Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 34 (24.8.1928)
- Date
- 1928-08-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Di£ WAKRHEU ittuaifliiuyiiiM Mensch auf Erden, Geist und Herz zum Uebermenschlichen, Ewigen erhebend, nach dem Rätsel von Gut und Böse forschend — immer wieder zur hebräischen Bibel zurückkehren wird. In Hellas, besonders in Jonien. wird die Philosophie und die Wissenschaft stets ihre Urheimat erblicken, gleichwie alle Religion der weißen Rasse ihre Urheimat in Judäa. Und mit immer erneuertem freudigen Staunen und dankbarer Bewunderung nehmen wir wahr, daß unsere Denkmittel uns von den griechischen Denkern herübergereicht wurden, unsere Forschungsmethoden in ihrer Gedankenarbeit wurzeln und die Philosophie und sogar die exakte Wissenschaft der Uegenwart mit inren Ursprüngen nach Jonien zurückreichen. Niciit nur in der Kunst im umfassendsten Sinne des Wortes, wie man gemeinhin glaubt, sondern mit unserem ganzen Geistesleben sind wir den alten Griechen tief verpflichtet. Wir können uns selbst nicht verstehen, wenn wir sie nicht verstanden haben. Darum wird jedes Zeitalter zu den Griechen zurückkehren, und jedes Zeitalter wird sich ein eigenes Bild von ihnen machen. Das Griechenbild unseres Zeitalters liefert Karl Joel. Für ihn ist die Philosophie „nicht ein Stoff, sondern ein Leben", die Geschichte der griechischen Philosophie wird ihm so zur Geschichte des griechischen Lebens, des Lebens der griechischen Seele, „ich glaube an den Zusammenhang allen Geisteslebens, ja ailes Lebens überhaupt", bekennt der Verfasser „und so habe ich mich nur schweren Herzens nach der einleitenden Schilderung der inneren Lebensgemeinschaft, aus der sich die Philosophie herausrang, in der Darstellung auf die einzelnen Denker beschränkt, wie sie die Tradition nicht ohne Grund ausgewählt hat, dabei aber stets gesucht, die geistigen Zusammenhänge mitschwingen zu lassen und den allgemeinen Lebenshorizont, ja die Kulturkommission des Hellenentums wirksam zu zeigen". Was wir vor uns haben, ist also eigentlich eine Geschichte der griechischen Seele, durch das Prisma der griechischen Philosophie gesehen, und zwar gesehen von einem Meister der psychologischen Denkmethode. Joel verfügt über eine souveräne Beherrschung des Stoffes, eine unvergleichliche Belesenheit in der ganzen unabsehbaren Literatur über die Griechen bis in die kleinste Einzelheit — aber was sein Ureigenstes, Unnachahmliches ist, das ist die bewundernswerte Begabung der psychologischen Einfühlung, die ihn befähigt, entlegene Epochen mit frischem Leben zu erfüllen, fernstehende Persönlichkeiten in der ganzen Fülle ihres individuellen Fühlens und Denkens auferstehen zu lassen, so daß sie uns wie Zeitgenossen anmuten, die wir menschlich verstehen, trotz aller Verschiedenheit, die uns von ihnen trennt. Joel schreitet von der Peripherie zum Zentrum vor, von allgemeinen zu immer engeren Kreisen. „Lebensbedingungen und Grundzüge des griechischen Denkens" ist ein umfassender Abschnitt aus der Einleitung überschrieben; hier werden die spezifischen Erscheinungsformen der griechischen Mentalität, das Unvergleichliche, Einmalige ihres Denkens gezeichnet und aus den Bedingungen ihres Lebens, aus der Beschaffenheit ihres Landes zu erklären versucht, dieses Landes, „das zu jedem spricht, der Augen hat zu sehen, plastisch zu sehen und nicht bloß Ohren. Literatur zu hören .... Gewiß, das Land allein macht nicht die Leute, schon weil die Leute das Land machen: Das Land ist Material und Instrument, ist Bedingung und Vorbereitung für den Geist eines Volkes, wie es der Körper für die Seele ist." Der Geist eines Volkes aber ist ein Letztes, ein Unauflösbares und Unerklärliches, wir wollen uns damit bescheiden, ihn zu verstehen, wenn es uns auch versagt bleibt, ihn auf etwas anderes zurückzuführen. Joel entwickelt dann den seelischen Stoff, aus dem die besondere Aufgabe des griechischen philosophischen Denkens erwächst in dem Kapitel: „Das Erwachen der Vernunft im Zeitalter der Leidenschaft", welches uns die Entwicklung der griechischen Seele aus dem Geiste der Lyrik, der Mystik und der Tyrannis zur Philosophie, zum Maß, zur Begrenzung, zur Sophrosyne und zum Logos, vor Augen führt, denn „Philosophie ringt sich erst schwer heraus aus der Gesamtheit des Geisteslebens in besonderen Zeiten, Völkern und Menschen". Nach einer Charakteristik des 6. Jahrhunderts, dessen Geist der „kosmische Absolutismus" ist, werden uns die Menschen vorgeführt, in denen sich die Philosophie der Griechen herausgerungen hat. Wir machen die Bekanntschaft der altjonischen Denker, der Repräsentanten des „jonischen Geistes", Thaies, Anaximander, Anaximenes, Heraklit. Durch das „Zeitalter der Aufklärung" — das 5. Jahrhundert — gelangen wir über die jüngere Naturphilosophie mit Empedokles, Anaxagoras und der Atomistik zu Sokrates und der sokratischen Schule, deren Darstellung den Gipfel und den Abschluß des ersten Bandes bildet. Voran geht noch