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Die Wahrheit · 1928-08-24 · Heft 34 (24.8.1928) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 34 (24.8.1928)
Date
1928-08-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Slowakei, welche bisher die Fahnenträgerin des jüdisch-nationalen Minoritätsrechtes gewesen ist, hat der Referent, Dr. F e r b s t c i n, bisher Minoritätsrechtler bis auf die Knochen, diesem Irrtum abgeschworen. An Stelle der Forderung des nationalen Minoritätsrechtes wurde der Kampf um vollständige Gleichberechtigung auf allen Gebieten gesetzt. Die Frage blieb ungelöst, wozu dann überhaupt eine besondere jüdische Wahlpartei gegründet werden müsse. Die Versammlung nahm diese scharfe Wendung in der Politik der Jüdischen Partei zur Kenntnis. Die extremsten Exponenten des jüdischen Minderheitsrechtes fielen auch bei dieser plötzlichen scharfen Wendung nicht aus dem Wagen der Partei, wie es eigentlich politisches Gebot gewesen wäre. Sie begnügten sich mit dem Zusätze, daß man für „die volle Gleichberechtigung der Juden und für alle im Gesetze gewährleisteten Rechte" kämpfen werde. Aber diplomatische Finessen sind in einem Parteiprogramm keine Tugend; da ist eine durchaus unzweideutige Sprache höchstes Gebot. Es wird nun bald ein Jahrzehnt verflossen sein, daß die Prager Zionisten, die anfangs die Slowakei wie eine eroberte Provinz behandeln wollten, die Idee einer separatistischen jüdisch-nationalen Landespolitik hieher importierten, wo sie bis dahin streng verpönt war. Die Partei des jüdisch-nationalen Minoritätsrechtes ist auch niemals unter eigener Flagge gesegelt, sondern verbarg sich unter dem Namen „Vereinigte Jüdische Parteien". Wie in Alt-Ungarn, sind auch in der Slowakei alle Juden religiös orientiert. Die Orthodoxie, die im ersten Momente der Abtrennung von ihrer Zentrale in Budapest wie gelähmt dalag, raffte sich rasch auf und setzte dem jüdisch-nationalen Programm der Prager Zionisten das religiöse Ideal entgegen. Es gelang ihr auch, für die Slowakei dieselbe Autonomie zu erlangen, wie sie die Orthodoxie in Ungarn genossen hatte. Die „Vereinigte Jüdische Partei" wurde sich bewußt, daß sie keine Möglichkeit eines Erfolges bei den Wahlen haben könne, ohne ein Kompromiß mit der orthodoxen Landeskanzlei, die einen großen Teil der slowakischen Juden einschließt. Die Jüdische Partei hat endlich eingesehen, daß das jüdisch-nationale Postulat von dem überwiegenden Teil der jüdischen Wähler in der Slowakei auf das Entschiedenste abgelehnt werde, und verzichtete auf das Programm, doch merkwürdigerweise nicht auf die Mandate. Das heißt, auf die Aussicht auf Mandate. Denn in diesem zehnjährigen Kampfe zwischen orthodoxer und jüdisch-nationaler Wahlpartei, bei welchem Geld, Energie, Friede und gar auch Ehre geopfert wurde, ist nicht ein einziges Mandat im Parlamente erzielt worden. Hingegen haben die Kämpfe um das imaginäre Parlamentsmandat die Leidenschaften des Ghettos entfesselt. Zehn Jahre Minoritätsrechte in der Tschechoslowakei! Wo sind die Früchte? Wenn ein jüdischer Führer bereits damals vorausgesagt hat, daß die jüdisch-nationale Landespolitik die Ent- . Wicklung von großen jüdischen Staatsmännern verhindere, wie sie in Ländern aufwachsen, wo der Jude mit dem Wirtsvolke in nationaler Verbundenheit lebt, wie Reading, Samuel, Mond, Brandeis, Luzzati, Vazsonyi, Rathenau, so muß man, an den Meilenstein des ersten Dezenniums des Minoritätsrechtes angelangt, gestehen, daß in keinem Lande, wo das jüdische Minoritätsrecht wütet, ein Jude von wirklich staatsmännischer Bedeutung gewachsen ist. Die Verteidigung des Judentums lag bei den jüdischen Staatsmännern der westlichen Länder in weitaus besseren Händen. Die zehnjährige Bilanz der Methoden des jüdischen Minoritätsrechtes bedeutet Bankbruch. Man hat dem jüdischen Palästina in den bedeutungsvollsten 10 Jahren Kraft. Geld, Zeit und Freunde entzogen, ohne daß diesem schrecklichen Passivuni ein Aktivposten des Erfolges in Golusländern gegenübersteht. In Oesterreich brach die Partei katastrophal zusammen, in Polen ist sie bei der letzten Wahl auf die Hälfte zusammengeschmolzen, in Rumänien wagt sie nicht mehr laut zu reden, in der Slowakei beging sie Harakiri. Sie war das Schulbeispiel „einer Parteiung, die nicht um des Himmelswillen'' bestanden ist, sie mußte, nach dem Worte der Weisen, mit „Auflösung enden". Dieser Auflösungsprozeß wird noch stark beschleunigt durch die Gründung einer „Jüdischen Wirtschaft sparte i", die völlig von den Bankrotteuren der „J ü d i s