Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 34 (24.8.1928)
- Date
- 1928-08-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 ^«mmmmmmmm kein Wunder ist, denn Mendel Singer ist ja sein Mann. Dann erstattete Leo Rath, ein neuer Stern am ..werktätigen" Himmel, einen Programmentwurf. Nun ist die „Volkszeitung" mit Lobpreisungen bei der Hand: sie spricht von „vorzüglicher Ausarbeitung", „logischen Interpretationen" und bezeichnet das Referat als „besonders markant und treffend beleuchtet". Dafür kann sich der „Arbeiter" für die Brüskierung Mendel Singers durch die „Volkszeitung" ausgiebig revanchieren Für ihn war Raths Rede nur ein „Korreferat" zu dem Mendel Singers, zu dessen Entwurf Leo Rath nach der Darstellung des „Arbeiters" nur „einige Abänderungen" vorschlug. Diese „Abänderungen" scheinen aber sehr prinzipieller Natur gewesen zu sein, denn sonst hätte sich kaum über die Referate eine so „lebhafte Debatte" entwickelt wie sie diesmal ausnahmsweise beide „Organe" konform feststellen konnten. Zu einem Ende ist diese „lebhafte Debatte" eigentlich bis heute noch nicht gekommen. Nach wie vor tobt der hitzige Meinungskampf in den Blättern und Versammlungen der beidten feindlichen Brüder. Auch zu einem formalen Abschluß ist der „Delegiertentag" nicht gediehen. Wenigstens ist es aus den hier besonders widersprechenden Berichten der beiden „Organe" nicht abzusehen, wie denn die famose Sache wirklich geendet. Leo Rath schreibt in der „Volkszeitung" in einer Polemik gegen „D i e Stimme" darüber folgendes: „Mein Programmentwurf wurde sogar von dem Sprecher der Poale Zion, Mendel Singer, sowie auch nachher in den diversen Konferenzen und Unterhandlungen von den bevollmächtigten Unterhändlern der Poale Zion vollinhaltlich akzeptiert und gutgeheißen. Wäre es zu einer Abstimmung gekommen, so hätte es die „Stimme" mit Erstaunen erlebt, daß dieses „assimilatorische" Programm vom ganzen Delegiertentag. einschließlich der von der „Stimme" so verhätschelten Poale Zion, somit einstimmig angenommen worden wäre. Da aber die Poale Zion und ihr Anhang bei der Besetzung der Exekutive Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt. Von Binjamin Segel. (Schluß.) Die Nachtigall. War einmal ein junger Knabe, der sehr schön zu singen verstand. Und obgleich er noch sehr jung und sogar unverheiratet war, erlaubte man ihm, sich in einen Tallis zu hüllen, vor den Altar hinzutreten und der ganzen Gemeinde vorzubeten. Es dauerte nicht lange und sein Ruhm verbreitete sich in der ganzen Gegend und aus der Ferne kamen die Menschen nach jener Synagoge, wo der Jüngling vorbetete, um seinen Gesang zu vernehmen. Seine Stimme aber war so süß, wie die einer Nachtigall und Augen hatte er, die leuchteten wie die Sterne am Himmel. Man nannte ihn allgemein die Nachtigall Wenn man sagte: die Nachtigall wird an diesem oder diesem Sabbat beim Gottesdienst vorbeten oder «die Nachtigall fährt nach der und der Stadt auf den Sabbat, so wußten gleich alle, wer darunter gemeint war In derselben Stadt aber, im Palast, wohnte die Gräfin; die war eine große und mächtige Herrin und sehr reich. Die hörte davon, daß die Nachtigall unter den Juden einen so derartige Ansprüche stellten, die nichts anderes bedeutet hätten, als daß aus der „Vereinigung werktätiger Juden" eine poale-zionistische Filiale geworden wäre, und wir -Sozialdemokraten auf das Lippen-Bekenntnis der Poale Zion, daß sie unser Programm voll und ganz annehmen, nicht eingingen, sondern verbürgte Garantien dadurch schaffen wollten, daß die Mehrheit der Exekutive aus Männern zusammengesetzt wird, die