Hort schaut der Jude empor, ihm sich nahen in kindlicher Reinheit des Herzens und in der Einfalt des Geistes: das ist jüdisch. Jedes Volk bedeutet im Leben der Menschheit so viel, wie viel sittliche Werte, es prägt, wie viel moralische Gedanken und Institutionen es der Menschheit schenkt. Und die Höhe der Volksmoral hängt im wesentlichen von seiner Gottesvorstellung ab. Das heißt: je reiner, je sittlicher ist dessen Moral. Nun denn, kein Volk und keine philosophische Schule hat eine solch lautere Gottesvorstellung wie es das Judentum in seinen prophetischen Grundlagen und in den Institutionen des Versöhnungstages geschaffen hat. Die ganze Wurzelkraft des Bekenntnisses, die ganze Wesenheit des religiösen Empfindens spricht sich in der Lehre der Versöhnung aus. Das Verhältnis des Menschen zu Gott: Wir werden neugeboren durch unseren sittlichen Willen. Hier bricht das Judentum bewußt mit den mythischen Vorstellungen von Gott. Gott erkennen, heißt nicht seine Natur erkennen wollen. Wie sagen die Propheten? Gott kennt die Wege des Menschen und dessen Gedanken, aber Gottes Wege sind nicht des Menschen Wege. Wolltest du das Geheimnis Gottes finden? Die Propheten antworten: „Nicht was Gott ist, soll mich Gott lehren, sondern was der Mensch sei" (Jesajas). Das sittliche Leben ist kein Fertiges, nicht Starres, sondern ein Ewigwerdendes. Du kannst, wenn du willst. Und unser Verhältnis zur Menschheit! Jeder Augenblick kann Ausgangspunkt neuer Entwicklung zu höheren Stufen des sittlichen Lebens der Gemeinschaft sein. Und darin unterscheidet sich das Judentum von anderen Religionen und Philosophemen: Unsere Weltanschauung verkündet einen' Optimismus, das heißt den Glauben: daß die Menschenwelt intelektuell und moralisch fortschreiten muß. Und ein zweiter Gedanke ist für uns höchst bezeichnend. Der Talmud lehrt: Jom-Kipur hat nur dann sühnende Kraft wenn du dich mit deinen Nebenmenschen versöhnest. Jom-Kipur ist also nicht ein Gnadengeschenk, kommt nicht von selbst. Du mußt aktiv vorbereiten den Akt der Versöhnung. Dein Schicksal, dein Heilsgeschick liegt in deiner Hand. Von dir und deinem Entschluß hängt dein Wohl ab. Das Wohl deines Nächsten und das der Menschheit ab, Jom-Kipur ist kein einfacher Bittag, wo wir Gebete und Bitten vortragen. Vielmehr lehrt Jom-Kipur den sittlichen Idealismus. Dein Wille, deine Seele, deine Persönlichkeit sind nicht passiv, sondern im tiefsten Grunde Aktivität, ursprüngliche Schöpferkraft. Der Versöhnungstag und der Versöhnungsgedanke sind ein Protest gegen alles Tierische, Kleinliche, Halbe in der Menschennatur; Jom-Kipur lehrt: Wenn du auch Naturwesen bist, gebunden an Zeit und Raum, verwurzelt in den Verkettungen strenger Gesetzmäßigkeit, so bist du doch auch Sittenwesen. Es liegt in dir neben der natürlichen Wirklichkeit die moralische Möglichkeit; Schöpfer, Gestalter, Bildner einer Menschenwelt zu sein, in welcher alles Natürliche des Trieblebens vergeistigt und versittlicht aufs Neue erscheint. Der Imperativ des Jom-Kipurs lautet: Handle so, daß du auf Erden die soziale Welt des Gottesreichs stiftest. In Kunst, Wissenschaft, Religion und sozialer Gemeins'tPhaft kannst du als Schöpfer der Welt Gott ähnlich werden. Dr. Lazar Roth, Rabbiner. Murska Sobota (S. H. S.). Vom grundlosen Haß. Von Binjamin Segel. Um nichts in der Welt wird an den hohen Feiertagen so heiß gebetet, wie um Bewahrung vor grundlosem