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Die Wahrheit · 1928-09-07 · Heft 36 (7.9.1928) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 36 (7.9.1928)
Date
1928-09-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 «HHHHUII1IM anderen Motiven zu verdanken waren, sind ja die Herrschaften besonders stolz. Seit damals datiert ja ihre enge „Freundschaft" mit der sozialdemokratischen Partei, die bisher besonders in Form von konfessionslosen Gastrednern aus diesem Lager zum Ausdrucke kam. Deshalb ja auch die beinahe wörtlich vpm Singer'schen Entwurf übernommenen ersten beiden Programmpunkte des Herrn Leo Rath, bei deren Lektüre man sich vergeblich fragt, was diese Forderungen mit der Kultusgemeind-e zu tun haben. Diese für die wahren Absichten der Herren bezeichnenden Programmpunkte lauten: Die „Vereinigung werktätiger Juden" betrachtet als ihre Aufgabe: 1. Die werktätige jüdische Bevölkerung davon zu überzeugen, daß ihr Schicksal nur mit dem der Arbeiter und Angestellten dieses Landes eng verbunden ist und daß deshalb die österreichische Sozialdemokratie ihre politischen und wirtschaftlichen Interessen zu vertreten berufen ist. 2. In der sozialdemokratischen Partei Oesterreichs Verständnis für die berechtigten sozialen, politischen, wirtschaftlichen, kulturellen Wünsche und Forderungen der jüdischen werktätigen Bevölkerung wachzurufen und d o r t s e 1 b s t für die Erfüllung derselben einzutreten. Immer wieder die sozialdemokratische Partei in einem — wohlgemerkt! — Kultusgemeinde Programm, von dem einmal der „Verfasser" Leo Rath selbst mit viel Eigenlob schrieb, daß es angeblich, „allen Schichten der jüdischen Bevölkerung, ob sie modern fortschrittlich oder tief religiös denkt und lebt, Rechnung trägt." wohnern herrschte. Ich fragte, was da vorgefallen sei, und man erzählte mir. es sei ein neuer König gewählt worden und heute sollte er gekrönt werden. Bei der Krönung müßten, wie es Brauch ist, Märsche und andere Musikstücke gespielt werden. Nun sei der Kapellmeister plötzlich erkrankt und die Krönung könne an dem bestimmten Tage nicht stattfinden, was für den König ein böses Vorzeichen ist. Ich fraget, wie der König heiße, und man nannte mir den Namen meines ärgsten Feindes, der mir das Schlimmste m der Welt zugefügt hatte. Als ich das hörte, meldete ich mich beim Adjutanten des Königs, da ich mich erinnerte, daß ich ja Musikant bin und gut zu spielen verstehe. Man übertrug mir die Kapellmeisterstelle, die Krönungsfeierlichkeiten wurden abgehalten und nachher zog ich rasch von dannen, um nicht erkannt zu werden." Als der König dies gehört, stieg er vom Throne, küßte seinen jüngsten Sohn auf die Stirn und sagte: „Du, mein jüngster Sohn, hast die größte Siegestat unter all deinen Brüdern vollbracht." Und er setzte ihm die Krone aufs Haupt. Der jüngste bestieg auch wirklich den Thron, erreichte ein hohes Alter und es ging ihm sehr gut. Anmerkung: In der vorliegenden Fassung hörte ich als Kind dieses Märchen von meinem Großvater erzählen. Später wurde mir unter anderen unwesentlich von der vorliegenden abweichenden Fassungen besonders eine bekannt, in der der älteste Sohn fehlte. Diese Version scheint mir die ursprünglichere zu sein. Märchenkönige pflegen gewöhnlich höchstens drei Söhne zu haben. Der älteste scheint mir nur den vier Weltgegenden zuliebe erfunden zu sein. Das Märchen dürfte in seinem Kern aus Indien stammen. Mir wurde eine ähnliche Version aus einem Lehrbuch des Italienischen bekannt, aber der Geist, der in dieser Version herrscht, ist ein völlig verschiedener. (Fortsetzung folgt,) Es wird schon etwas Wahres an dem Gerücht der überaus engen Verbindung zwischen Konfessionslos-Rot und Kultus-Rot sein! Die Wiener Judenschaft ist gewarnt. Sie wird hoffentlich alles tun, um zu verhindern, daß unsere altehrwürdige Kultusgemeinde zu einem Tummelplatz des Klassenkampfes wird! O. H. Der neue israelitische