Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 34 (24.8.1928)
- Date
- 1928-08-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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•.riSisäaraa Seite 6 DIE WAHRHEIT ' fr dikalzionisten und Makkabi insgesamt bloß fünf Mandate erringen. Unter dem Eindruck dieser katastrophalen Niederlage der Zionisten hat ihr eigenes Organ in Wilna zur Beruhigung der zionistischen Wähler schreiben müssen, daß es scheint, daß die Zionisten bei den Parlamentswahlen, hingegen die Agudisten bei Kultuswahlen siegen. In Bialystok und Kowel, Städte, die sowohl geistig wie geographisch Wilna so nahe liegen, war der Sieg der Aguda noch größer. In Bialystok haben die Orthodoxen 14 Mandate (Zionisten und Misrachi 4) und in Kowel gar die absolute Majorität gegenüber allen anderen Parteien errungen. Aus diesen für die Zionisten höchst blamablen Beispielen ersieht man, daß man ihren beliebten Siegesversprechungen nicht so recht glauben darf. Es kommt eben immer anders, als man denkt .... Der tote „Komödiant". (Am frischen Grabe des jiddischen Komikers Max Streng.) Von Josef Grob. Von den vielen Leichenbegängnissen, denen ich in meiner, seit einem Vierteljahrhundert bereits währenden Amtstätigkeit beigewohnt habe, werden mir zwei unvergeßlich bleiben: das Begräbnis des großartigen Oberkantors und gottbegnadeten Sängers Bela Guttmann und das des jüngst verstorbenen Komikers Max Streng. Als ich am 8. September 1911 auf den Zentralfriedhof hinausfuhr, um meinem lieben Freunde und geschätzten Kollegen Guttmann die letzte Ehre zu erweisen, da merkte ich es gleich, daß man erst nach dem Tode wahrnehmen kann, wer ein wahrer Liebling des Volkes ist. Nicht die vielen Honoratioren bei diesem Leichenbegängnisse fielen auf, sondern die große Masse, das einfache Volk, das aus allen Wiener Bezirken herbeigeströmt war, um den frühzeitigen Tod des allseits beliebten Kantors zu beklagen. Er war es, dieser große Chasan, der eine Reihe von Jahren die Wiener Juden mit seinen inbrünstigen Gebeten zu Tränen rührte, und so kamen sie nun diesmal, Tränen zu vergießen darüber, daß der Mund, der so herrlich das Gotteswort zu verkünden verstand, für ewig verstummt bleiben mußte. Es war eine echte jüdische „L'wajoh", wie man ihr auf. den Wiener jüdischen Friedhöfen so selten beizuwohnen Gelegenheit hat. Nicht die Trauergesänge des Chores und nicht die Leichenrede des Predigers, sondern das aufrichtige Wehklagen der breiten Masse, die herzzerreißenden Jammertöne des einfachen Volkes gaben diesem T.auerakt sein wahres Gepräge, und der 8. September 1911 wird für das Wiener Judentum ein unvergeßlicher Trauertag bleiben. So ähnlich gestaltete sich das Leichenbegängnis des jüngst verstorbenen jüdischen Schauspielers Max Streng. Als ich am 5. d. M. am Friedhof erschien, um bei diesem Begräbnisse die Funktion vorzunehmen, da konnte es mir trotz der tiefen Erschütterung, die mich persönlich ergriffen hat, nicht entgehen, daß man hier nicht minder wie an jenem unvergeßlichen Septembertage einen wahren Liebling der großen Volksschichte der Erde übergibt. Allerdings waren diesmal die unzähligen Teilnehmer andere Typen. Es waren ihrer ausnahmlos arme Juden, aus dem weiten Osten stammend, die es hier noch nicht so weit bringen konnten, die kostspieligen Vergnügungslokale aufzusuchen, und sich mit den Darbietungen der jiddischen Brettelsänger von der Praterstraße begnügen müssen. Dorthin kamen sie. um nach den Tagesmühen einige Stunden Zerstreuung zu finden, dort hörten sie die wehmütigen Klänge des ostjüdischen Volksliedes, dort wurde ihnen das heimische Milieu auf etlichen primitiven Bühnenbrettern vor Augen gezaubert und dort hatten sie schließlich ihren Liebling Max Streng. Dieser, in der jiddischen Theaterwelt berühmte Künstler, verstand es wie kein zweiter seines Standes, die gedrückten Gemüter seiner Brüder und Heimatsgenossen zu erheitern und zu erfreuen. Er brauchte nur am Podium zu erscheinen und die vergrämten Gesichter, von den Alltagssorgen verbittert, heiterten sich auf, belebten sich neu und die Augen, die den ganzen Tag verzweifelt Ausschau hielten nach einem kleinen Verdienst, um Weib und Kind den Hunger zu stillen, lachten Tränen. Viel an materiellen Gütern konnten die Zuhörer des jiddischen Astoriatheaters in der Praterstraße