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Die Wahrheit · 1928-08-17 · Heft 33 (17.8.1928) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 33 (17.8.1928)
Date
1928-08-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
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DIE WAHRHEU iHUiüiuiHm^ Seite 7 den Balken aus deinem Auge, bevor du den Splitter aus dem Auge deines Nächsten zu ziehen dich; unterfängst." Tolstoi, der keine vergleichenden Studien getrieben hat, ahnte wohl kaum den tatsächlichen Zusammenhang zwischen den beiden Büchern, aber die Verwandtschaft des Gedankens hat er richtig herausempfunden. Auf demselben Blatt steht übrigens auch ein Zitat aus dem indischen Dhammapada, welches den gleichem Gedanken in einer etwas verschiedenen Form ausdrückt: „Es ist leicht, die Fehler anderer, aber schwer die eigenen wahrzunehmen." Hier folgt eine längere Erörterung dieses Themas. Viel drastischer drückt das ein jüdisches Sprichwort aus: „Es ist viel leichten: beim Nächsten Fehler, als bei sich selber Tugenden zu entdecken." Eine ähnliche Analogie bietet das Wort des Talmuds: „Gräme dich nicht um den morgenden Tag, denn du weibt nicht, was heute noch geschieht. Wer Brot im Korbe hat und spricht, was werde ich morgen essen, der gehört zu den Kleingläubigen. Wer den Tag geschaffen, schafft auch Speise für ihn", mit dem bekannten Vers aus dem Neuen Testament Matth. 6, 25. Die hier enthaltenen Lehren sind den Juden so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, daß sie sich vielfach auch im heutigen jüdischen Sprichwort ausprägen: „Mag der sich sorgen, der keinen Gott hat auf morgen." „Der Mensch soll nicht sorgen, was sein wird morgen. Er soll Heber verrechten (gut machen), was er verdorben hat nächten (gestern)." „Wer Zähne gegeben, wird auch Brot dazu geben.'" Diese Gesinnung hat gleichwohl bei uns Juden weder zu einem Fatalismus moch zu einem Mönehtum geführt. Wenn der Talmud lehrt: „Das Wesen der Liebe zu Gott besteht im Mindrängen und Hinstreben der Seele zu ihrem Schöpfer, um mit ihm in einer höheren Welt sich zu vereinen", so hat Tolstoi bei Kaiser Marc Aurel einen ähnlichen Gedanken entdeckt, der aber in viel schwächerer Form zum Ausdruck gelangt. Und weinin der Talmud befiehlt: „Sei wahrhaftig auch gegen Kinder: hast du ihnen was versprochen, so halte dein Versprechen, sonst erziehst du sie zur Lüge", so weist uns Tolstoi nach, daß John Ruskin dasselbe lehrt. In bezug auf die Bereuung der Sünden findet er eine Analogie zwischen der Lehre des Talmud und der des DJiammapada. Er notiert ferner die Lehrern des Talmud über die Verwerflichkeit des Streits und die Vorzüge des Friedens und verzeichnet das geistvolle Wort: „Gott zürnt uns wegen unserer Sünden, die Menschen wegen unserer Tugenden", dem auch Seneca beistimmt, und welchem das heutige jüdische Sprichwort mit ein bißchen anderen Worten Ausdiruck gibt, indem er sagt: „Vor Gott hat man Furcht, vor den Menschen muß man sich hüten", „Gott straft — der Mensch' rächt sich". Ein wundervolles Wort des Talmud verzeichnet er ferner: „Nicht der ist verständig, der das Gute vom Bögen zu unterscheiden» versteht, sondern, wer von zwei Uebeln das kleinere zu wählen weiß." Etwas Aehnliches sagte auch Wilhelm v. Humboldt. Die Wichtigkeit der Tat im Leben und ihr Vorzug vor der grauen Theorie betonen der Talmud und Ruskin gleich energisch. Das Lob der körperlichen Arbeit und des Handwerks, zumal des Ackerbaues, welches der Talmud in allen Tonarten zu singen nicht müde wird, muß wohl dem Verfasser der „Auferstehung" besonders zugesagt haben. Ebenso eifrig notiert er die Aussprüche unserer Weisen über die Unzulänglichkeit des menschlichen Erkenntnisvermögens, über das Wesen der Sünde, über die Gottesliebe. Man kann sich leicht vorstellen, was für einen mächtigen Eindruck auf ihn folgendes Wort machen mußte: „Liebe den ewigen Gott so., daß durch dich auch andere ihn lieben", oder „Erfülle Gottes Gebote mit Liebe. Es ist nicht dasselbe, sie aus Liebe zu Gott, oder aus Furcht vor ihm zu erfüllen." Die Demutdie Selbsterkenntnis, die Selbstverleugnung, die