Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 34 (24.8.1928)
- Date
- 1928-08-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 „Eine Minderheit des Delegiertentages, die anscheinend von Unterhandlungen, die außerhalb des Delegiertentages geführt wurden, unbefriedigt war, verließ den Beratungssaal. Unter dem Vorsitze des Bezirksrates Hirschfeld wurde dann der Delegiertentag fortgesetzt und b e e n d i g t. In die Exekutive wurden gewählt: A1 b e r s Dr. Bader, Dr. Glanz, Gruberger, Josef Grünhut, Dr. Herzig, Bezirksrat Hirschfeld, Leo Kramer, Kupfer, Dr. Löwy, Gustav Moriz, Arnold Pick, Leo Rath, K. Rottenstreich. Dr. Fritz Spitzer. Nach Schlußansprachen des Vorsitzenden Bezirksrat HiTschfeld und des Doktor Glanz wurde der Delegiertentag geschlossen." Da nach diesem Berichte nur eine Minderheit den Delegiertentag verließ, dieser also nach den parlamentarischen Regeln beschlußfähig blieb, konnte die Versammlung füglich eine neue Exekutive statt der auch nach dem Berichte der „Volkszeitung" abgetretenen alten wählen. Das wollen aber die ..Werktätigen Juden" nicht wahr haben und deshalb erläßt ihre „Exekutive" folgenden Ukas an ihre Ortsgruppen-Leitungen: „Das Organ der Poale Zion, der „Jüdische Arbeiter", vom 13. Juli 1928, bringt eine Notiz über den am 24. Juni stattgefundenen Delegiertentag der „Vereinigung werktätiger Juden", in der mitgeteilt wird, daß, obwohl der Delegiertentag vom Vorsitzenden und Obmanne Dr. Bader für einen späteren Termin vertagt wurde und der g r ö ß t e T e i 1 der anwesenden Delegierten den Delegiertentag bereits verlassen und die Wahl der Exekutive für einen späteren Termin anberaumt war, der am Delegiertentag noch zurückgebliebene Teil, bestehend aus der Gruppe „Poale Zion" und deren Anhang sowie Gästen und Zuhörern, dennoch unter sich eine sogenannte Rumpf- Exekutive gewählt haben. Die Oirtsgruppenleitungen und die Vertrauensmänner werden daher darauf aufmerksam gemacht, daß diese Rumpfwahl unzulässig und illegal ist. Dieser Rumpf-Exekutive ist keine Gefolgschaft, sei es welcher Art immer, zu leisten. Unsere alte Exekutive besteht bis zur Neuwahl zu Recht aus folgenden Mitgliedern: Obmann Dr. Edwin Bader; Obmannstellvertreter Arnold Pick, Dr. Herzig: Schriftführer Josef Pick, Leo Rath; Kassiere: Dr. Ernst Bauer, Willy Stern; Kontrolle: Dr. Josef Löwy, Adolf Sobel, Josef Grünzweig; Beiräte: Heinrich Bauer, Richard Kaiser. Josef Neumann." In einem „Nachtrag" in der letzten Nummer der „Jüdischen Volkszeitung" wird mitgeteilt, daß „auch die Genossen Kultusrat Gustav Moriz und Max Alb er s in dieser Rumpfexekutive der CENTRALKINO II., Taborstraße 8 — Tel. R 42-3-41 Freitag, den 24. bis Montag, den 27. flupst MANN gegen MANN Der neueste HARRY PIEL Großfilm der Ufa Beginn an Wochentagen 6, 7a8 und 9 Uhr Sonntag, v25, 6, y28 9 Uhr Poalezionisten kein Mandat annehmen", und die Frage aufgeworfen: „Wir möchten jetzt gerne wissen, welcher Genosse, dessen Name noch irgend einen Klang besitzt, bei dieser Theatermache der Poale Zion noch mittut?" Wir aber werfen folgende Preisfragen auf: Wer kennt sich in diesem Chaos noch aus? Hat die „Minderheit" den Delegiertentag verlassen und kam es zu einer Neuwahl der Exekutive, in der auch die feindlichen Brüder großmütig aufgenommen wurden? Oder ging „der größte Teil" hinaus und warum tat er das, wenn er wirklich die Majorität besaß? Haben dann die „Zurückgebliebenen" eine „Rumpf-Exekutiv e" gewählt und sind so die bedauernswerten „Werktätigen" gezwungen, gegen zwei „Rümpfe", den Kultusvorstand (siehe Referat Gustav Moriz!) und die