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Die Wahrheit · 1928-09-14 · Heft 37-38 (14.9.1928) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 37-38 (14.9.1928)
Date
1928-09-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße Nr. 13 — Telephon 42-2-16 XLIV. Jahrgang Wien, 14. September 1928 Nummer 37/38 Roschhaschono. Von Prof. Dr. Lazar Roth, Rabbiner, Murska Sobota (S. H. S.). Die Seele des jüdischen Volkes ist unerschöpflich reich an Erlebnissen; den Schwingungen seines Geistes, den Regungen des Gemütes versucht es in Dauerwerken Ausdruck zu verleihen. In weltgeschichtlichem Lichte erscheint Israel bald als Kämpfer, in der Rüstung der Makkabäer, unerschrocken frei, mutig, herrisch, bald wiederum als großer Dulder, als Hiob und Hillel, diese echten Repräsentanten unseres Stammes; manchmal in den kühnen kulturpolitischen Gedanken unserer Propheten Arnos, Jesajas und Jeremias, diese bilden die Substanz unseres seelischen Seins. In ihnen pulsiert unser Lebensodem: die Idee der Sittlichkeit, unser Ethos. In der prophetischen Religion erwacht der Humanitätsgedanke: die Lehre vom unendlichen Wert der Menschenseele, eines jeden Menschenseele, „denn kostbarer ist der Mensch als Feingold und der Erdensohn wertvoller als Ophirs Schätze". In diesem Kewesgedanken der prophetischen Sittlichkeit erhebt sich das Judentum vom Nationalismus zum ethischen Universalismus; es ist der Aufstieg der Volksreligion zur Weltreligion. Die Seele der Nation weitet sich zur Weltenseele, die Konzeption des prophetischen Glaubens bricht die Enge des völkischen Geistes und so spricht dann der Prophet: „Mein Haus soll ein Bethaus für alle Völker werden . . ." Und die höchste Tugend ist das Streben nach Einsicht, wer diese übt, also „osek batora" ist, gleichviel welcher Abstammung, welcher Nation er ist, ist höher zu achten als der Hohepriester in jerusalemischen Heiligtum. Das lehrt der Talmud; die Beschäftigung mit dem Ethos, der sittlichen Idee, die dianoetische Tugend ist die höchste (Aboda Sara 3 a), denn die Sittlichkeit verbürgt den Bestand der Welt. Jene ist Sinn und Rechtfertigung des Lebens; denn die ethische Idee erhält die Welt, sie geht aber nicht auf in der Welt (a. a. St.). Was ist Roschhaschono? Es ist das Fest, das uns das betende Volk zeigt. Das „betende Volk". Diesen Typus unseres Volkes, diese Erscheinungsart unseres Stammes spiegeln uns die hohen Feiertage wieder. Was heißt beten? Um was betet das Volk? Ein Volk betet! Haben sie denn alle die gleichen Wünsche; was wir wohl erbeten, um was wir bitten! . . . Wenn ein Einzelner betet, wirklich betet, aus den Tiefen seiner seelischen Not, aus dem Unbewußten des Gemütslebens das Gebet emporsteigt, dann ist es ergreifend. Wenn die darbende Seele lechzend inbrünstig Gott sucht, wenn der Mensch sehnsüchtig nach dem 1 Urquell des Seins ausschaut, der Erdensohn nach dem letzten Weltgrund ringend seine Hände erhebt, dann durchschauert uns eine Ahnung von unendlicher Weite . . . Eine Ferne tut sich uns auf, die keine Grenze hat, unser individuelles Sein verschwistert sich mit der Unendlichkeit ... mit der Ewigkeit in Zeit und Raum . . . „Wie der Hirsch nach frischen Wasserquellen sich sehnet, so dürstet meine Seele nach dir, o Gott." Und am Roschhaschono betet die Gemeinde; da bilden sie alle, die zerstreuten, versprengen Glieder des Volkes eine Einheit; die individuellen Unterschiede verschwinden, der Einzelwille vergesellschaftet sich mit den Wünschen, mit dem Willen eines Volkes. An den hohen Feiertagen werden wir eins mit unserem Stamme. Haben wir heutigen Juden notwendig, zu beten? Wir erst recht. Wir Modernen, Sehnsüchtigen, wir, die in Fieberglut einen neuen Menschheitsmorgen ersehnen, wir müssen beten, das heißt, mit unserem Volke uns verknüpfen, unser persönliches Hoffen verschmelzen mit dem Hoffen unseres Stammes. Wir, die von tausend Strömungen und Stimmungen des Tages und des Jahres bald mitgerissen, bald verwirrt werden, bedürfen des Gebetes. Denn über alle Stimmungen des Tages und über alle Schwankungen des Lebens, über alle Parteien und alle Unzulänglichkeiten des stürmischen Lebens erhebt uns das Gebet. Denn unsere Gebete sind das Spiegelbild unserer Volksseele; sie sind der Kristallisationspimkt der jüdischen Hoffnung: An jenem Tage wird das Schofar ertönen und kommen werden die Verstoßenen aus Assur und die Verlorengeglaubten aus Mizrajim und werden sich bücken, alle geeinigt auf dem heiligen Berge in Jerusalem. Und dann spricht sich in unseren Gebeten der Glaube an soziale Gerechtigkeit aus: Und alle Völker (von sittlicher Größe geleitet) werden einen Bund schließen, um den Willen Gottes gemeinsam zu erfüllen, um das Gottesreich, das Reich der Wahrheit und Völkerbrüderung auf Erden aufzurichten. Der Jude betet in

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