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Die Wahrheit · 1928-08-31 · Heft 35 (31.8.1928) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 35 (31.8.1928)
Date
1928-08-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Stite 2 HinH!!uniniiiBi«iuin DIE WAHRHElt züge bewies die Wiener Judenschaft bisher stets dadurch, daß sie der von der „Stimme" so arg geschmähten „Union" das Vertrauen schenkte und ihr zur Majorität in der Gemeinde verhalf, während die Herren Zionisten trotz aller Anstrengungen immer nur in der M in de r h e i t blieben. Dieses Moment ist für die Stärke einer Bewegung entscheidend und nicht — die Mitgliederzahl. Den Hauptangriff richtet der Artikelschreiber der „Stimme" gegen unsere Ausführungen über die famose „Volksgemeinde". Er meint, daß wir "diese „als eine Art Wauwau hinstellen, den schwarzen Mann, mit dem man Kinder schreckt; eine höchst naive Methode, vielleicht bei Kindern wirksam, nicht aber bei reifen Menschen." Der gute Mann vergißt, daß es reife Menschen gibt, die in der Politik Kinder sind, und zu dieser gerade in Oesterreich stark verbreiteten Spielart zählen auch die Zionisten mit ihren phantastischen Forderungen. Zu der gleichen Sorte gehört auch ihr Wunsch nach der „Volksgemeinde", die — wir scheuen es nicht zu sagen — gegen das Gesetz ist. § 1 des Gesetzes vom 21. März 1890 besagt nämlich: „Aufgabe der Kultusgemeinde ist, innerhalb der durch die Staatsgesetze gezogenen Grenzen für die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse ihrer Mitglieder zu sorgen und die durch diesen Zweck gebotenen Anstalten zu erhalten und zu fördern." Die Wiener israelitische Kultusgemeinde kann und darf daher nach dem Gesetze keine politische Körperschaft sein; die von den SeuOieie* Don Fernando. Eine Erzählung aus der Zeit der Marannen. Von Josef Kaplan (Fulda). In dichten Scharen strömte die Madrider Bevölkerung dem breitgeöffneten Tore der großen Kirche zu. Lachend und scherzend gingen die Jungen, andächtig, mit gesenkten Köpfen schritten die Alten einher. Von den Häusern flatterten weiße Fahnen herab, die Fenster waren geschmückt mit Blumen und farbiger Seide. Die Frauen trugen kokett feine Umhänge, zierliche Schuhe und glitzernden Schmuck; die Männer hatten gold- und silberbestickte Westen an. Die Sonne schien warm auf die festlich geschmückte Stadt herab und spiegelte sich in den riesigen, metallenen Kuppeln der Kirche, die, ein Meisterwerk mittelalterlicher Architektur, stolz emporragte. Immer mehr Menschen drängten sich in die weiten Hallen des Gebäudes, das groß genug war. Tausende aufzunehmen. Nach und nach wurden die Gassen leer; ab und zu eilte ein Verspäteter dem nunmehr geschlossenen großen Tore zu, das Summen und Surren hörte auf und eine erhabene Stille trat ein. Da begannen die Glocken zu läuten. Der Schall pflanzte sich weit fort und erzeugte dumpfe Echos. Die Menge kniete nieder und versank in Andacht. Don Fernando, der greise Priester, trat auf die Kanzel und machte mit der Hand ein Zeichen. Alle erhoben sich und nahmen ihre Plätze ein. Gespannt sahen sie auf den edlen Kopf des Geistlichen, der mit mildem Blick auf die Gemeinde herabsah. Wenn Don Fernando predigte, dann war es jedesmal ein besonderer Anlaß — hatte er doch die höchste Stelle der Madrider Kirche inne und galt als der weiseste Richter der spanischen Inquisition. Schon als junger Mann genoß der Prie- Jüdischnationalen angestrebte „Volksgemeinde" ist aber ein politisches Forum. Die uns vorgeworfene „bewußte Irref ü h r u ng derWählerschaft" wird also nach dem klaren