Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 35 (31.8.1928)
- Date
- 1928-08-31
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite $ fflffltnWMP'nnnnnnnnmmminm^ DIE WAHRHEIT Der 70. Geburtstag des Bundespräsidenten. Die österreichische Judenheit beging mit der übrigen Bevölkerung der Bundesrepublik Oesterreich die Feier des 70. Geburtstages des Präsidenten der Bundesrepublik, Dr. Michael H a in i s c h. Dem Bundespräsidenten gingen herzliche Glückwünsche seitens der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, der übrigen Judengemeinden Oesterreichs und der großen jüdischen Körperschaften zu. Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde hat an den Herrn Bundespräsidenten Dr. Michael fiainisch aus Anlaß des 70. Geburtstages eine künstlerisch ausgeführte Adresse gelangen lassen, deren Text wie folgt lautet: ..Hochverehrter Herr Bundespräsident! Der 70. Geburtstag, den Sie. hochverehrter Herr Bundespräsident, am 15. August d. .1.. begehen, gibt der Vertretung der Wiener Judenschaft der israelitischen Kultusgemeinde erwünschten Anlaß. Sie auf das Ehrerbietigste zu begrüßen und zu beglückwünschen. Dieser Glückwunsch gilt nicht nur Ihrer hohen Persönlichkeit, vielmehr auch unserem geliebten Vaterlande, dem Sie nunmehr seit dem Bestände unserer Bundesverfassung als verfassungsgemäß frei gewähltes Staatsoberhaupt mit jener Würde vorstehen, die Ihnen die Verehrung und Liebe des österreichischen Volkes ohne Parteiunterschied gesichert hat. Verehrter Herr Bundespräsident! Den Vertretern der Wiener Judenschaft ist Treue zum Staate und seinem Oberhaupte heilige, religiöse Pflicht und altbewährte Tradition. Ihnen gegenüber, der Sie wiederholt Gelegenheit genommen haben, unserer Gemeinde bei freudigen und traurigen Anlässen Ihr warmes Interesse zu bekunden, ist es uns auch Herzensbedürfnis. Sie unserer tiefen Verehrung und unseres dauernden Dankes zu versichern. Empfangen Sie. hochverehrter Herr Bundespräsident, wiederholt unsere ergebenen herzlichsten Wünsche für Ihr Wohlergehen, für das Ihrer hochgeschätzten Familie, sowie jener allverehrten Frau, die Sie mit berechtigtem Stolze „Mutter" nennen." * Bundespräsident Dr. Michael fiainisch, der deutschnational gesinnt, dabei konsequenter Demokrat ist, hat sich Zeit seines Lebens mit jüdischen Fragen beschäftigt und eine den Juden freundliche Gesinnung bekundet. Er gilt als einer der besten Kenner der kompliziertesten jüdischen Fragen. Heute wie früher pflegt er gesellschaftlichen Verkehr mit prominenten jüdischen Familien Wiens. Präsident Hanisch hat unlängst in einem Gespräch scherzhaft geäußert: „Die Antisemiten reihen mich in die jüdische „Mischpoche" ein, weil meine Frau jüdischer Abstammung ist und ich selbst stets freiheitlichen und demokratischen Prinzipien gehuldigt habe." ^<BM«ua Herren-* und Damenkleider nach Haß sowie fertig lagernd, nur Qualitätsware, billigste Preise. Eventuelle langfristige« bis zu einem Jahre wahrende Zahlungserleichterungen Kleider-Erzeugungs-Union, Wien VI., Kaserneng. 6 Telephon 2-15 QI crre #v. Die führenden Staatsmänner fast aller Länder der Welt haben sich geeinigt, in einer flammenden Erklärung die Aechtung des Krieges auszusprechen. Der Menschenfreund, in dem noch die schmerzlich brennende Erinnerung an die furchtbaren Greuel des Weltkrieges lebt, der 15 Millionen junge Menschen ins Grab und ungezählte Familien in Trauer gestürzt hat, wird zwar auch diese platonische Erklärung mit freudiger Rührung begrüßen, aber dabei schwerlich den Gedanken unterdrücken, daß es auch vor dem Ausbruch des Krieges keinen Staatsmann gegeben hat, dem es je an begeisterten Worten zur Verherrlichung des Friedens gefehlt hätte. Insbesondere die Juden werden sich sagen, daß, wenn schöne Worte erleuchteter Männer, idealer Politiker, Denker und Dichter genügen würden, um die Menschheit vor schmachvollen Attentaten gegen Recht, Vernunft und Humanität zu schützen, der Antisemitismus längst tot und begraben wäre. Die „Reichspost" veröffentlichte dieser Tage einen Artikel über die „Rolle des Judentums in Rußland", der in wahrhaft tückischer Weise die authentischen Nachrichten über blutige Judenverfolgungen in Rußland mit der Behauptung über eine geradezu märchenhafte Uebermacht der Juden in Rußland zu widerlegen sucht. Der Verfasser des Artikels lebt, wie die „Reichspost" versichert, seit vielen Jahren in verschiedenen Teilen Rußlands und könne insbesondere in der Beurteilung der kulturellen Fragen als Autorität gelten. Wenn die „Reichspost" dies nicht nachdrücklich betonen würde, hätte sicherlich jeder unbefangene Leser geglaubt, der Feder dieses Verfassers seit Jahren in verschiedenen Teilen der „Reichspost" begegnet zu sein. Es ist nicht überraschend, daß auch in diesem Artikel die in allen antisemitischen Blättern wiederkehrende Behauptung wiederholt wird, die Juden in Rußland seien im Besitze aller hohen Stellungen in den Aemtern und in der Armee. Neu und durch ihre Verwegenheit geradezu verblüffend aber ist die Mitteilung, daß es noch gar nicht so lange her ist, „daß viele kleine Leute jüdische Namen annahmen, um sich das Fortkommen in der Beamtenkarriere zu erleichtern, und es ihnen auf diese Weise tatsächlich gelang, in verhältnismäßig kurzer Zeit auf hohe Posten zu kommen". Die „Reichspost" weiß genau, daß die schändlichsten unter höchst arisch klingenden Namen erschienenen Hetzartikel gegen Juden oft aus den bezahlten Federn jüdischer Renegaten IIHIIIIIIIIIIIIIIINIUIIIIINIIIIIlir Bollinger-Eiskasten sind seit 1870 die besten Fabrik: Wien XV., Staglgasse Nr. 10, Telephon R 30-5-38 Filiale: VII., Burggasse Nr. 17, Telephon B 32-3-80 ^■■■■■■«■»■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■ua«r