Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 36 (7.9.1928)
- Date
- 1928-09-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Öt£ WAfiftfflÜT llllfHI!lll!llNIIIHlil!llJ!ll!llll!lll!llllllllllllllilllöHllJlllllll||llilllllli!l In einem überaus instruktiven und umfassenden Berichte wurden die Ergebnisse dieser Studienreise niedergelegt und sie bildeten einen wertvollen Behelf für die Verfassung des Erfordernisprogrammes, welches als Unterlage für den Architekten-Wettbewerb zu dienen hatte. In der Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 4. Mai 1914 wurde das vom Vertreter- Kollegium vorgelegte Erfordernisprogramm genehmigt. Es wurden drei Preise in der Höhe von K 4000.— 3000.— und 2000.— ausgesetzt. Die Aufforderung zur Teilnahme an dem Wettbewerbe war an 71 Wiener jüdische Architekten ergangen. Wenige Wochen später brach der Weltkrieg aus. Allgemein bestand damals die Hoffnung, daß das unglückselige Völkerringen in kurzer Zeit und glücklich für unser Land beendet sein werde. Diese Erwartung, die sich als so trügerisch erwies, veranlaßte den Kultusvorstand, die Frist für die Einreichung der Projekte bis 31. März 1915 zu erstrecken. Am 21. Juni 1915 trat zum erstenmale das Preisgericht zusammen, welches vom Vizepräsidenten der Kultusgemeinde, Hofrat Dr. Benjamin Rappaport, mit folgenden, die damalige Lage kennzeichnenden Worten begrüßt wurde: „Während draußen der gewaltigste Kampf tobt, den die Weltgeschichte kennt, sind Sie, meine Herren, hier zu einer friedlichen Arbeit eingeladen. Ebenso wie draußen im Felde Oesterreicher und Reichsdeutsche Schulter an Schulter kämpfen und unvergänglichen Lorbeer erringen, sind hier Oesterreicher und Reichsdeutsche versammelt, um in einem friedlichen Wettkampfe der Geister die Entscheidung zu fällen. Ich bin überzeugt, daß Sie diese Aufgabe einer gedeihlichen Lösung zuführen werden. Indem ich Sie alle, insbesondere die Herren aus dem Deutschen Reiche namens des Kultusvorstandes als Ausschreiber des Wettbewerbes auf das wärmste begrüße, wünsche ich Ihrre Tätigkeit den besten Erfolg." In dreitägiger rastloser Arbeit wurde das Preisrichter- Kollegium seiner Aufgabe gerecht und faßte folgende Beschlüsse: Einhellig wurde der I. Preis von K 4000.— dem Projekte unter dem Kennwort „Neugebäude", Verfasser Architekt Adolf Oberländer, Wien (gärtnerische Raterteilung Titus Wotzy), zuerkannt. An Stelle des in der Ausschreibung vorgesehenen II. und III. Preises von K 3000.—, bzw. K 2000.— wurde je ein II. Preis im Betrage von K 2500.— dem Projekte „Nekropolis" des Architekten Dr. Stefan F a y a n s in Wien (Mitarbeiter Garten-Architekt Titus Wotzy) und dem Projekte „1. Nissan" des Prof. Architekten Ernst Lichtblau in Wien zuerkannt. An die Ausführung der Friedhofsanlage in der nach Art und Umfang im angenommenen Projekte vorgesehenen Weise konnte zu jener Zeit nicht gedacht werden. Im Jahre 1916, nach schwierigen Verhandlungen mit den in Betracht kommenden Behörden, Aemtern und Anrainern, mußten auf dem für den neuen Friedhof erworbenen Territorium Gräberflächen für Bestattungszwecke instandgesetzt, die erforderlichen Zufahrtsstraßen und Wege, sowie die Kanalisierung angelegt und an die Errichtung einer provisorischen Zeremonienhalle geschritten werden. Diese wurde nach den Plänen des Vorstandsmitgliedes Architekten Jakob Gärtner, vom Baumeister Edmund Melcher erbaut. Am 4. April 1917 wurde mit einer stillen Feier in der provisorischen Zeremonienhalle die Eröffnung des Neuen Israelitischen Friedhofes vorgenommen, auf welchem dann am 19. April des gleichen Jahres die erste Beerdigung erfolgte. Oberrabbiner Dr. Moriz Güdemann hielt bei der Feier eine bemerkenswerte Ansprache, der wir folgende Auszüge entnehmen: Geehrte Versammlung! Die Feier, zu der wir uns hier eingefunden haben, ist eine hochbedeutsame, aber glücklicherweise eine seltene. Ich sage glücklicherweise: Denn man kann billig nicht wünschen, daß die Einweihung eines neuen Friedhofes sich öfter wiederhole. Einen Friedhof einweihen, heißt erkennen und feierlich aussprechen, was er bedeutet. So stumm die