Haß (sinath chinnam). Dabei ist nicht nur die Erduldung, sondern noch das Empfinden des grundlosen Hasses gemeint. Gott möge uns vor grundlosem Haß schützen, aber mehr noch uns helfen, den grundlosen Haß gegen den Nächsten zu überwinden. Auffällig ist diese Bitte, da es sonst als unstatthaft gilt, die Hilfe Gottes gegen die Verlockung spezifischer Sünden anzurufen; nur im allgemeinen betet man um Beistand gegen den bösen Trieb und um Bewahrung vor Versuchung, im einzelnen aber kommt eine besondere Bitte um göttliche Hilfe gegen diese oder jene Sünde nicht vor. Der grundlose Haß macht eine Ausnahme. Auffällig ist es ferner, daß nur der grundlose Haß, nicht aber der Haß im allgemeinen als ein so großes Uebel angesehen wird, daß die Hilfe Gottes gegen ihn stürmisch angefleht wird. In anderen Religionen gilt der Haß schlechthin, ob begründet oder grundlos als das Böse, vor dem die göttliche Gnade uns erretten solle. Eine nähere Betrachtung wird uns indessen lehren, daß diese Erscheinung mit dem Grundcharakter des jüdischen Gebetes zusammenhängt, dessen Grundelement der A k t i v i sm u s ist. Das christliche „Vater Unser" besteht bekanntlich aus lauter jüdischen Bitten, die meist im Morgengebet verstreut sind. Nur eine Bitte ist nicht jüdisch, ja sogar unjüdisch. „Dein Wille geschehe im Himmel wie auf Erden." Was den Himmel und das darin zu geschehen habe, anbetrifft, so läßt ihn der betende Jude lieber ganz aus dem Spiel, sonst aber betet der Jude immer: „Gib uns die Kraft, deinen Willen zu tun." Das passive, resignierte „Dein Wille geschehe" könnte einem Juden nur schwer über die Lippen kommen. „Heilige uns durch deine Gebote, laß uns Anteil haben an deiner Lehre .... und läutere unsere Herzen, dir zu dienen in Wahrheit .... Vater unser, barmherziger Vater, gib uns Einsicht, auf daß wir verstehen und begreifen, gehorchen, lernen und lehren, behüten, vollbringen und aufrecht erhalten alle Worte deiner Thora in Liebe. Erleuchte unsere Augen durch deine Lehre, hefte unser Herz an deine Gebote . . . ." Das ist echtes jüdisches Gebet, wie es seit Jahrtausenden aus der Seele des betenden Einzelnen und der betenden Gemeinde quillt. Wie weltenfern davon ist das zage, duldende, man möchte fast sagen: uninteressierte „dein Wille geschehe". Mit diesem Aktivismus wäre nun eine Bitte um Bewahrung vor Haß schlechthin unvereinbar. Wie entsteht denn der Haß unter den Menschen? Doch nur dadurch, daß einer dem anderen etwas Böses tut oder Böses gegen ihn sinnt. Nun, anstatt, daß du Gott bittest, daß er dich vor Haß bewahre, gib dir lieber Mühe, die Gründe des Hasses zu beseitigen, die die Menschen entzweien; entfern' das Unrecht und die Bedrohung, und der Haß wird von selber schwinden. Wer da betete, Gott möge ihn davor bewahren, daß er von dem, welchem er Uebles zugefügt hat. gehaßt werde, oder den hasse, der ihm Unrecht zugefügt hat, gleicht dem Knaben, der betet, seine Schulaufgabe möge, wenn er morgen erwacht, gemacht sein. Ein solches Gebet bezeichnet der Talmud als ein unwürdiges, als ein leeres. Allein der Haß unter den Menschen wächst nicht nur aus Gründen, die greifbar sind, objektiv, außerhalb des Menschen befindlich, denen er als Vernunft- und willenbegabtes Wesen mehr oder weniger unabhängig gegenübersteht, fähig sie zu beseitigen oder wenigstens zu beherrschen. Es gibt auch

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