Poale Zion zu kämpfen? Gilt wirklich Doktor Bader, wie er sagt, gegenüber der Vereinsbehörde nach wie vor als Obmann der Exekutive und verantwortliche Repräsentanz der Vereinigung, obwohl er und seine Leute doch auf dem Delegiertentag, nach dem Berichte ihrer eigenen „Jüdischen Volkszeitung", abgetreten sind? Oder ist Des Sängers Schuld und Sühne. Der Held der Volkssage, die weiter unten folgt, lebte um die Mitte des vorigen Jahrhunderts in Wilna, wo er Chazan der berühmten dortigen „großen Schul" war. Er hat eine große Anzahl ergreifender Synagogenmelodien hinterlassen, die noch beute weit und breit berühmt und bewundert sind. Er starb in sehr jugendlichem Alter. Da er nicht nur als Komponist, sondern auch als Sänger Bewunderung und Liebe erntete, so hat die. Volksphantasie um sein Leben und seinen frühen Tod eine merkwürdige romantische Sage gewoben, die hier in kurzen Zügen wiedergegeben werden möge. Mann nannte ihn das „Hausväterchen" von Wilna*). Er war nämlich noch ein. gar junger, kleiner Knabe, als schon sein Gesang das Entzücken der Hörer derart erregte, daß man trotz seines zarten Alters beschloß, ihn, als wäre er schon ein Verheirateter, ein Hausvater, zum Chazan der altehrwürdigen, großen Synagoge zu machen. Da er noch so klein war, mußte er vor dem Altar auf einem Schemel stehen. Sein Gesang war der schönste, den man jemals gehört hatte. Man gab ihm, wie jedem frommen jüdischen Kindel, eine Frau und er war sehr glücklich. Von weiter Ferne pilgerte man nach Wilna, um sedai Singen und Vorbeten zu vernehmen. Die Wilnaer liebten ihn wie ihren Augapfel und waren stolz auf ihn. Die Großen der Stadt verhätschelten ihn und erfüllten ihm jeden Wunsch. Andere große Städte bewarben sich um ihn, aber alle ihre *) „Das Wilnaer Baal-bessel" — populäre Diminutivform von „Baalbuss" — vom hebräischen „Baal habajith Hausvater, pater famiiias. Bemühungen waren vergebens. Endlich kamen die Warschauer und bewirkten nach langen Werbungen, daß das Hausväterchen sich entschloß, auf einen Sabbat hinzufahren und in ihrer Synagoge vorzubeten. Dort lernte ihn der große polnische Komportist Moniuszko kennen und bewog ihn, längere Zeit dazubleiben. Sein Ruhm verbreitete sich bald auch unter den Christen. Es war Moniuszkos schöne Tochter, nach anderen war es eine andere Grafentochter, der seine Lieder und sein Singen besonders gefielen. Er mußte öfters in ihren Palast kommen und vor ihr singen. Er glaubte, es wäre ihr nur um seine Stimme und seine Liejder und Gesänge zu tun, sie aber verliebte sich mittlerweile heimlich in ihn. Einmal, als er vor ihr gesungen, ward ihm sehr heiß. Sie nahm nun ihr seidenes Taschentuch und wischte ihm den Schweiß von der Stirn; andere behaupten, sie hätte ihm mit ihrem goldenen Fächer Kühlung zugefächelt. Genug, sie gewann so Gewalt über ihn, denn dadurch konnte sie einen Zauber auf ihn werfen. Nun entflammte er in heftiger Liebe zu ihr. Vergebens besann er sich, daß er ja £ine Frau hatte, die ihm nichts Böses getan und die er ja nicht verstoßen würde; vergebens besann er sich, daß die schöne Hexe ja eine Christin war und daran, seinem Glauben untreu zu werden, konnte er ja nicht einmal im Traume denken. Er wollte von Warschau fliehen, aber der Zauber war zu mächtig. Er fand die Kraft nicht. Er fing an Buße zu tun, sich zu kasteien, in den schönsten und traurigsten Gesängen sein Herz vor Gott auszuschütten, aber es half nichts. Die unreine Macht hatte schon zu große Gewalt über ihn gewonnen. Endlich beschlossen die Großen von Wilna hinzufahren, um nachzusehen, warum ihr lieber Chazan so lange