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Die Wahrheit · 1928-09-07 · Heft 36 (7.9.1928) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 36 (7.9.1928)
Date
1928-09-07
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite lü " niiiiiiiiiitiiiiiii.iiii oiE WAiiRff EH Ein liebenswürdiger Zufall hat es gefügt, daß fast zur selben Zeit, in der Horthy jun. die Glückwünsche der Budapester Börsebesucher empfing, Horthy sen. den ungarischen Siegern bei der Olympiade in Amsterdam — unter denen sich eine dem Numerus clausus hohnsprechende große Zahl von Juden befand — hohe Auszeichnungen verlieh. In der Ansprache, die der Reichsverweser bei diesem Anlaß an d;e preisgekrönten Sieger hielt, mußte er natürlich ohne jede rassentheoretisehe Anspielung gleichmäßig allen den Dank dafür aussprechen, daß „sie wahre Pfeiler der ungarischen Kraft, die Nation in Amsterdam in so hervorragender Weise vertreten haben." Man muß zugeben, daß Herr v. Horthy an einem Tage mehr für die Juden in Ungarn geleistet hat, als während der vielen Jahre, die er an der Spitze des Staates steht. Ego. Heber den Austritt aus dem Judentum. Ein Briefwechsel von Abraham Gelser. (Fortsetzung.) Doch Sie lächeln vielleicht, glauben, ich kämpfte gegen Windmühlen und Sie verweisen mich auf die allerdings bedeutsamen Worte in Ihrem Schreiben, von denen Sie wohl meinen, ich hätte sie übersehen. Das Bekenntnis, sagen Sie nämlich, welches ich bei meinem Uebertritte ablegen werde, kann ich mit gutem Gewissen ablegen, und es wird nichts enthalten was meiner religiösen Ueberzeugung entgegen ist. Verstehe ich diese Wort recht, so bedeuten sie wohl folgendes: Es wird sich schon ein christlicher Geistlicher finden oder es hat sich ein solcher bereits gefunden, welcher mir den Schritt weit leichter macht, als Sie sich denken; da wird keine Rede sein von religiösen Geheimnissen, denen ich bis jetzt fern stehe, auch nicht von einem öffentlichen feierlichen Uebertritte. In Ihrem eigenen Hause, bei einem improvisierten Altare werden Sie durch die Zustimmung zu einer ganz allgemein gehaltenen Formel, etwa daß Jesus als ein höchst religiöser und aufgeklärter Mensch mächtig in den Gang der Geschichte eingegriffen und die religiösen Begriffe der Menschheit geläutert habe, als Mitglied der Kirche aufgenommen. Mit welchem Rechte dieser christliche Geistliche also tun würde, ob er seiner Kirche damit zu Danke verfahre, ist meines Amtes nicht zu untersuchen. Aber Sie sollten wirklich glauben, sich dabei beruhigen zu können? Sie sollten sich wirklich der Pflicht überhoben wähnen, selbst zu prüfen, selbst zu untersuchen? Sie sind ein Geschäftsmann: setzen Sie den Fall, daß ein Makler, der Ihr Vertrauen besitzt, Ihnen ein lukratives Geschäft anbietet und es Ihnen empfiehlt, werden Sie nicht dennoch den Gegenstand selbst nach allen Seiten hin prüfen? Und das ist bei einer Geldangelegenheit; bei einer Sache des Gewissens, bei einer Lebensfrage wollten Sie blindlings dem vermittelnden Geistlichen folgen, nicht selbst sich Ueberzeugung verschaffen? Und diese Ueberzeugung können Sie sich ja so leicht verschaffen. Fragen Sie doch das erste beste Schulkind, was es, selbst bei diesem Geistlichen, aus seinem Katechismus lernt, ob ihm Jesus als aufgeklärter Mensch zur Hochachtung, oder als Gottes Sohn, als die zweite Person in Gott zur göttlichen Verehrung vorgeführt wird? Gehen Sie doch in eine beliebige Kirche, hören Sie die Predigt desselben Geistlichen, welcher Ihnen den Kirchenglauben so mundgerecht zu machen gedenkt, und Sie mögen mich einen Lügner nennen, wenn Sie nicht mehrere Male in Gebet und Predigt von dem „Herrn Jesu" sprechen hören, was nicht Höflichkeitsbezeichnung ist, sondern die Umschreibung für „Gott Jesus". Und solch offenkundigen Tatsachen wollen Sie Ihr Auge verschließen, wollen sich etwas wegwischen lassen, was alsbald wieder hervortritt? Sie haben auf alle meine Entgegnungen dennoch wohl noch eine Antwort in Bereitschaft, die ich aus Ihrem Schreiben herauslese. Ich bin ein praktischer Mann, sagen Sie, ich überlasse die Metaphysik den Philosophen, die Dogmatik den Theologen, ich aber will nur die Befriedigung der gemütlich religiösen