Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1928-09-14 · Heft 37-38 (14.9.1928) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 37-38 (14.9.1928)
Date
1928-09-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064248-3064284--16557-3089315
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DIE WAHRHEIT T niinnniiiiiiiiiiiiiiiiiiffliHiniira Sejte 3 seiner Arbeit sehen. Das ist aber eines jener Worte, das nur ein in seiner technisch-industriellen Tüchtigkeit schwelgendes Volk erzeugen konnte. Es ist genau so unwahr wie es unwahr ist, in der Technik den Gipfel aller Kultur zu erblicken. Nein! Wer ein Volk in seiner seelischen Eigenart, in seinem innersten Kern kennen lernen will, der muß es sehen, wie es seine Feste feiert. In der Arbeit offenbart sich die materielle Kraft und Tüchtigkeit, in der Festesfeier aber der ideale Geist eines Volkes. Was prägte Israel seine unvergleichliche Eigenart auf? Was machte es zu dem reichen Volke, von dessen Schätzen, wie von Hellas' Reichtum, heute noch die Kulturwelt zehrt? War es die materielle Arbeit? War es das Schaffen und Wirken im Dienste des Nützlichen? Des Erwerbs und Gewinns von äußeren Gütern? War es die Tätigkeit für den Alltag? Unsere Väter waren in Palästina Ackerbauer und Winzer, Hirten, zum Teil auch Handwerker. Sie waren arm an Kunst und an technischen Schöpfungen. Ihren eigenen Tempel mußten sie von phönizischen Bauleuten errichten lassen. Bis zum Ausgang der biblischen Zeit war selbst der Kaufmann in Palästina ein Ausländer. Ausschließlich landwirtschaftliche Tätigkeit füllte den Werktag Israels aus. Was aber wissen wir heute vom altpalästinensischen Landbau, oder vielmehr, was ist uns davon erhalten geblieben? Der fruchtbaren Aecker und liliengeschmückten Wiesen sind versandet; die Weinberge starren als felsiges Steingeröll; die blühenden Städte und Dörfer sind zum größten Teile vom Staub der Jahrhunderte bedeckt, verweht und versunken. Ein verfehlter Jörn Kippur. An einem Rüsttage des Jörn Kippur war es. Zwei Bachurim einer großen Jeschibah hatten aus Eifer und Begierde, sich immer mehr in die göttliche Lehre zu vertiefen, es vorgezogen, in der Nähe ihres Meisters zu bleiben, anstatt auf die hohen Feiertage zu den Ihrigen zu reisen. Sie lernten also zu zweien Tag und Nacht unermüdlich. Just an jenem Tage waren sie auf ein schwieriges Problem gestoßen, dessen Aufhellung ihnen viel Kopfzerbrechen verursachte. Sie disputierten lange, schlugen alle Bücher nach, forschten und disputierten von neuem, so daß sie darüber Essen und Trinken vergaßen, und fanden es nicht heraus und verwickelten sich nur immer tiefer. Der Abend nahte heran, und sie konnten sich nicht losreißen. Nun war es aber schon höchste Zeit, sich zum Abendgottesdienst des Versöhnungstages zu rüsten. In der Synagoge hatten die Leute schon angefangen, sich zu versammeln. Zu Kol Nidre war nur noch ein kurzes Stündchen. Unsere beiden lernbegierigen Bachurim, denen eine Menge scharfsinniger Einfälle im Kopfe herumgingen, konnten sich in ihrem Eifer nicht entschließen, die Fortsetzung ihrer Disputation auf den Tag nach Jörn Kippur zu verschieben. Sie schlichen sich also in eine dunkle Bücherstube, zündeten einen kleinen Lichtstumpf an und sagten sich: „Dieses Stückchen Kerze wird gerade so lange reichen, bis drüben der Gottesdienst beginnt. Wenn es erlischt, brechen wir ab und eilen hinaus, um mit der Gemeinde zu beten." Mittlerweile verwickelten sie sich immer tiefer in ihre gelehrten Auseinandersetzungen, jeder schleppte immer mehr Bücher herbei, um die Richtigkeit seiner Ansicht zu beweisen, sie vergaßen, wo sie sich befanden und die ganze Welt rings umher, und der Lichtstumpf brannte und brannte und wollte nicht aufhören. Das aber war natürlich Satans Werk, der sie dazu verleiten wollte, den Versöhnungstag vergnüglich bei einem anregenden und hitzigen Gelehrtenstreit, anstatt in Buße und Zerknirschung beim Gottesdienst zu verbringen und die Vergebung der Sünden zu erlangen. Sie disputierten also ohne Unterlaß und merkten nichts, bis auf einmal die Kerze niedergebrannt war und erlosch. Ohne etwas zu ahnen, klappten