Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 37-38 (14.9.1928)
- Date
- 1928-09-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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die Wahrheit iiiflMflHiiiwiiiimM sd||e 5 Kommt her, ihr alle, die ihr an Israel verzweifelt und seinen Untergang prophezeit, kommt her, ihr Hasser, die ihr noch einer Beiehrung fähig seid, und seht, wie Israel sein Neujahr und seinen Versöhnungstag feiert! Sehet die dichtgedrängten Scharen in Tempeln, in Synagogen, zu eng ist überall der Raum, trotz der Fülle großer Gotteshäuser. Was hat diese Massen hergeführt, wo keine Silvesterlust, sondern der erschütternde Ernst der Gottesnähe ihrer harrt? Welche magische Gewalt hat diese Menge mitten aus dem Alltagsleben herausgezogen zur frommen Festesfeier? Welcher materielle Vorteil? Welcher greifbare Nutzen? Kommen sie nicht alle aus dem tiefen seelischen Drang, leschem schomajim, wie unsere Alten sagen, um des Himmels willen, in Bewährung altjüdischer Frömmigkeit und Treue? Ja, die tausendjährige Treue, auch in dem heutigen Geschlecht lebt sie, der ideale Geist unseres Volkes, auch in unserer Festesfeier waltet er. Und das wollen wir uns weder von unseren Feinden von draußen, noch von unseren Bußpredigern von drinnen wegstreiten und verdunkeln lassen. Denn wir dürfen nicht allen Glauben an uns selbst verlieren. Denn glauben an sich selbst muß der Mensch als Sporn zu allem Fortschritt, zur Entwicklung letzter Energien. Das Bewußtsein, daß auch in uns der alte ideale Geist unseres Volkes waltet, tut unserem mißhandelten Herzen, unser scheuen Seele not. Hier ist heiliger Boden! Sorgen wir nur dafür, daß dieser heilige Boden uns nicht unter den Füßen entschwinde! Daß nicht der alles überflutende Zeitgeist dieses letzte Stückchen heiliger Erde uns ent- 3eder Strenggläubige kann ohne Bedenken zur Zubereitung der Speisen Kunerol verwenden. Die KunerokErzeugung sieht bis zur Verpackung des gebrauchsfertigen Natur» fettes unter strengster Aufsicht des Herrn Bezirks« rabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg. KUNEROL 100% REINES KOKQSNUSSFETT reiße! Feiern wir mit dem ganzen beglückenden Bewußtsein ihrer Bedeutung die Feste des Herrn und lehren wir sie unsere Kinder feiern! Geben wir ihnen durch die ideale Festesfeier poesievolle Erinnerungen mit in ihr sonst so nüchternes Leben! Erinnerungen, die noch im späten Alter wie goldener Klang durch ihre Seele ziehen! Machen wir sie und uns selbst reich in der seelischen Armut des materiellen Lebens! Der Konvertit. Von Regierungsrat J. Kreppet*) Rabbi Leib Sarahs verbrachte sein ganzes Leben auf der Wanderung. Wo er den Tag verbrachte, übernachtete er selten. Bloß Sabbat und Feiertag blieb er 24 oder 48 Stunden an einem und demselben Orte. Ueberall gibt es so viel zu tun, pflegte er zu sagen. Es gilt Sünder der Buße zuzuführen. Verirrte auf den rechten Weg zu bringen. Gefangene zu befreien, Bedürftigen beizustehen — ja herumirrenden Seelen die ewige Ruhe zu verschaffen. Man darf nicht warten, bis es an den Menschen herankommt, man muß aufsuchen und nachforschen. Wo immer Rabbi Leib weilte, selbst in einem entlegenen Dorfe — nie fehlte es an zehn Juden, um das Gebet mit „Minjan" verrichten zu können. Uebernachtete er irgendwo