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Die Wahrheit · 1928-09-14 · Heft 37-38 (14.9.1928) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 37-38 (14.9.1928)
Date
1928-09-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 B«iflfi^ DIE WAHRHEIT den Schultern, seine Augen gerötet vom Weinen in des Unglücks Nacht. Zu schmachvollem Erwerb hatte ihn die Habgier der Großen gezwungen, die ihn reich werden ließ, um den vollgesogenen Schwamm über den eigenen Truhen auszupressen. Das ist das Bild unseres Volkes in den letzten traurigen Jahrhunderten, die hinter uns liegen, das Bild des Juden bei seiner Arbeit. Aber wäre unser Volk nicht zu einer Zigeunerhorde herabgesunken, wenn das seine ganze Geschichte gewesen wäre? Hätte es nicht verkommen, entarten müssen, wenn nicht ein idealer Geist in diesem Volke gewaltet hätte, wenn nicht Feiertage und Feiertagsgedanken dem Leben dieses Volks eine erhabene Weihe, eine sittliche Größe, eine seelische Hoheit verliehen hätte, die diese verachteten Trödler turmhoch über ihre Verächter erhob? Seht diesen armen Hausierer, wie er hungernd und dürstend zieht von Ort zu Ort, um seinen Kindern, seinem Weibe einen Sabbat bereiten zu können! Seht ihn am Sabbat und Feiertag, wie die Bettlergestalt sich wandelt zu einem Patriarchen, zu einem Gottesgelehrten und Weisen! Höret ihn beten: „0, laß4 die Ehrfurcht vor dir, Ewiger, unser Gott, alle Wesen erfüllen, laß eine heilige Scheu kommen über alles, was du geschaffen hast!" Leset seine Gesetzesvorschriften: „Täglich, wenn du aufstehst, sollst du beten: Heute will ich Gott treu dienen, will mich hüten vor Zorn, vor Lüge, vor Haß, vor Zank, vor Neid und will vergeben denen, die mich kränken. Wer vergibt, dem wird vergeben werden. Härte und Unversöhnlichkeit aber sind eine schwere Sünde, unwürdig eines Juden!" gebet gehörigen Gesänge absolviert, und waren schon dabei, mit freudiger Seele den Schir Hajjichud anzustimmen, als sich plötzlich das kleine greise Männchen umwandte, und nun erblickten sie vor sich auf einmal einen hochgewachsenen alten Mann, mit langem weißen Bart, ganz in Weiß gehüllt. Vor Staunen und Schrecken bebten alle zurück, doch der Alte sprach: „Habt keine Angst! Ich bin Eliah, der Prophet, ich bin gekommen, um Eure Kraft und Euren guten Willen auf die Probe zu stellen. Diese sechs Männer sind Eure längst verstorbenen Väter. Jetzt könnt Ihr frohgemut nach Hause gehen, Euch ist alles vergeben." Wie Satan geprellt wurde. An einem Jörn Kippur beim Gebet, als R. Aharon Karliner zu dem Vers kam: „Der da erkauft seine Knechte am Tage des Gerichtes"*), erfaßte ihn ein großes Staunen. Was sollte das heißen: Gott erkauft seine Knechte am Tage des Gerichtes? Sein ist ja das Weltall und alle Menschen, von wem und wozu soll er denn seine Knechte erst erkaufen? Und wie er so sann und sann, entschwebte seine Seele zum Himmel. Er wanderte und wanderte durch die himmlischen Gefilde, bis er einem begegnete, der ging und eine große Anzahl ungeheurer Lasten vor sich herwälzte. Rabbi Aharon blieb stehen und fragte, was die Menge schwerer Päcke enthielte. „Ich bin Satan", antwortete der Gefragte, „und das sind die Sünden deines Volkes, die ich dort unten auf der Erde gesammelt habe, um sie heute, am Tage des Gerichtes, vor Gottes Thron zu bringen, damit er die Sünder verdamme." Der Rabbi erschrak, als er dies hörte, doch fragte er weiter. „Hast du auch die Sünden Aharon Karliners hier?" „Nein", antwortete der Satan, „nach diesen suchte ich vergebens. Der Mann fastet und tut Buße das ganze Jahr und ist mit dem Studium der Thora Tag und Nacht befaßt. Ich habe vergebens nach seinen Sünden gesucht." Jener aber sagte: „Ach, du dummer Kerl! Das ist ein schlauer Mensch, der seine Sünden vor dir gut versteckt hat, geh nur rasch hinunter und suche noch *) In dem Hymnus „Leel orech din". Der Vers besagt: „Der