Friedhöfe sind, ein so tiefes Schweigen sie bedeckt, so führen sie doch die lauteste und beredteste Sprache für den, der diese Sprache versteht. In diesem Verständnis ist ihre Weihe, ihre Heiligkeit, ihre Unverletzlichkeit begründet. Denn wo die Erde ihren Mund öffnet — und jedes Grab ist ein solcher Mund — da vernimmt das kundige Ohr die Stimme der lauteren Wahrheit, wie es heißt: „Die Wahrheit bricht aus der Erde hervor." Darum befinden wir uns auf dem Friedhofe in der „Welt der Wahrheit". Diese Wahrheit ist die Geschichte. Das Archiv der jüdischen Geschichte sind die jüdischen Friedhöfe. Deshalb ist für uns der Friedhof keine Städte des Todes, sondern das „Haus des Lebens", keine Stätte der Vergänglichkeit, sondern das „Haus der Ewigkeit". Ja schon in der Tatsache, daß der Friedhof überhaupt ein Haus genannt wird, ist der tiefere Sinn sette 5 Sfeder Strenggläubige kann ohne Bedenken zur Zubereitung der Speisen Kunerol verwenden. DieKuneroleErzeugung steht bis zur Verpackung des gebrauchsfertigen Natur» fettes unter strengster Aufsicht des Herrn Bezirks« rabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg. KUNEROL 100% REINES KOKOSNUSSFETT enthalten, daß er kein Trümmerhaufen ist, sondern daß die Steine, die sich auf den Gräbern befinden, sich zu einem Hause, zu einem Tempel auftürmen und vereinigen in dem, wie unsere alten Lehrer sagen, „die Lippen der Dahingeschiedenen sich bewegen", um für die Lebenden, wenn sie in Not und Sorgen sind, ihre Bitten, wie einst zu ihren Lebzeiten, zu Gott emporzusenden. Aus jedem Grabe ruft die Stimme des darin Ruhenden seinen Teuren zu: „Ich schlafe, aber mein Herz ist wach." Das ist die Sprache der Friedhöfe, wie di« Juden von jeher sie vernommen und verstanden haben, und die Wirkung dieses Verständnisses bestand darin, daß, während das Leben der Juden oft einem Friedhof glich, der Friedhof ihnen vielmehr Leben, Mut und Trost einflößte. Diesen Sinn, diese Bedeutung des Friedhofes verstehen und bekunden, heißt ihn einweihen. Die Religion hat uns das älteste und herrlichste Weihelied geschenkt, das auch hier seinen Zweck erfüllt Es heißt zwar das „Weihelied des Hauses", nämlich des Tempels, aber da auch der Friedhof ein Haus, ein Tempel ist. so findet jener Psalm in seiner wunderbaren Vielseitigkeit auch auf ihn Anwendung, denn es heißt: „Ewiger, Du führst meine Seele aus der Gruft empor. Du belebst mich wieder, nachdem ich in das Grab gesunken war." Kann es etwas Tröstlicheres geben, als diese Zuversicht des Lebens mitten in dem Bereich des Todes? Ist dieser Satz nicht die erhabenste Würdigung und Weihe des Friedhofes, gleichsam eine Aufschrift über seinen Eingang, die ganz im Gegensatz steht zu der von dem berühmten mittelalterlichen Dichter erschauten Ueberschrift über den Pforten der Hölle, die den ewig Verdammten die Aufforderung zuruft, alle Hoffnung fahren zu lassen! Unsere Religion weiß von keiner Hölle, von keiner ewigen Verdammnis und von keiner Hoffnungslosigkeit. Ganz im Gegenteil heißt es in jenem Weihepsalm: „Wenn auch am Abend ein Tränenstrom sich ergießt, es kommt doch ein fröhlicher Morgen". Welche Tränenströme hat der Weltkrieg schon den Augen der Menschhut entlockt! Wie viel neue Friedhöfe hat er geschaffen! Dennoch wird der fröhliche Morgen nicht ausbleiben, so flüstert der Wind uns zu. der über Gräber streicht er bringt uns den Trost des Propheten: „Es kommt der Morgen, wenn es auch jetzt Nacht ist." Das ist die Lehre unserer Geschichte, die freilich zuweilen andere Wege geht als wir vermeinen. Als vor 40 Jahren der Zentraliriedhof eröffnet wurde, da meinten manche unter uns, die Gemeinsamkeit des Friedhofes bedeute den Morgenanbruch allgemeiner Brüderlichkeit, und sie bedauerten nur die noch immer aufrechterhaltene Trennung der Konfessionen, während von der anderen Seite schon wegen ihrer bloßen Umfriedung durch dieselbe Ringmauer die Einweihung des Zentralfriedhofes wäre verweigert worden. Heute nach 40 Jahren haben nun wieder alle Konfessionen ihre besonderen Friedhöfe und so weihen auch wir heute unseren eigenen jüdischen Friedhof ein. und das