Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 37-38 (14.9.1928)
- Date
- 1928-09-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064248-3064284--16561-3089319- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DIE WAHRHEIT WIIIII!lllll!!!llllllllll!lü!IIHIIiW!Ii™ tiauutuottiuuuuuü seite / nicht die Hilfe der Menschen" — ein Wort, das wohl denen recht gibt, die auf Sabbat und Feiertag verzichten, um von Menschen unabhängig dazustehen. Aber derselbe R. Akiba hört einst im Lehrhause den Streit der Gelehrten über die Frage: „Ist das Lernen wichtiger, oder ist die Tat wichtiger?" und entschied zugunsten des Lernens, denn es führt zur Tat. Diese verdient nämlich nicht uneingeschränkt Lob. Das Lob der „Tat" gilt nur der guten, rechten. Lernen, Erziehung, Werden zum rechten Menschen ist die Grundlage für gute Taten. Die Taten der Menschen liegen auf den Schalen der Waage, auf der einen aber die guten, auf der anderen die ungerechten. Einen Einblick in die Zeit und ihr Treiben gewinnt nur der, der die Waagschalen von einander zu unterscheiden vermag. Man kann noch so begeistert für die restlose Entfaltung aller Kräfte sein, die Einstellung aller auf die Tat als höchstes Ziel preisen — so lange das Verständnis fehlt, das Auge blind ist oder man nicht sehen will, welche Schale sich bei dieser Vielgeschäftigkeit hebt oder senkt, ist dem Heile der Welt in Wahrheit nicht gedient. Die Idee und Absicht des Versöhnungstages, oder wenn man verallgemeinern will: die Idee und Bedeutung der vom Versöhnungstag verkündeten Weltanschauung besteht darauf, daß man ein Urteil über die Waagschalen seines eigenen Tuns, des Treibens der Gesellschaft und Allgemeinheit gewinnt und behält, und daß man am Ende immer noch so viel Kraft besitze, sich und anderen Einhalt zu gebieten, wenn die Tat nicht mehr die rechte ist. Der Mensch mit der gesunden Weltanschauung ist nicht der skrupellose Tatenmensch, sondern der, der das Urteil über die Tat noch nicht verloren hat. Man ist gut oder schlecht entsprechend der Mehrheit der Taten, verdient Lohn oder Strafe entsprechend der Mehrheit seiner Handlungen. Um aber darüber ein Urteil zu gewinnen, muß man von einem ruhigen Punkte dem Auf und Nieder der Schalen, dem Spiele des Züngleins an der Waage zuschauen können, muß sich der Mensch aus der Unruhe der Taten für eine Zeit ausschalten. Diesen ruhigen Punkt aus sich heraus, von sich selbst aus zu finden, ist den wenigsten gegeben. Dazu bedarf wohl jeder einer Hilfe. Dem Juden gibt seine Religion den Jörn kippur, den Versöhnungstag, der ihn aus dem Getriebe des tätigen Lebens ausschaltet und ihn Steigen und Sinken der Lebenswaage betrachten heißt. Dieser Tag ist wohl in vorzüglicher Weise dem göttlichen Gerichte und Urteile gewidmet, verlangt aber ebenso die eigene Beurteilung durch den Menschen. Nun gibt es viele, die sich selbst für hochstehende und hochwertige Menschen halten und auch von anderen dafür gehalten werden, aber sie sind es nicht, weil sie in ihrem Selbsturteil unehrlich, in der Beurteilung ihrer Taten selbstgefällig und ungerecht sind. Und es gibt Menschen, denen alles fehlt, was sie in den Augen der Gesellschaft hochwertig machen könnte und die eben darum nicht bewertet werden, aber in Wahrheit durch ihr ehrliches, wahres Urteil über sich selbst sittlich hochstehende Menschen sind, Darum bedarf jede Selbstbeurteilung des ehrlichen Glaubens an Gott, den unbestechlichsten Richter der Menschen, wie R. Akiba es ausgesprochen hat: „Heil euch, Israeliten, vor wem wollt ihr euch reinigen und wer spricht KrupniK das Modezentrum für den verwöhnten Geschmack bringt für die kommende Saison Modelle aus Paris und eigene Schaffungen von Mänteln, Kostümen, Complets, Nach' mittags- und Gesellschaftstoiletten Schöne Linie, vornehme Eleganz, unerreicht billige Preise kennzeichnen unsere Erzeugnisse MMHPillis US HH Nlir Vllt KAISE*STMSSE 115 Anerkannt größtes und führendes Speziaihaus Oesterreichs euch rein? — Euer Vater im Himmel." Die Taten sind oft ebenso trügerisch wie die Menschen; wie der Mensch nicht nach dem äußeren Schein, sondern nach seinem inneren, sittlichen Werte beurteilt werden muß, so müssen Taten auch gewogen und nach allen Beweggründen gewertet werden. Die Tatmenschen, die nur Taten fordern, ohne nach deren sittlichem Gehalte zu fragen, sind ebenso im Unrecht wie jene Gesinnungsmenschen, die sich mit der Gesinnung genügen, aber alles und jedes unterlassen, was Tatkraft erfordert. Tat und Gesinnung vereint ist das Gewicht auf der Waage. R. Akiba hatte eine Tochter, der Sterndeuter verkündeten, daß sie am Tage ihrer Hochzeit, von einer Schlange gebissen, sterben würde. Der Tag der Hochzeit kam und die Tochter stach mit einer großen, goldenen Nadel ihres Geschmeides wie zum Spiel in eine Ritze in der Wand. Wie erschrak sie, als sie eine tote Schlange mit der Nadel herauszog! Sie hatte wunderbarerweise die Schlange ins Auge getroffen und getötet. R. Akiba fragte sie: „Meine Tochter, was hast du getan, daß dir solch' wunderbare Rettung zuteil wurde?" Da sagte das Mädchen: „Gestern abend, als alles beschäftigt war, klopfte ein Armer an die Türe, aber niemand hörte ihn. Da ging ich aus meinem Gemache und gab ihm das Geld, das du mir geschenkt hast." Da sprach R. Akiba: „Die gute Tat rettet vor dem Tode!" Die Schlange ist seit jeher ein Bild der Falschheit und Hinterlist; sie hat dem ersten Menschenpaar das Paradies geraubt und den Tod in die Welt gebracht. Falschheit und Unaufrichtigkeit gegen sich selbst, das Fehlurteil, mit dem sich ein Mensch über sein