Regungen, und — wie Sie sagen — „das Judentum bietet mir nichts". — Aber, mein geehrter Herr, wer trägt denn daran die Schuld? Sie oder das Judentum? Kann sich dieses Ihnen aufdrängen, wenn Sie ihmdiePforten Ihres Hauses und Ihres Herzens gewaltsam verschließen? Kann es Ihnen die religiösen Mittel entgegenbringen, wenn Sie sein Gotteshaus systematisch meiden? Besuchen Sie doch an Sabbathen und Festtagen die Synagoge, wenn Sie wirklich ein religiöses Herzensbedürfnis haben, und fragen Sie sich doch, ob dieselbe Ihnen nicht volle Befriedigung gewähren wird. Bei der herrlichen lebensfrischen Entwicklung, in welcher sich das Judenrum befindet, fühlt sich das Geschlecht der Gegenwart, ja selbst das Geschlecht der Zukunft, die Jugend, wenn sie auch noch so sehr von Traditionen und Erinnerungen losgelöst ist, von dem Gottesdienste angezogen und durch ihn wahrhaft erbaut. Ich könnte Ihnen mannigfache Beispiele anführen, die für mich wahrhaft erquickend sind, doch ein Blick auf das Sie in Ihrer nächsten Nähe umgebende Leben wird Sie hinlänglich davon überzeugen. Und einer solchen Lebensfrische, einem solchen jugendlichen Drange, der sich mit dem ehrwürdigen hohen Alter paart, entziehen Sie sich eigenwillig und haben dennoch — verzeihen Sie mir den harten Ausdruck! — den traurigen Mut, mit Mißachtung die Anklage auszusprechen, das Judentum biete Ihnen nichts? Das Judentum mit seiner festlichen Weihe, das Judentum mit seiner reichen gro Bärtigen Geschichte, das Judentum mit seiner Innigkeit des Familienlebens, das Judentum mit seinen mitleidigen Herzen, das Judentum mit seinem reinen Gottesglauben, das Judentum mit seiner mächtigen Dulderenergie bietet nichts! Aber eben diese Dulderenergie scheint Sie abzustoßen. 'J »« ntum"' sagen Sie' »biete mir nichts als höchstens — das Märtyrertum, das alle Juden tragen; zum Märtyrer fühle ich aber keinen Beruf in mir." Ich will vorläufig die Frage zurückdrängen, ob es nicht besser und edler ist: Unrecht leiden als Unrecht tun; aber fragen muß ich Sie: worin besteht denn gegenwärtig Ihr jüdisches Märtyrertum? Wenn die Juden im .Mittelalter davon gesprochen hätten, so war es ein blutiges Martyrium, ein Zeugnis, das sie aber auch willig und standhaft ablegten; wenn einem armen jungen Manne, der seine Studien beendigt, an der Schwelle seiner Laufbahn der Eintritt in dieselbe versperrt wird, so fühle ich seinen Schmerz tief mit, verlange freilich auch von dem Jünger des Geistes die geistige Kraft, nicht der Zaghaftigkeit sich hinzugeben. Aber Sie in Ihrer unabhängigen Stellung, worin besteht denn nun eigentlich Ihr Martyrium? Etwa daß Ihnen nicht jeder Engherzige freundlich zulächelt oder zu freundlichem Lächeln den Mund verzerrt, ohne das Wohlwollen im Herzen zu tragen? Dies das schwere Märtyrertum! Soweit ich sehe, stehen Sie überall in der Gesellschaft geachtet da; wo es ein öffentliches Ehrenamt gilt, die Beteiligung an einer das Gesamtwohl betreffenden Tätigkeit, werden Sie mit hinzugezogen, ich weiß nicht, ob weil oder obgleich Sie Jude sind; worin besteht also Ihr Märtyrertum? Es verschließt sich vielleicht hartnäckig eine oder die andere Gesellschaft vor Ihnen, die wohlweise das christliche Glaubensbekenntnis, natürlich bloß das äußerliche Bekennen, als erste Bedingung für die Mitgliedschaft aufgestellt hat, sie hat sich als Zwingburg abgeschlossen und tut sich erst dann auf. wenn ein Bekenntnis, gleichviel ob wahr oder falsch, abgelegt ist. Und dieser Umstand sollte für Sie von so hohem Werte sein, daß Sie in die Klage über so schweres Märtyrertum ausbrechen? Sie sollten sich so sehr nach dem Umeange mit Menschen sehnen, die Sie ausschließen, Sic. den Ehrenmann, nur weil und solange Sie sich nicht entschließen können, einen Ausspruch zu tun, den Sie nach Ihrem Standpunkte nicht tun können, ohne die Wahrheit zu verletzen, die Sie aber alsbald freudig als den Ihripen beeriißen, sobald Sie — jreloeen haben? Ich muß bekennen, daß mir entweder die Achtbarkeit oder die Einsiebt jener Männer sehr bedenklich und der Umgang mit Ihnen sehr peinlich wäre. (Fortsetzung folgt.) UfobdMciwmtmfiizDk Wahrheit!

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