Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 35 (31.8.1928)
- Date
- 1928-08-31
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Die Geschichte der drei Ringe in Lessings „Nathan". Von Dr. AI. Spanier, Magdeburg Am 22. Jänner des kommenden Jahres wird der 200jährige Geburtstag Gotthold Efraim Lessings, des großen Apostels der Humanität, in allen Gauen Deutschlands und darüber hinaus festlich begangen werden. Jetzt schon darauf hinzuweisen, ist insofern zeitgemäß, als die Erfahrung gelehrt hat, daß bei allen politischen Wahlkämpfen Gesichtspunkte der allerverschiedensten Art ins Gefecht geführt werden, aber an einem mangelt es: an ethischen Motiven, die alles beherrschen sollten. Die Parabel von den drei Ringen in Lessings „Nathan der Weise", einer Novelle des Dekamerone entnommen, bildet den Mittelpunkt dieses Stückes. Sie beginnt bekanntlich mit den Worten: „Vor grauen Jahren lebt' ein Mann im Osten, der einen Ring von unschätzbarem Wert aus lieber Hand besaß" usw. (Siehe 3. Aufzug, 7. Auftritt.) Professor Michael Guttmann behandelt in seinem Meisterwerk „Das Judentum und seine Umwelt" (Philo- Verlag, Berlin 1927), Seite 159 uff., die Geschichte der drei Ringe in Lessings „Nathan". Es gilt die Frage, ob es für positive Religionen religionstheoretisch begründbare Möglichkeiten dafür gibt, daß Mitglieder der einen Konfession mit denen anderer Konfessionen glaubensmäßig zulässige Gemeinschaften schließen auf rein ethischem Boden und rein humaner Grundlage, ohne sich dabei etwas vergeben zu müssen. Bedeutet nicht die Anerkennung der Existenzberechtigung einer anderen Konfession in gewissem Sinne einem Angriff gegen die Berechtigung der eigenen Sonderexistenz? Guttmann meint, daß uns Lessing, dessen humaner Sinn über jeden Zweifel erhaben ist, aus diesem Dilemma nicht befreit. Nach ihm (Lessing) besitzt der echte Ring die „Zauberkraft", daß er seinen Träger angenehm macht vor Gott und Menschen. Das letzte Wort sei jedoch im „Nathan" nicht enthalten. . . . „Der Grundgedanke, auf dem sich die ganze Fabel aufbaut, ist und bleibt, daß es höchstens einen ursprünglichen, also einen echten Ring gebe." Hieraus könne nur eine konventionelle Toleranz erwachsen, ein sich Dulden aus politischer Klugheit. Wo bleibt da die einzige wahre Toleranz, wenn jeder glaubt, im Besitz der echten Religion zu sein? Nach unserer Ansicht dreht es sich lediglich um die Pilatusfrage: Was ist Wahrheit? Und da belehrt uns wieder Lessing: Die volle Wahrheit ist nur bei Gott allein. Und der feinsinnige Steinthal, der große Sprach- und Seelenforscher, ruft uns zu: Keiner darf von uns sagen: Ich bin in der Wahrheit, du nicht. Wie kannst du dich also beklagen, wenn jemand anders denkt, als du? Das kann und soll dich auch nicht entmutigen; sei und bleibe du nur immer überzeugt, was du glaubst, sei wahr, d. h. ich habe teil an der Wahrheit, der andere aber, der anders denkt, darf nicht minder überzeugt sein, daß auch er die Wahrheit berühre. Wendet sie dir die eine Seite zu, so dem anderen eine andere. — Es ist interessant, uns vor J.........................HH«»«.». : Streng orthodox Geflü$ßlhDndlun$ s ■ unter Aufsicht des Ehrw.Rabbinates Adas Israel( Schiffschul) ■ [ Zu ieder Tageszeit | ■ frisch gebratene Gansl s 5 Ungarisches Mastgeflügel von bester Qualität! ■ ■ ■ : Emanuel Schlesinger { ■ Wien II., Große Schiffgasse S ■ ■ Tel. R 40-5-90 Tel. R 40-5-90 g Augen zu führen, welchen Standpunkt Dichter und Denker, Theologen und andere Wissenschaftler Lessings „Nathan" gegenüber vertreten haben. Goethe wünscht, daß das im Drama verherrlichte göttliche Duldungs- und Schonungsgefühl der Nation heilig und wert bleiben möge. Herder nennt das Gedicht einen Kranz von Lehren der schönsten Art der Menschen-Religions- Völkerbildung. David Friedrich Strauß: Der Grundgedanke der Dichtung schließe jedes Privilegium einer geoffenbarten Religion aus und lasse alle einzelnen Religionen und Bekenntnisse nur als Formen einer allgemeinen und natürlichen Religion erscheinen. Kurtz (namhafter Theologe) erkennt im „Nathan" eine Verhöhnung des Christentums. Beyschlag (Professor der Theologie in Halle) bedauert, daß im „Nathan" das Judentum auf Kosten des Christentums erhoben sei. Kuno Fischer, der berühmte Historiker der Philosophie, beantwortet die Frage: Warum ist Nathan Jude? dahin: Nicht weil das Judentum die Religion der Duldung, sondern weil es das Gegenteil ist, darum ist Nathan ein Jude. Wie weit entfernt ist Kuno Fischer von dem Standpunkt Lessings, wonach alle drei Religionen als Gott wohlgefällige sich erweisen können, und daß sie es tun, wenn sie bewirken, daß ihre Bekenner einer unbestochenen, von Vorurteilen freien Liebe nacheifern. Wir stimmen Heinrich von Treitschke zu, der in einem Aufsatz über Lessing (Leipzig 1870) sagt: „Erst wenn die Ideen des Nathan in unserer Gesetzgebung sich vollständig verkörpert haben, dann erst dürfen wir uns rühmen, in einer gesitteten Zeit zu leben". Angesichts des Umstandes, daß der Antisemitismus» die Schmach aller Jahrhunderte, noch immer seine Orgien feiert, schließen wir mit den Worten eines berühmten Rechtslehrers, Rudolf v. Hiering, aus dessen Werk „Der Zweck im Recht": „Dem Volke, das unserer Welt den Gedanken der Menschlichkeit und der an keinen Unterschied des Glaubens geknüpften Liebe gebracht hat, lohnt der Antisemitismus dadurch, daß er beide ihnen gegenüber verleugnet."