die Gewähr bieten, daß das auch von der Poale Zion genehmigte Programm in der Tat auch eingehalten und durchgeführt wird, und in der Zusammensetzung der Exekutive keine Einigung erzielt werden konnte, so hat der Obmann und Vorsitzende des Delegiertentages Dr. Bader, noch bevor die ganze Debatte über das Programm abgeführt wurde, bevor noch' Mendel Singer als Referent der Poale Zion und ich als Referent der „Werktätigen Juden" das Schlußwort hatten, den Delegiertentag für einen späteren Termin vertagt. Es kam daher überhaupt nicht zu einer Abstimmung über das Programm, denn der Vorsitzende, das gesamte Präsidium und der g r ö ß t e T e i 1 der Delegierten verließen nach der Vertagung den Delegiertentag. Die zurückgebliebenen Poale Zion sowie Zuhörer und Gäste, die doch kein Stimmrecht haben, mögen ja nachher aus Zeitvertreib über irgend ein Programm beraten, sie mögen ja auch eine Exekutive unter sich gewählt haben, sie waren ja so gnädig, auch einige der „Assimilanten", darunter auch den „Sendling der Assimilanten Leo Rath", in ihre Exekutive hineinzuwählen, allerdings ohne uns zu fragen und ohne unserer (!) Zustimmung, dieses Kinderspiel mag ja zutreffen, faktisch aber wurde der Delegiertentag vom Obmanne Dr. Bader vertagt, es wurde weder über das Programm abgestimmt, noch eine Exekutive gewählt. Was der Rumpf-Delegiertentag nach der Vertagung beraten, beschlossen und g ewählMiat, ist illegal und besteht nicht zu Recht." Wie aus den letzten Worten Leo Raths hervorgeht, haben nach dem Abzüge der „W e r ktätigien Juden" von dem von ihnen einberufenen „Delegiertentag" die „Zurückgebliebenen", wie Leo Rath sich wahrscheinlich ironisch ausdrückt, Beschlüsse gefaßt, die wieder ihm und seinen Leuten nicht paßten. Lieber diese Beschlüsse schreibt der „Jüdische Arbeiter" (Nr. 11 vom 13. Juli) folgendes: großen Namen hatte und dachte bei sich, ich will einmal nachsehen, was da unter den Juden mit ihrem berühmten Sänger los ist. Sie zog Männerkleider an und stahl sich in die Synagoge, man weiß es übrigens bis auf den heutigen Tag nicht genau, wie und wann. Kurz, sie hörte seinen süßen Gesang und blickte ihm in die leuchtenden Augen. Nun entflammte sie in sündhafter Liebe zu ihm. Und da sie, wie gesagt, sehr reich war und eine große Macht besaß, so setzte sie es sich in den Kopf, unbedingt ihren Willen zu erreichen. Der Jüngling fürchtete sich vor der bösen Frau und auch vor sich'selber, denn er wußte, daß, wenn er einmal in ihr Netz geriete, so gäbe es keine Rettung mehr für ihn. Er floh in die Fremde und hielt sich in kleinen Städtchen verborgen. Doch die böse Frau ließ ihm keine Ruhe. Sobald er sich irgendwo verbarg, spähten ihn gleich ihre Häscher aus und hörten nicht auf, ihn weiter zu verfolgen. Seiner Vaterstadt aber drohte sie in ihrem Zorn, daß, wenn ihn die Juden nicht ausliefern würden, so würden sie alle bis auf den letzten Mann ausgerottet werden. Was blieb nun dem armen Knaben übrig? So oder so, er war verloren. Wollte er nicht eine schwere Sünde auf seine Seele nehmen, so gefährdete er das Leben so vieler Menschen. Er betete also zu Gott, daß er ihm seine Gaben nähme, die die Menschen zu solch schrecklichen Sünden verleiteten und über andere Verderben zu bringen drohten. Und Gott erhörte seine Bitte und nahm ihm die Stimme aus der Kehle und das Licht aus den Augen. Seither vernahm kein Mensch mehr einen Laut von seinen Lippen. Stumm und blind irrte der ehemalige Sänger, der Gott und Menschen mit seinem Singen erfreute, den Bettelstab in der Hand, von Dorf zu Dorf und von Stadt zu Stadt. Und das alles um ein Weib.