der Talmud lehrt, stimmen mit Tolstois eigener Lebensanschauung so sehr überein, daß er vielen diesbezüglichen Aussprüchen unserer Weisen Zitate aus seinen eigenen Werken zur Seite setzen kann. Zur Psychologie des Gebets zitiert Tolstoi aus dem Talmud folgende tiefsinnige Aussprüche: „Wisse, daß wir zu Gott beten und ihm unser Gebet zu Füßen legen, nicht weil sein Wille der Veränderung unterliegt, sondern weil wir eben dadurch, daß wir ihn um Befriedigung unserer Bedürfnisse bitten, anerkennen, daß er die Welt geschaffen hat, daß er sich um alle bekümmert, alle ernährt und über alle herrscht, daß er alle Dinge beobachtet, die guten, wie die bösen; während wir aber über den Ruhm des Herrn nachsinnen und seine Macht anerkennen, wird unsere Seele geläutert und erhoben." Und ferner: „Ein Gebet ist für jeden Redlichen die Aufklärung seiner Beziehungen zum Schöpfer, der ihm jeden Augenblick Gutes tut, die Aufklärung seines Verhältnisses zu den Menschen, seiner Pflichten gegen sie, die Kinder desselben Vaters; die Abrechnung mit sich selbst, über alle Werke und die Untersuchung seiner dunklen Vergangenheit, um sich in Zukunft vor den Fehlern und Vergehen zu hüten, die man in der Vergangenheit begangen hat." „Die Zeit ve_rgeht, sagt ihr gewöhnlich in ganz falscher Auffassung. Die Zeit besteht, aber ihr vergeht." So lautet ein anderer Ausspruch des Talmud, den Tolstoi verzeichnet. Es ist schade, daß ihm die Aussprüche der mittelalterlichen jüdischen Weisen, ebenso wie der der neueren Zeit unbekannt geblieben sind. Wie sehr, wjirden ihm z. B. folgende Aussprüche des Baal-Schern zugesagt haben: „Das Böse ist nur die niederste Stufe des Guten, und der Mensch kann durch sein Handeln das Böse zum Guten wandeln." „Wer einen Bösewicht verdammt, ohne ihm zuvor die Htnd zur Besserung gerreicht zu haben, der verdammt sich selber." „Der höchste Lohn für die gute Tat auf Erden ist die Befriedigung, die sie gewährt." „Gott dient jedes Geschöpf auf seihe Weise, der Adler in den Höhen, das Würmchen im Staub — der Mensch darf sich über diese nicht erheben." Auf jeden Fall lehrt uns das kleine Buch Tolstois, wie viel Geistesnahrung unser altes Schrifttum einem der modernsten und umfassendsten Geister der jüngsten Vergangenheit zu bieten vermochte. B. S. Schuldige Achtung! Das völkische Wochenblatt „M i c h e 1", das in Graz und Wien erscheint, legt Wert darauf, nicht als Skandalblatt vom Schlage des Salzburger „Eisernen Besens" zu gelten. Um so lehrreicher sind daher seine Aufsätze für die Einstellung der Völkischen. In der Nummer vom 5. August (Folge 31) befaßt sich Dr. Wilhelm Hub er mit der „Auslieferun g". Die französische Behörde hatte bekanntlich die Auslieferung deutscher Landsleute verlangt; den deutschen zuständigen Stellen gelang es schnell, mit den entsprechenden französischen zu einein die Würde des Deutschen Reiches wahrenden Ausgleich zu kommen. Auf Grund dieser Vorfälle wird nun von Doktor Hube r der schärfste Angriff gegen die Führer der deutschen Republik, insbesondere gegen den Reichskanzler Müller und den Reichsaußenministier Dr. S t r e s e m a n n, vorgetragen. Das ist man in völkischen Blättern gewöhnt. Aber das Neue und Ueberraschende: Die Persönlichkeit des Reichspräsidenten von Hindenburg wird nun auch von sich ernst nennenden Völkischen in den Staub gezogen. Der Aufsatz enthält dafür folgenden Beweis: . . . „Und damit für uns Deutsche auch der blutige Hohn nicht fehle, geht dieser nationale Ausverkauf Deutschlands in sittlicher und geistiger Hinsicht — politisch und wirtschaftlich ist Deutschland schon längst ausverkauft — sozusagen unter dem Schutze jenes vom deutschen Volke einst mit Recht gefeiertsten Heerführers vor sich, den die Weltgeschichte zum machtlosen Oberhaupt der internationalistisch und friedensduslerisch verseuchten deutschen Republik gemacht.44 (Von uns fett gesetzt. Die Schriftleitung.) Der Leser möge die Worte „des einst mit Recht gefeiertsten Heerführers" beachten. Aber es kommt noch deutlicher. Dr. H u b e r schreibt weiter:

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