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Die Wahrheit · 1928-09-14 · Heft 37-38 (14.9.1928) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 37-38 (14.9.1928)
Date
1928-09-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 «fflniroifl»»^ 00? WAHRHEIT Die Waage des Lebens. Eine Betrachtung zum Versöhnungstage von Dr. V. K u r r e i n. Rabbi Akiba sprach: „Alles hängt von dem ab, was in unseren Taten überwiegt." Spr. d. Väter, 3. 15. Der Monat Tischri, der die Tage des Gerichtes bringt, steht im Sternbild der Waage, die das Symbol der Gerechtigkeit ist und als solches allgemein an den Stätten des Gerichtes und Urteiles ihren Platz gefunden hat. Eigentlich müßte dieses Symbol überall, wo Menschen handeln und wandeln, zu sehen sein. Denn im täglichen Wandel und Verkehr geht es nicht immer nach Gerechtigkeit. Das Schlechte steigt, das Gute sinkt und eine Laune des Zufalls oder die Macht des Unrechtes hebt oder drückt den Waagebalken. Das Symbol der Gerechtigkeit ist 11 Monate lang den Augen entrückt und erst der Tischri bringt es wieder ins Gesichtsfeld der hastenden Menschen. Aber nicht nur am Himmel steht ein Sternbild der Waage, auf das wir blicken können, auch über dem Himmel gibt es eine Waage, auf der gewogen wird. R. Akiba lehrt: „hakol lefi row hama'asse", „von dem, was an Taten überwiegend ist, hängt alles ab." Die Gewichtssteine auf dieser Waage sind die Taten. Nicht, was man die Menschen glauben macht, entscheidet; Wert und Bedeutung hat die Tat. Als R. Akiba seinen Satz gesprochen hat, war eine schwere Zeit im Lande. Krieg und Not, Teuerung und Zusammen- „Darüber ist nichts bekannt." — „Ist er ein frommer Katholik? Besucht er eifrig die Kirche? Verkehrt er oft mit dem Pfarrer?" — fragte Rabbi Leib. „Nein. Er kommt selten in die Kirche und beteiligt sich auch selten am religiösen Leben des Dorfes." — „Wo wohnt er?" Die Anwesenden zeigten dem Rabbi durchs Fenster den Gutshof. Rabbi Leib legte den Tallis ab und verließ im Kittel das Zimmer. Die Anwesenden befiel eine große Angst. Wer weiß, welche Gefahr ihnen durch den unbedachten Schritt des fremden Rabbi drohe. Der Gutsherr hält sich immer von den Juden noch mehr fern als von der Kirche. Klopfenden Herzens blieben sie still und wagten es kaum, den Gedanken bis zum Ende zu spinnen. Da vernahmen sie Schritte und erkannten, daß es zwei Personen sind, die einherschreiten. Bald öffnete sich die Türe hastig und es erschien der Rabbi und «ihm folgend der Gutsherr. Der Rabbi zeigte ein bleiches Gesicht. Der Gutsherr schien geweint zu haben und war in Kittel und Tallis gehüllt. Bevor sich die Versammelten von ihrer Ueberraschung erholten, befahl der Rabbi dem Vorbeter, mit der Andacht zu beginnen, denn es sei bereits die höchste Zeit. Gleichzeitig öffnete er die heilige Lade, hob eine Thorarolle aus und reichte sie dem Gutsherrn. Der Vorbeter sprach die einleitenden Worte. Dann trat der Rabbi an das Betpult heran und als der Vorbeter die Worte rezitierte: „Mit Zustimmung des Himmels und mit Zustimmung der Gemeinde ist das Beten in Gemeinschaft mit Sündern gestattet", brachen Rabbi Leib und der Gutsherr in ein jämmerliches Weinen aus, in das alle Versammelten mitgerissen wurden. Die ganze Nacht und den ganzen folgenden Tag hindurch stand der Gutsherr an die heilige Lade gelehnt, den Tallis über dem Kopf und weinte bitterlich. Sein ganzer Körper zitterte konvulsivisch und es schien, als ob er mit seiner Inbrust seine Seele aushauchen möchte. Als man beim