Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 37-38 (14.9.1928)
- Date
- 1928-09-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 SRRTiüJifnKniminnanHnfflHiuiitHiai*« mmmmsssmBi DIE WAHRHEIT diesen Tagen für die Menschheit. Seine Sehnsucht gilt der Allheit. In keiner philosophischen Sittenlehre hat der Gedanke der Völkervereinigung innigeren, unmittelbareren, schlichteren Ausdruck erhalten als in unseren Neujahrsgebeten. Nirgends hat der Gottesgedanke eine solche Wendung ins Ewigmenschliche, ins Sittliche genommen, wie hier in den prophetischen Gebeten. Die Gottesidee ist die Verkörperung des sittlichen Ideals. Dies ist die prophetische Frömmigkeit, der Leitstern der Menschheit zu immer neuen fiumanitätswerten. Tiefen des Gemütes werden offenbar. Sehnsucht entringt sich unserer Brust. Nach Unendlichkeiten sehnt sich die Seele. Israel betet. Völker horcht auf . . . kommt zu uns, betet mit uns das große Gebet: um den Völkerbund! Roschhaschono und Neujahr. Festtagsgedanken. Von Gemeinderabbiner Dr. S e 1 i g m a n n, Frankfurt a. M. Die Sonne geht zur Rüste. Des Neumonds erster matter Silberstreif verkündet den Juden das neue Jahr. Feierliche Sabbatstille rings in den jüdischen Häusern. Uebervoll die jüdischen Gotteshäuser, wohin sie alle heute strömen, die noch jüdisch fühlen. Ein seltsamer Ernst, eine unaussprechliche Weihe ruht auf jedem Antlitz. Und was beten sie heute zu dem alten Vätergott, die Alten und die Jungen, die Männer und die Frauen? Das tausendjährige Gebet: „Uwechen ten pachdecho adonoi elohenu al kol SeuiUefan, Aus derjüdischen Sagen- und Märchenwelt. Von Binjamin Segel. (Fortsetzung.) Das versäumte Kol-Nidre. Der berühmte Rabbi Israel Salant (gest. in Königsberg 1885) begab sich an einem Erew-Jom-Kippur-Vorabend, angetan in dem Tallith und dem Kittel von seinem Hause nach der Ss'nagoge zu Kol Nidre. Er schritt durch die schmalen Gäßchen, die von niedrigen Häusern mit kleinen, geflickten Fenstern eingerahmt waren, wo das ärmste Volk wohnte, denn er war ein Freund der Armen und Enterbten. In den schmalen Gassen herrschte große Ruhe, denn das ganze Volk, groß und klein, hatte sich schon in die Synagoge begeben. Das ganze Viertel war wie ausgestorben. Plötzlich vernahm er das verzweifelte Wimmern eines Kindes. Er blieb stehen und sah sich um, konnte aber auf der Straße nichts entdecken. Er schritt weiter, aber das Wimmern hörte nicht auf. Als er spähend aufhorchte, gewahrte er, daß die Stimme aus einem kleinen, verfallenen Häuschen kam, welches ziemlich abseits stand. Er trat näher, schaute durch das halb geblendete und halb zerbrochene Fenster und da gewahrte er ein Kind, das in der Wiege lag: das Kind war offenbar eben aus dem Schlaf erwacht und rief nach seiner Mutter, aber diese war in die Synagoge gegangen und der Säugling, vielleicht von Hunger gepeinigt, jammerte und schrie sich heiser, doch keiner kam ihm zu Hilfe. Rabbi Israel Salant überlegte nicht lange, trat in das Häuschen, dessen Türe, wie gewöhnlich in jenen Gegenden, nicht verschlossen war. Da die Dämmerung schon stark herabgesunken war, machte er entschlossen Licht, um nicht vom Jörn Kippur überrascht zu werden. Dann sah er nach dem Kinde. maasecho — o, laß die Ehrfurcht vor dir, Ewiger, unser Gott, alle Wesen erfüllen, laß eine heilige Scheu kommen über alles, was du geschaffen hast, daß alles Erschaffene sich in Demut vor dir beuge, daß alle zu einem einzigen Bund sich