c h e n Partei" unseligen Angedenkens abrücken will. In der W i ener „Jüdischen Presse" vom 3. August wird ein Aufsatz von Dr. Wilhelm W e 11 w a r t, Advokat in Topolcany, „Die bürgerliche Demokratie und das Judent u m" veröffentlicht, dem wir folgenden Absatz über die Gründung der neuen Partei entnehmen: „Die schwierige wirtschaftliche Lage und der Umstand, daß gerade der nationale und Klassenkampf, der in unserem MiiiuttnmtifiuiuiiiiunniuiiUiuutnifiiiMfiiiiuiittfiuittnfiiHuiifUfiiittiiniuiuiiiuiuiju Seite 5 ^■■■■»■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■s £ SM orthodox m GeflügeUimM I ■ unter Aufsicht des Ehrw.Rabbinates Adas Israel( Schiffschul) £ | Zu jeder Tageszeit i ■ frisch gebratene Gansl ] S Ungarisches Mastgeflttgel von bester Qualität! ■ 5 3 j Emanuel Schlesinger | ■ Wien II., Große Schiffgasse 5 ■ ■ Tel. R 40-5-90 Tel. R 40-5-90 g UimiiiiiumiiiiiiiuiiiiiH^ politischen Leben ausgefochten wird, zu der natürlichen Konsequenz geführt hat, daß das bisherige Bürgertum Schritt auf Schritt von seiner schwer errungenen wirtschaftlichen Position hinabgedrängt wird, daß man anfängt, die Menschen selbst bei der Besetzung der kleinsten Beamten- oder Dienerstellen nach ihrer Nationalität zu klassifizieren, daß das Bürgertum des Segens des staatlichen Protektionismus nicht teilhaftig wird, und daß ja eben dieser Protektionismus die Handels¬ und Gewerbefreiheit und damit die Lage des Bürgertums so kritisch gestaltet, hat dazu geführt, daß sich die interessierten Kreise teilweise bereits zu Abwehrschritten entschließen mußten. Ein Teil des Judentums hat sich zum Schutze seiner gefährdeten wirtschaftlichen Interessen zu einer besonderen politischen Wirtschaftspartei zusammengeschlossen. Dieser Teil des Judentums hat zunächst den Kampf im Schöße des Judentums selber gegen die nationale politische Richtung aufgenommen, um die politische Betätigung des Judentums zu entnationalisieren. Einzelne Gruppen der jüdischen nationalen Partei lösen sich auch schon von diesem lebensunfähigen politischen Körper ab. weil sie zur Einsicht gelangen, daß es für uns keinen Sinn und keinen Zweck hat, hier in unserer Republik ein „nationales" Leben führen zu wollen. Sie sehen ein, daß unsere wirtschaftlichen Interessen die Schaffung einer nationalpolitikfreien Organisation dringend erheischen. Interessant ist, daß diese Partei, die an den kommenden Wahlen teilnehmen will, nicht nur die Aufmerksamkeit des Judentums auf sich lenken, sondern daß sie eine Plattform schaffen will zur Vereinigung des gesamten liberalen Bürgertums ohne Unterschied der Nationalitäten und der Konfession, zu einer politischen Partei, zu einer entnationalisierten Politik and der wahren, bürgerlichen Demokratie." Für eine solche Verständigung mit dem gesamten liberalen Bürgertum ohne Unterschied der Konfession tritt bekanntlich auch die „Union" seit jeher ein. Diese Politik ist klüger und mehr im Interesse der österreichischen Juden gelegen als die famose „Minderheitspolitik". Den Zionisten geht es aber nicht nur in Wien schlecht. Auch anderwärts haben sie mit ihrer Politik vollständig abgewirtschaftet, sogar in dem bisher ganz von ihren Leuten beherrschten Polen. Dort finden bekanntlich jetzt in den meisten Orten Kultuswahlen statt, bei denen die orthodoxen Gegner der Zionisten fortwährend große Erfolge einheimsen können. So war Wilna bisher eine allgemein anerkannte Festung der Zionisten, wo sie sowohl politisch als wirtschaftlich eine überragende Rolle gespielt haben. Noch bei den Wahlen in den Gemeinderat, die vor einigen Monaten stattfanden, hat die Orthodoxie nicht den Mut gehabt, selbständig aufzutreten, in der Annahme, daß ein Sieg gegen die Zionisten in Wilna unmöglich ist. Bei den Verhandlungen zur Bildung eines gemeinsamen bürgerlichen Blocks zu Wahlen in den Kultusvorstand waren noch die Zionisten ihrer Sache so sicher, daß sie für sich 75 Prozent der Sitze und für die Orthodoxen 25 Prozent bestimmen wollten, wobei sie Misrachi auf das Konto der Orthodoxie setzen und überdies noch sich ein Recht der Bestimmung der Kandidaten vorbehalten wollten. Die Orthodoxie hat diese demütigenden Bedingungen nicht akzeptieren können und beschloß, mit einer selbständigen orthodoxen Liste in den Wahlkampf einzutreten. Aguda, Achduth und Tiferes Bachurim bildeten nun einen gemeinsamen Wahlblock und es gelang ihnen, sechs Mandate zu erringen, hingegen konnten die Zionisten, Misrachisten. Revisionisten. Poalezionisten, Hithachduth, Ra-

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