Schlußgebet anlangte, straffte sich die fast 24 Stunden ununterbrochen gebeugt gewesene Gestalt. Der Gutsherr betete mit bruch, Haß und Verfolgung, eine Zeit, die die Menschen entweder ganz schlecht oder ganz gut macht, die einen Höhen erklimmen, andere in Abgründe stürzen läßt, weil die goldene Mittelstraße des Lebens verschüttet ist. Die Waage des Lebens hat kein Gleichgewicht mehr, sie schnellt hinauf, sinkt herab — Unruhe ist das Zeichen der Zeit, und niemand weiß, was Wert hat und was nicht. Ungeachtet dessen werden auch in geordneten Zeitläuften viele der Lebensweisheit R. Akibas bereitwillig zustimmen, allen voran die Tatmenschen, die in allem Wirrsal, bei jedem Zusammenbruch zuerst tatkräftig anfassen, Hilfe und Ausweg nie in klagendem Müßiggange, sondern vielmehr in einem unternehmungsstarken Sinn, in wagemutigem Geiste erblicken. Darum wird aber ein Versöhnungstag, die Idee des Jörn kippur, bei diesen Tatmenschen wenig Verständnis und Gegenliebe finden. Denn Jörn kippur ist das Gegenteil der Tat, heißt: Stillestehenlassen die Unruhe der Zeit, aus dem hastenden, tätigen Trubel des Alltags flüchten, die lärmende Straße des Erwerbs verlassen — und den stillen Weg zum Herzen und zur Seele aufsuchen. Es braucht also nicht zu wundern, wenn die Tatmenschen auch für Jörn kippur keine Zeit haben. Vielleicht mit Recht! Hat doch derselbe R. Akiba das Wort geprägt: „Mache deinen Sabbat zum Werktag, nur benötige und seine Hände hielten krampfhaft die Thorarolle umschlungen. Der lange Tag war nun zu Ende. Jetzt kam das letzte „Schema Jisroel". „Höre Israel, Gott, unser Gott, ist der einzige Gott!" Da ergriff der Gutsherr die Thorarolle und sprach die Worte des Bekenntnisses mit donnernder Stimme. Sein Gesicht flammte, seine Augen sprühten Funken und ein Glorienschein umhüllte seine Gestalt. Die allerletzten Worte, den siebenmaligen Ruf: „Gott ist der Herr!" rief er mit einer so gewaltigen Stimme, daß die Versammelten den Eindruck hatten, ein Donner habe eingeschlagen und das ganze Haus falle in Trümmer. Mit jedem Wiederholen der Worte steigerte sich die Kraft der Stimme. Es schien, als ob die Gestalt in die Höhe wachse und bald den Himmel erreichen werde. Der Glorienschein um die Gestalt des Gutsherrn verbreitete ein herrliches Licht im Betzimmer. Die Versammelten mußten die Augen schließen, da sie die Kraft des Lichtes nicht ertragen konnten. Als er die siebente Wiederholung sprach, ward es plötzlich still. Als die Versammelten es wagten, die Augen zu erheben, sahen sie den Gutsherrn noch immer bewegungslos an der offenen heiligen Lage angelehnt stehen. In der Totenstille hörten sie noch seinen letzten Herzschlag. Das Abendgebet wollten sie schon ohne „Minjan" verrichten. Der Zehnte lag entseelt da. Aber der Rabbi rief: „Es ist einer derjenigen Heiligen, die auch nach ihrem Tode leben. Man darf ihn auch jetzt als Zehnten zählen." * * * Als man einige Tage später das Testament des Verstorbenen öffnete, das bereits vor einigen Jahren geschrieben wurde, fand man ein Bekenntnis desselben zum Judentume. Er habe sich aus Leichtsinn getauft, habe seither nie Ruhe gefunden. Die Gesetze des Landes ließen eine Rückkehr zum Judentum nicht zu und er fürchtete zu flüchten, damit man nicht die Juden des Landes wegen seiner Flucht verfolge. Er habe alle Jahre hindurch im Herzen als Jude gelebt. Beweis dafür sein Tallis und seine Tefilin, die er in seinem Geldschrank aufbewahrt hielt.

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