ihrem Liebling nicht bieten und es ist nicht leicht zu eruieren, wie oft der Künstler mit hungrigem Magen seine „Gäste" unterhalten mußte. Der Jubel aber, den sie ihm zu spenden pflegten, war unbeschreiblich, es war wohl ein magerer Dank, an dem man sich nicht sattessen konnte, aber vom Herzen. Und erst als sie die traurige Kunde vernahmen, ihr Liebling sei nach langem, schwerem Leiden im Spital der Kultusgemeinde gestorben, da kamen sie in Scharen aus allen Wiener Ghettowinkeln, um zum ersten Maie beim Anblick des Totensarges ihres Lieolings Tränen der Wehmut und der Trauer zu weinen. Alles drängte sich zum offenen Grabe, und bat den toten Komiker um Verzeihung, daß er als jüdischer Künstler leben, leiden und sterben mußte. Selbst die große Schauspielerfamilie aus der Wiener Leopoldstadt, die diesmal vollzählig erschienen war und deren ganzes Leben ein Drama ist, konnte sich der Tragik dieses erschütternden _Momentes nicht entziehen. Sie weinte mit der armen Trauergemeinde und niemand wird diesen lebendigen Akt aus der Tragödie eines jüdischen Schauspielers je vergessen. Nach wenigen Tagen hatte ich Gelegenheit, vor dem frischen Grabe Max Strengs vorüberzugehen. Es bot einen eigenartigen Anblick. Nebst winzigen Blumensträußchen eine Anzahl von abgebrannten Lichtern und an der Seite eine frische Zeitung. Ich hob dieselbe auf und als ich wahrgenommen, daß es.eine von jenen Wiener Zeitschriften ist, die stets in aufdringlichster Weise dem jüdischen Lesepublikum einzureden versucht, daß nur sie allein das wahre Judentum vertritt, da suchte ich im Inneren dieses Organs nach einem Nekrolog nach dem in Judenkreisen so sehr beliebten Komiker und ich fand ihn auch. In einer trockenen Notiz von kaum zehn Zeilen war der stärkste Satz der, daß mit dem Tode Max Streng's ein echter Komödiant verloren gegangen ist!! Es wird behauptet, daß der Tote, solange er der Erde nicht überliefert wird, alles hört, was um ihn vorgeht. Schade, daß der Tote nicht auch sprechen kann. Er würde sonst diesen Federkünstlern zurufen: „Nicht ihr seid berechtigt und berufen, über das Wirken eines jüdischen Künstlers zu urteilen! Was ihr in eueren Spalten den jüdischen Lesern, in eueren Versammlungen den jüdischen Zuhörern bietet, ist noch lange nicht das, was der kleinste jüdische Brettelsänger der armen jüdischen Volksmasse gibt. Ein sentimentales jüdisches Volkslied, ein Bild aus dem alten, glaubenstreuen jüdischen Leben, von jüdischen Schauspielern auf die Szene gebracht, trägt mehr zur Erhaltung des Judentums bei wie euere Leitartikel über jüdische Politik und jüdischen Nationalismus. Komödianten seid ihr, die den jüdischen Lesern Komödien vormachen. Wir aber sind diejenigen, die mit unserer jüdischen Kunst und hungrigem Magen, den armen Juden die Last des Lebens zu erleichtern uns bemühen. Wir meinen es ernst und wenn wir auch für dieses Ideal sterben müssen." Das wären dann die Worte des toten Komödianten. Karl Joels Sokratesbild. Von Binjamin Segel. Die bedeutendste Erscheinung auf dem Gebiete der Philosophiegeschichte der letzten Jahre ist unstreitig Karl Joels „Geschichte der antiken Philosophie" (erster Band, Tübingen. J. & B. Mohr, Paul Siebeck). Gleichwie jeder Italienreisende sein eigenes Italien in der Seele trägt, so hat jeder Erforscher der antiken, das heißt der griechischen Philospphie_sein eigenes philosophisches Hellas in seinem Geiste. Je bedeutender sein Geist ist, desto bedeutender wird das Spiegelbild sein, welches die unvergleichliche Erscheinung der griechischen Philosophie darin erzeugen wird. Solange es philosophierende Menschen auf Erden geben wird, das heißt, solange die Menschen über den Zusammenhang der Dinge, über das Verhältnis zwischen Mensch und Welt, über den Zusammenhang zwis.chen den verschiedenen Erscheinungsformen des menschlichen Daseins, den materiellen und den geistigen, nachgrübeln werden, werden sie immer wieder zur Philosophie der Griechen zurückkehren, denn in ihr wurden die wichtigsten und bedeutsamsten Probleme tief durchdacht und zum Teil in vorbildlicher Gestalt formuliert — ebenso wie der religiöse JAC. MAYER Kleideru. Gummimäntel-Fabrik Export nach allen Ländern Eltfean«? ranOabtellunä Zentrale: Wien ll.9 GlOCkengaSSe 24 Tel.R48-4-79 - Für Kultusbeamte und Vereinstunktlonftre gegen Legitimation 10V. Nachlaß