Friedhof und seine Geschichte. Am 9. September 1928 wird ein Werk seiner Bestimmung übergeben, das noch den späteren Geschlechtern als Zeugnis zu dienen geeignet ist, wie die Wiener Judenschaft und ihre gesetzliche Repräsentanz auch in den schwersten Zeiten und unter großen Opfern bemüht war. ihren religiösen Pflichten und der traditionellen Pietät gegenüber den Verstorbenen in einer dem Ansehen und dem Umfange der Wiener israelitischen Kultusgemeinde würdigen Weise gerecht zu werden: Die monumentale Zeremonienhalle und die Leichen- und Administrationsgebäude am Neuen Israelitischen Friedhofe. Mit der Errichtung dieser durch ihre Architektonik, ihre Zweckmäßigkeit und ihre Ausstattung der Stadt Wien zur Zierde gereichenden Bauten wurde ein Werk der Vollendung zugeführt, das bereits im Jahre 1911 mit der Erwerbung des Geländes für die Anlage eines neuen israelitischen Friedhofes seinen Anfang genommen hat, das aber durch den unglückseligen Weltkrieg, sowie durch die tristen Verhältnisse der Nachkriegszeit gehemmt und in seiner Vollendung arg beeinträchtigt worden war. Seit dem Jahre 1877, in welchem der Währinger israelitische Friedhof im allgemeinen für Neubelegungen geschlossen wurde, besitzt die Israelitische Kultusgemeine Wien auf Grund eines zwischen ihr und der Stadtgemeinde Wien am 16. Oktober 1877 geschlossenen Vertrages jenes Areal, welches als „Israelitische Abteilung des Zentralfriedhofes" bezeichnet wird. In den Jahren 1887, 1891 und 1912 konnte durch die Erwerbung weiterer anschließender Grundflächen die israelitische Abteilung des Zentralfriedhofes bis zu dem nach den örtlichen Verhältnissen zulässigen Höchstausmaße erweitert werden. In den fast 35 Jahren war nun die israelitische Abteilung des Zentralfriedhofes nahezu vollständig für Beerdigungen in Anspruch genommen worden und so bildete die Frage: Wo werden wir in absehbarer Zeit unsere Toten begraben? eine stete Sorge des Kultusvorstandes. Nach allen Seiten wurden Nachforschungen gehalten. Es wurde in Aussicht genommen, den für Beerdigungszwecke nach seiner Lage und Bodenbeschaffenheit unzweifelhaft geeignet erscheinenden Grund ostwärts des Zentralfriedhofes, anschließend an den neuen evangelischen Friedhof, von dem Besitzer, Herrn Anton Dreher, zu erwerben. Nachdem von der Gemeinde Wien bereits festgestellt worden war, daß sich die Grundfläche in jeder Beziehung zu Friedhofszwecken eignet, wurde in der Plenarsitzung vom 8. Jänner 1911 mit allen gegen eine Stimme beschlossen, das Areale im Ausmaße von 243.770,4 m2 zum Preise von K 1,089.382.84 anzukaufen. Zur Beratung über die Art der Beschaffung der zum Ankaufe der Gründe notwendigen Geldmittel wurde ein Komitee eingesetzt, in welches die Herren Salo Cohn, Leopold Langer, Max Frank, Direktor Alois W e i s h u t und Direktor Wilhelm Kux berufen wurden. Am 6. April 1913 waren die Verhandlungen endlich so weit gediehen, daß das Plenum des Kultusvorstandes beschließen konnte, für die Erlangung von Plänen für den neuen Friedhof eine allgemeine Konkurrenzunter sämtlichen jüdischen Architekten Wiens auszuschreiben. Ueber Antrag der „Friedhof-Kommission" wurde nunmehr eine Kommission, bestehend aus zwei Mitgliedern des Kultusvorstandes, sowie je einem Beamten des Sekretariates, des Friedhofamtes und des Technischen Amtes in jene großen Städte Deutschlands entsendet, in welchen sich nach irgend einer Richtung mustergültige Friedhofanlagen befinden, um jene Erfahrungen zu sammeln, welche für die Feststellung des Erfordernisprogrammes für den zu errichtenden neuen Friedhof der Wiener israelitischen Kultusgemeinde förderlich sein sollten. An dieser Informationsreise nahmen die Vorstandsmitglieder Vizepräsident Hof rat Dr. B. Rappaport und Architekt Jakob Gaertner und die Beamten der Kultusgemeinde Emil Engel, Wilhelm F r e i s t a d t und Eugen Z o 11 n e r teil,

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