da besitzt". Das hebräische Verbium für „besitze" bedeutet auch „kaufen". So erhoben sich unsere Väter über die Fronarbeit des Lebens, so weihten sie ihre Feiertagsstunden einer hohen Lebensauffassung. Und wer das alte, so viel geschmähte, viel verkannte Israel wahrhaft kennen lernen will, der darf es nicht an den Stätten der materiellen Werktagsarbeit, sondern muß es in den Bereichen der idealen Lebensweihe, in den Gottes- und Lehrhäusern, in der Familie bei der Festtagsfeier aufsuchen. Wer das alte Israel kennen lernen will! Aber das neue Israel? Das Israel unserer Tage? Wenn wir auf die Stimmen unserer Hasser hören, ja wenn wir auf manche pessimistischen Stimmen in unseren eigenen Reihen horchen, scheint es da nicht, als wenn es, seit Israel in die wirtschaftliche und gesellschaftliche Gemeinschaft der Völker Europas und der Neuen Welt eingetreten, mit dem alten Idealismus ganz und gar zu Ende wäre? Ist das nicht ein Hauptvorwurf, der immer und immer wieder gegen uns laut wird, daß wir ganz in der Sphäre des Nützlichen, des Erwerbes und Genusses, aufgehen? Steckt nicht eine Berechtigung in dem Vorwurf? Sind wir nicht vielfach Sklaven im Frondienst des Erwerbslebens? Schätzen wir uns selber nicht ein nach dem, was wir haben? Hat uns nicht der Taumel der Zeit fortgerissen von den idealen Wurzeln unseres Seins? Und doch ist das nicht das richtige Urteil über uns selbst. Denn wer über ein Volk ein richtiges Urteil fällen will, wer seine seelische Eigenart kennen lernen will, der darf es nicht bei seiner täglichen Werktagsarbeit, sondern muß es an seinen Festtagen, in seinen Feiertagsstimmungen und Feiertagsgedanken belauschen. einmal, da wirst du schon eine gehörige Portion finden. Ich werde so lange diesen Haufen da überwachen." Satan ließ sich das nicht zweimal sagen und eilte von dannen. R. Aharon stand da und wußte sich keinen Rat: „Soll ich zulassen, daß alle diese Sünden vor Gottes Thron gebracht werden? Dann verfällt mein Volk der Verdammnis. Soll ich sie beiseite schaffen? Dann habe ich die Sünde des Diebstahls auf meine Seele geladen." Schließlich überlegte er, daß er lieber selber schuldig werden wolle, wenn er nur die anderen gerettet habe. Er wälzte also die ganzen Haufen zusammen und stürzte sie in den tiefsten Abgrund hinab, wo sie lautlos hinuntersanken und für immer verschwanden. Bald erschien Satan wieder, und als er merkte, was geschehen war, stimmte er ein lautes Geheul an, daß es durch alle sieben Himmel hallte. Er stürzte sich auf den Mann, nannte ihn Dieb und schleppte ihn vor den Thron Gottes und verlangte, daß er ihm, Satan, sechs Jahre lang als Sklave diene'. Da gab es nun keinen Ausweg, denn es steht in der Thora geschrieben, wenn der Dieb nicht bezahlen könne, so müsse er zum Sklaven verkauft werden. Nun sollte Satan sechs Jahre lang Rabbi Aharon Karliners unumschränkter Herr werden. Aber da erschien Eliah, der Prophet, und sprach zu Gott: „Das ist recht, der Mann ist nach dem Gesetze deiner Thora der Sklaverei verfallen. Aber einen Sklaven kann man nach dem Gesetze deiner Thora jederzeit loskaufen. Ich nehme die Sklaverei auf mich und befiehl du Satan, daß er den Mann loslasse." Satan war dieser Tausch recht, denn nun sollte Eliah, sein Widersacher, der ihm so manche Beute entrissen, ihm sechs Jahre lang dienstbar sein. Aber nach einer Weile sprach Eliah: „Nun sind die sechs Jahre um." — „Wieso?" — „Das ist ganz einfach. Wenn du es mit einem Irdischen zu tun hättest, so dürftest du nach irdischer Weise die Zeit berechnen. Aber wir hier im Himmel zählen tausend Jahre für einen Tag. Meine Frist ist also zu Ende." Satan wußte sich da nicht zu helfen und mußte Eliah recht geben. Aber seither mußte R. Aaron Karliner, was es bedeutet. „Gott erkauft seine Knechte am Tage des Gerichtes." (Fortsetzung folgt.)

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