zusammenschließen, um deinen Willen mit ungeteiltem Herzen zu erfüllen laut der Erkenntnis, die uns geworden, daß dein göttliches Walten uns umgibt, daß in deiner Hand die Macht und die Herrschaft ist und daß du in erhabener Heiligkeit waltest über allem, was du erschaffen hast." Ein anderes Bild: Die Nacht des letzten Tages im bürgerlichen Jahr! Neujahrsabend! Die Silvesterglocken läuten. Ohrenzerreißendes Lärmen, tolles Prositrufen auf wildgewordenen Straßen und Plätzen. Trunkener Taumel. Rasendes Menschengewoge. Und im Innern der Häuser und der menschenerfüllten Wein- und Tanzhäuser wein- und tanzerhitzte Gesichter, Gläserklingen, Champagnerkorken-Knallen, sinnverwirrende, ausgelassene Freude. Ein lustiger Leichenschmaus am Grabe des toten Jahres! Le roi est mort, vive le roi, das alte Jahr ist tot, es lebe das neue! Orgiastische Selbstbetäubung, um die mahnende Stimme der Vergänglichkeit zu übertönen. Flucht vor dem Ernst des Lebens in ausgelassene Tollheit, Flucht vor den fordernden Ewigkeitsstimmen in die lockende Sinnlichkeit! Ist es nicht so: In der Art, wie ein Volk seine Feste feiert, enthüllt es sein innerstes Wesen. Zwar hat einmal ein berühmter Mann gesagt: Wer ein Volk kennen lernen will, der muß es bei Der arme Wurm befand sich in einer schlimmen Lage. Der Rabbi zog rasch das seidene Obergewand und den Kittel aus. holte das Kind aus der Wiege, wusch und trocknete es, dann nahm er es auf den Arm, sang ihm ein Liedchen, suchte auf dem Herd herum und fand richtig etwas Milch, die träufelte er dem Kinde ein, bis es gesättigt war, dann bettete er das Kind in die Wiege, schaukelte sie und versuchte das Kind einzulullen. Mittlerweile war es schon Nacht geworden. In der großen Synagoge war die ganze Gemeinde schon längst versammelt. Malkuth war schon vorüber, das ..Lautere Gebet", welches jeder für sich leise murmelt, war schon vorüber. Alle warteten auf Rabbi Israel Salant, um das Kol Nidre anzustimmen. Denn es war seit jeher Brauch, mit dem Kol Nidre nicht eher zu beginnen, als bis Rabbi Israel auf seinem Platz zur Rechten der Heiligen Lade erschien. Das Volk fühlte sich sicherer und zuversichtlicher, wenn sein geliebter und verehrter Rabbi in seiner Mitte weilte. Dann hatten die Leute erst den rechten Mut, von Gott die Verzeihung der Sünden zu erflehen. Man wartete lange, aber vergebens. Eine Unruhe bemächtigte sich der Versammelten. Mittlerweile schritt die Zeit vor und der letzte Moment, in dem noch das. Kol Nidre vorgetragen werden durfte, nahte heran. Noch ein Augenblick und die Zeit war vorüber. Da sagten die Aeltesten zueinander: „Am Ende ist der große, heilige Rabbi auch nur ein Mensch und seinetwegen darf die ganze versammelte Gemeinde nicht der Verzweiflung ausgesetzt werden ..." Als die Mutter des armen Säuglings früher als sonst nach Hause kam, war sie natürlich starr vor Staunen, in der Stube Licht zu sehen und den Säugling unter der Obhut des Rabbi Israel Salant friedlich in der Wiege schlummernd zu finden. Sie griff sich an den Kopf: „Meinetwegen habt ihr Kol Nidre versäumt, oh weh, welch eine große Sünde hab ich auf mich geladen!" „Seid nur ruhig!" antwortete der. Rabbi, „die Sünde ist mein, denn ich habe verabsäumt, das Volk wissen zu lassen, daß Mutter, die Säuglinge zu betrauen haben, zu Kol Nidre daheim zu bleiben verpflichtet sind. Das ist ihr schönster Gottesdienst." Das war das einzigemal in seinem Leben, daß Rabbi Israel Salant Kol Nidre versäumt hat.