Wortlaute des Gesetzes gerade von der „Stimme" vollbracht, denn es stellt eine Irreführung dar, wenn man das Gesetz, das nur „religiöse Bedürfnisse" ins Auge faßt, dahin interpretiert, daß sich die Autonomie der Kultusgemeinden neben den Kultusangelegenheiten „auch auf alle jene Verrichtungen und Obliegenheiten erstreckt, welche die in ihnen zusammengefaßte Judenschaft als solche betreffen." Das ist eine „falsche Auslegung des Kultusgemeindegesetzes", denn „Die Stimme" meint sicher politische „Obliegenheiten und Verrichtungen", während das Gesetz nur von „religio s e n Bedürfnissen" spricht. „Die Stimme" aber bezeichnet nach dem Grundsatze: Haltet den Dieb! die Herren der Mehrheit als die falschen Interpreten des Gesetzes und meint, daß aus dieser ihrer irrigen Auslegung alle Uebel resultieren, die diese miserable Majorität verbrochen und als da sind: Trennungsbestrebungen in der Gemeinde, schlechte Verwaltung, unrichtig organisiertes Steuersystem, Begünstigung der Reichen, fehlende Erziehungsmöglichkeiten, unproduktive soziale Fürsorge, Außerachtlassung der spezifischen jüdischen Not, Nichtstun gegenüber der Flucht aus dem Judentum usw. usw. Man sieht, „Die Stimme" läßt kein gutes Haar an der Führung der Gemeinde, wir aber sind, wenn auch das Blatt das Gegenteil behauptet, zu g u t assimiliert, um diese Behauptungen ster einen weiten Ruf, der mit den Jahren immer größer und größer wurde. Von Stufe zu Stufe stieg der Gelehrte hinan, bis er als Greis d i e Würde erreicht hat, nach der sich Unzählige ihr Leben lang sehnten. Dieses Mal galt seine Predigt dem zunehmenden Ketzertum, gegen das Don Fernando einen Kampf führte. Don Fernando sprach. Erst leise, suchend, einleitend, dann stieg seine Stimme und mächtig dröhnte sie in dem weiten Raum. Immer mehr erregte sich der Redner, seine Stirnadern schwollen an, seine Augen schienen Feuer zu sprühen, sein Gesicht, sonst bleich wie Elfenbein, rötete sich, seine Hände zitterten, als wollte er mit ihnen anzeigen, in welchem Tempo sein Herz schlägt. Leidenschaft, unermeßliche Leidenschaft schickte der hagere Körper aus seinem Munde in die Herzeh aller Zuhörer, die er ausnahmslos ausfüllte mit dem einen Wunsche: „Tod den Ketzern!" „Tod den Ketzern!" rief Don Fernando. „Tod allen denen, die mit ihrem frevelhaften Treiben den Himmel erzürnen, die Würde der Kirche beleidigen und das ganze Staatsgebilde unterhöhlen in dem Bestreben, es stürzen zu lassen, um sich, dann wie Hyänen auf die Beute zu werfen--- —!" Don Fernando hielt inne. Das weite Tor gegenüber öffnete sich, einige Soldaten traten ein und machten den Weg frei für Don Manuelo, den ersten Minister des Landes. Mit gemessenen Schritten ging der Minister durch das riesige Kirchenschiff und nahm auf einer mit Gold verzierten Erhöhung Platz, nachdem er gegen den Priester eine tiefe Verbeugung, machte, die derselbe mit einem leisen Nicken des Hauptes erwiderte. Nur eine Minute dauerte die Unterbrechung; aber sie ließ allen Anwesenden genug Zeit, um sich zuflüstern zu können, daß die Verspätung Don Manuelos seltsam, sehr seltsam sei. Der Priester fuhr fort: „Spanien ist in Gefahr, wenn es dem Ketzertum gelingt, sich breit zu machen! Aber die heilige Inquisition wacht und mit Hilfe Gottes wird es ihr gelingen, die Feinde der Kirche auszurotten. Was wir mit unserem Fluche nicht vertilgen können, das wird die Regierung mit Feuer und Stahl vernichten — auf daß uns der Himmel gnädig sei und alle Gläubigen der Seligkeit teilhaftig werden können, Amen---:

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