ein Kapitel über die Sophistik, eine prachtvolle Analyse dieser eigenartigen Erscheinung des griechischen Geisteslebens, die den Uebergang zwischen der in der Atomistik sich vollendenden Naturphilosophie und der in Sokrates erwachenden Geistesphilosophie bildet. Das Kapitel über Sokrates gehört wohl zu dem Schönsten und Tiefsten, was die weitschichtige Sokrates- Literatur aller Zeiten hervorgebracht hat. Die Analogie zwischen dem Sokrates-Prozeß und dem Jesus-Prozeß schwebt gleichsam im Hintergrunde und vom ersten fällt ein versöhnender Schimmer auf den letzten. In schlichten Worten, ohne jegliches Pathos, wird der tragische Konflikt geschildert, in den der athenische Geist, sich in Sokrates vollendend, zu seinen äußeren Erseneinungsforinen, verkörpert in religiösen, sozialen und politischen institutionell, geraten mußte, ein Konflikt, dem Sokrates zum Opfer fiel. „In einer Zeit, da Haus, Staat und Religion soviel inniger ineinauderlebten, da man die Fatniliensippe als Wurzel fühlte, den Staat als Stamm und die auch als väterliche verehrten Götter als Krone eines großen Lebensbaumes, der den einzelnen von Kindheit an schützend umfing und dem er sich nicht entwinden konnte, ohne ein Sakrileg zu begehen" — in dieser Zeit lehrte Sokrates „neue Göttlichkeiten", tat er „den großen Schritt zum wahren Menschentum, der aus der Masse, aus der Gattung, aus den Instinkten hinausführte zum individuellen Bewußtsein". Und darum war er der „Volksfeind", darum war er vor allem denen verhaßt, die von den Instinkten des Publikums lebten, selber mehr aus den Instinkten, als aus der Vernunft heraus lebten und schufen." Sokrates, der den Gott im eigenen Busen trug und der dem üotte und der Stimme der Vernunft mehr gehorchte als den Menschen — dieser Sokrates mochte wohl als Feind des Geltenden, des Volksrechtes und der Vätersitte erscheinen. Und er war es im tiefsten Grunde, ob er es wußte, oder nicht. In Wahrheit hat ja Sokrates seinen Prozeß mit gelenkt, hat er sich ja selbst die Todesstrafe auferlegt, der er sich, wenn nicht im Prozeß, so doch vor ihm und nach ihm, entziehen konnte. „Er tat es nicht, weil er sich im tiefsten Grunde einig fühlte mit dem richtenden Volksgeist." „Der Geist der Sokratik durchbrach das alte Volksrecht, das attische Volk dunte ihn verurteilen, gleichwohl war er der Vollender, der ideale, nur zu ideale Vollender des attischen Wesens, der attischen Freiheit, der attischen Gleichheit, der attischen Oeffentlichkeit, indem er alles aus dem Druck der Autorität und dem Dunkel der Triebe vor das Forum der Vernunft zieht, in die freie, helle, bewußte Erörterung, die gerade die Attiker schätzen und als Reflexion der Tat vorausgehen lassen." Der Held muß fallen, damit seine Idee siege. „Sokrates stirbt, aber sein Geist lebt nicht nur fort, sondern kommt erst zur vollen Entfaltung in den Sokratikeru." Joel wollte ein Buch geben, „das als Einführung den Gebildeten ansprechen, den Studierenden aufklären und zugleich noch dem Gelehrten einige Bereicherung bieten möchte." Den ersten beiden Kategorien bereitet der Verfasser jedenfalls einen erlesenen Genuß, für den sie ihm nicht genug des Dankes wissen können. Der prachtvolle, schlichte, vornehm ruhige Stil, voll verhaltener Glut und hinreißendem Enthusiasmus, die meisterhafte plastische Darstellung, erhöhen, gewissermaßen als unbeabsichtigte königliche Beigabe, den Wert des Geschenkes. Der zweite Band soll P1 a t o und die Platoniker bis zum Neuplatonismus behandeln. Wird hier auch Philo, diese erstmalige Synthese des hellenischen und judäischen Geistes, zur Darstellung gelangen? Wir wollen es hoffen. Der deutsche Verfassungstag. In der Breslauer „Jüdischen Zeitung" veröffentlicht Dr. Felix Heimann (Ratibor) einen Aufsatz „Für Frieden, Freiheit, Republik", in welchem er mit Bezug auf den am 11. August zum neunten Male wiedergekehrten Tag der Unterzeichnung der Weimarer Verfassung ausführt: „Am Tage, an dem vor neun Jahren die Verfassung der Deutschen Republik unterzeichnet wurde, bekennt sich die jüdische Bevölkerung Deutschlands erneut und ohne Vorbehalt zu den Gedanken, die das große Werk von Weimar bestimmen, zum Frieden der Völker untereinander, zur Befriedung des deutschen Volkes, zur freiheitlichen Ausgestaltung des Reiches und der Länder, zu den in der Urkunde vom 11. August verbrieften Grund- und Freiheitsrechten und -pflichten aller Deutschen ohne Unterschied der religiösen, politischen, wirtschaftlichen Einstellung, der Abstammung und des Standes, und fordert, daß die republikanischen Regierungen des Reiches und der Länder dafür sorgen, daß der Widerspruch, der zwischen den Worten der Verfassung und den tatsächlichen Verhältnissen in Deutschland in Hinsicht auf die jüdische Bevölkerung in vielem noch besteht, sobald wie möglich, so restlos wie möglich beseitigt wird. Deutschlands Juden werden, wie bisher, so auch in Zukunft in vollem Maße dem Staate geben, was des Staates ist, sie erheben aber die selbstver-