sie nun ihre Bücher schleunigst zusammen und liefen hinüber, um noch rechtzeitig zu Kol Nidre anzulangen. In der Wäre diese Werktagsarbeit das Merkmal Israels, seine eigentümliche Wesenheit gewesen, so wäre es nicht das große geschichtliche Volk geworden. Es wäre, wie die Ammoniter und Moabiter, wie die Amalekiter und Philister und all die anderen Zwergvölker, von denen die Heilige Schrift uns erzählt, versunken und vergessen, vom Staub bedeckt, wie die Aecker und Felder Kanaans. Aber diese Werktagsarbeit war es eben nicht, die seinem Wesen das Gepräge, seinem Wirken die weltgeschichtliche Bedeutung verlieh. Sondern was in stillen Feierstunden die Psalmisten sangen in segensreichen Liedern, tröstend und erhebend wie eines Engels Lobgesang, was die Hirten erzählten von der Väter und Mütter Frömmigkeit und Gottvertrauen, was die Propheten redeten in nie gehörter Glutsprache zu den Ohren des Volkes, zu den Fürsten und Königen, zu den Reichen und Hochmütigen, wie sie hintraten vor die ganze Menschheit mit ihren Forderungen der Sittlichkeit, der Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit und des großen Friedens auf Erden, das ist durch die Jahrtausende hindurchgeschritten, das prägt dem biblischen Israel seinen Wesenszug auf — dieser Feiertagsklang aus der Werktagsarbeit unserer Väter. Und nachher, als das biblische Zeitalter mit seinen Lichtgestalten von dem talmudisch-rabbinischen Zeitalter abgelöst wurde, als das Volk hinauspilgerte in alle Länder der Erde — konnte man damals an der Werktagsarbeit oder an den Feiertagsgedanken unser Volk kennen lernen? Gehetzt und müde schleppte sich der Trödler von Dorf zu Dorf. Sein Rücken war gebeugt vom schweren Bündel auf Türe strömte ihnen eine dichte Menschenmenge entgegen, die Leute hatten Kittel und Talith zusammengeiiltet auf dem Arm, waren frohgelaunt und aufgeräumt und beglückwünschten sich gegenseitig zum neuen Jahr. Der Jörn Kippur war eben zu Ende! Nun erst merkten die beiden Bachurim. daß sie volle 24 Stunden dort in der Kammer bei müßigem Streit zugebracht und den ganzen Jörn Kippur verfehlt hatten. Ein großer Schrecken ergriff sie. als sie überdachten, wer da die Hand im Spiele haben mochte, und in was für eine Falle sie geraten waren. In ihrer großen Seelenangst stürzten sie zu ihrem Lehrer hin und bekannten ihm alles. Dieser rief: „Seid ruhig, ich bleibe bei euch. Wenn es uns gelingt, noch sieben Männer zu bewegen, daß sie mit uns ausharren, beginnen wir das Gebet von neuem und halten einen zweiten Jörn Kippur ab. wie Gott es befiehlt und alles wird wieder gut werden." Sie fingen nun an, unter der Menge von einem zum andern umherzugehen und flehten die Leute an, mit ihnen zu bleiben. Doch keiner wollte etwas davon hören. Wer hätte auch nach 24stündigem, ununterbrochenem Fasten und Beten alles von vorne begonnen? Die Synagoge hatte sich inzwischen völlig geleert, und die Drei standen da in großer Seelenpein und wußten nicht, was anzufangen. Plötzlich erblickten sie in einem Winkel ein kleines altes Männlein, welches an die Wand lehnte und zu schlummern schien. Sie gingen auf ihn zu und trugen ihm ihr Verlangen vor. Der aber fing an zu lachen. „Ihr haltet mich wohl zum Narren. Ihr tut nur so, um euer böses Gewissen zu beruhigen, weil Ihr ganz sicher glaubt, daß kein Mensch imstande wäre, sich dazu zu entschließen, aber es ist euch gar nicht ernst darum." Als sie ihm aber hoch und heilig beteuerten, daß sie fest entschlossen seien, ihren Vorsatz auszuführen, und es wäre ihnen nur darum zu tun, ein „Minian"' zusammen zu bringen, rief er: „Gut denn. Wartet eine Weile, ich gehe nur hinaus und bringe weitere sechs Männer zusammen." In der Tat erschien das winzige kleine Männchen bald in der Begleitung von sechs Männern, und der Gottesdienst begann. Sie beteten und sangen alles der Reihe nach, wie es vorgeschrieben ist. und obgleich die Mattigkeit sie oftmals zu übermannen drohte, so boten sie alle Kräfte auf, um nicht der Schwäche nachzugeben und nicht umzusinken. Die Mitternachtsstunde war gekommen, und sie hatten alle zum Abend-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.