in einer Dorfschenke, selbst in einer Feldschenke, zur rechten Zeit tauchten jüdische Reisende auf, die das „Minjan" ergänzten. Bloß einmal drohte die Gefahr, daß Rabbi Leib ohne „Minjan" bleibe, und dies an keinem gewöhnlichen Tage, sondern gerade am Versöhnungstage. Während Rabbi Leib im Laufe des ganzen Jahres sich damit begnügte mit „Minian" zu beten, wobei es ihm gleichgültig blieb, ob das Gebet in einem Bethause oder in einer beliebigen Schenke vorsieh gehe, war er für den Versöhnungstag darauf bedacht, in einer Synagoge zu beten. An diesem heiligsten aller Tage wollte er nur dort mit seinem Gott sprechen, wo das ganze Jahr hindurch Gott gedient und gehuldigt wird. Deswegen pflegte er jedes Jahr am Rüsttage des „Jörn Kipur" sich zu beeilen, um rechtzeitig in eine Stadt zu gelangen. Eines Jahres passierte es aber, daß Rabbi Leib trotz aller Anstrengungen, in eine Stadt zu gelangen, mit einem Dorfe vorlieb nehmen mußte. Am Rüsttage des Versöhnungstages wurde er von einem furchtbaren Sturme überrascht und konnte den Weg nicht fortsetzen. Mit schwerer Mühe schleppte *) Aus „Ostüitiische Legenden", von J. K r e p p e 1 (Verlag „Das Buch", Wien. I., Postamt 9/22, Preis S 4.—). sich sein Wagen bis in das nächste Dorf. Als der Sturm aufhörte, war es bereits zu spät, sich auf den weiteren Weg hinauszuwagen und so mußte Rabbi Leib im Dorfe verbleiben. Im Hause des Dorfschenkers wurde alljährlich für die hohen Feiertage ein „Minjan" abgehalten. Aus den umliegenden Dörfern pflegten die dort wohnenden Juden sich hier zu versammeln, um die Gebete zu verrichten. Auch am vergangenen Neujahrsfeste war dies der Fall und der Schenker versicherte den Rabbi, daß es an „Minjan" nicht fehlen werde. Als der Abend herannahte, nahm Rabbi Leib ein Bad in dem um das Dorf laufenden Fluß, verzehrte die letzte Mahlzeit und begab sich in das für die Andacht bestimmte Zimmer, zog Kittel (Totenhemd) und Tallis an und begann die dem eigentlichen Gebete vorgehenden Bekenntnisse und „Techinoth" zu rezitieren. Er war in seine Andacht vertieft, als ihm die Mitteilung gemacht wurde, es werde diesmal kein „Minjan" geben. Zwei Juden aus einem Nachbardorf mußten unerwartet für den Versöhnungstag in die Stadt. Mit dem Rabbi sind bloß neun erwachsene Männer vorhanden. Der Zehnte fehlt. Die Nachricht wirkte auf alle Anwesenden wie Keulenschläge. Noch nie ist ihnen so etwas passiert. Im Betzimmer herrschte Totenstille. Was ist da zu tun? Der Rabbi unterbrach nach einigem Nachdenken das Schweigen. „Ist nicht doch die Möglichkeit vorhanden, von irgendwo einen Juden herbeizuholen? „Nein!" — erhielt er zur Antwort — „das nächste Dorf, in welchem „Minjan" abgehalten wird, ist einige Meilen weit. Wie soll man in einer so vorgerückten Stunde dorthin gelangen und rechtzeitig zurückkehren?" „Ist vielleicht im Dorfe ein Konvertit vorhanden, der zum Judentum zurückkehren möchte?" — fragte weiter Rabbi Leib. „Kein Konvertit", lautete die Antwort, „außer . . ." „Außer?" — fragte der Rabbi. „Außer . . . außer . . . außer unserem Gutsbesitzer", stammelten einige. — „Und?" — forschte der Rabbi. „Dieser hat sich aber bereits vor 40 Jahren in seiner Jugend getauft." — „Hat er nicht jemals den Wunsch geäußert, wieder Jude zu werden?" — wollte Rabbi Leib wissen.