Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 33 (17.8.1928)
- Date
- 1928-08-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 [lUiUJtliilliMUiUüiimiiuiiuuuiüDntüllJ DIE WAHÄHElt Die schwarze „Chupoh". Leo Tolstoi und die Jaden. f * Eine Trauungszeremonie am Friedhof. Von Josef Grob. Bekanntlich finden Trauungen, wenn es sich nicht um konfessionslose Ehepaare handelt, bei Christen in der Kirche, bei Juden im Tempel statt. Daß aber auch Trauungszeremonien am Friedhofe stattfinden, das dürfte weniger bekannt sein. Und doch gibt es noch heute kleinere., manchmal auch größere Provinzorte im Osten Europas, wo das sehr häufig der Fall ist, und zwar in jenen Gegenden, wo das strenggläubige Judentum in Massen wohnt. Die übertriebene Frömmigkeit dieser Juden überschreitet oftmals das Maß der vorgeschriebenen Glaubenseimrichtungen, so daß zahlreiche Familien unter dem Banne eines blinden Fanatismus stehen und der schwärzeste Aberglaube wahre Orgien feiert Die schwarze „Chupoh" (Trauung), ein Bild ungeheurer Tragik, hat ihren Ursprung djesem fanatischen Aberglauben zu verdanken. Zwei Arten von Chupohs werden von diesen Fanatikern am Friedhofe durchgeführt, und, die Anlässe zu diesen eigenartigen Trauungszexemonien sind nicht minder traurig wie das düstere Hochzeitsbild am Totenacker. So wird zum Beispiel, wenn unter den Kindern längere Zeit eine epidemische Kfrankheltf wütiejt, was in diesen Gegenden keine seltene Erscheinung ist, weniger nach Hilfsmitteln, sondern nach einen unbemittelten Junggesellen und einer armen alten Jungfrau gesucht. Diesen wird mittels Geldsammlungen unter den Glaubensbrüdern die Möglichkeit gegeben, eine Ehe zu schließen und einen Haushalt zu gründen. Die Trauungszeremonie aber, welcher die ganze Judengemeinde beiwohnt, muß am Friedhof stattfinden. Durch diesen gottgefälligen Akt glaubt dann die abergläubische Gemeinde, das böse Verhängnis, das über ihren kleinen Kindern gewaltet, verscheucht zu haben. Viel düsterer aber und wirklich herzzerreißend ist die zweite Art der Trauungszeremonie angesichts der verwitterten Grabsteine. Das ist die Hochzeit, die am Friedhofe abgehalten wird, wenn der Bräutigam oder die Braut in der Verlobungszeit verschieden ist; diese Zeremonie nennt man „die schwarze Chupoh". So eine schwarze Trauung hat unlängst in Russisch-Polen, am Lodzer jüdischen Friedhofe stattgefunden und die Szenen, die sich bei diesem dramatischen Hochzeitsakt abgespielt haben, sind ungemein tragisch. Ein zwanzigjähriger jüdischer Schneidergeselle erkrankte plötzlich an der Grippe. Er bekam hohes Fieber und mußte sich ins Bett legen. Kaum war ihm ein wenig besser, ging er, ohne zu bedenken, daß ein Rückfall eintreten könnte, wieder in die Arbeit. Es stellten sich aber bald Komplikationen ein, das frühzeitige Aufstehen brachte eine neue und noch stärkere Verkühlung und der junge Schneidergeselle starb nach einigen Tagen. Das Unglück war ein doppeltes, weil der junge Mann verlobt war und das Paar bereits Anstalten zum Hochzeitsfeste traf. Der Jammer und die Verzweiflung der Betroffenen war unbeschreiblich. In der Rabbinatskanzlei wurden indessen die Formalitäten zum Leichenbegängnis durchgeführt. Mehrere hundert Personen, Männer und Frauen, folgten dem Leichenwagen. Verzweifelte Klagelieder wurden weit hörbar, dem Sarge folgten ein blühend schönes junges Mädchen, die Braut des Verschiedenen, und die armen unglücklichen Eltern des jung verstorbenen Schneidergesellen. War schon der Trauerzug zum Friedhof ein Bild' unendlicher Tragik, so verdüsterte sich noch dieses Bild!, als man zur Vornahme der schwarzen „Chupoh" schritt. Vier der Aeltesien der Judengemeinde zogen, an vier Holzstangen bejestigt, einen Traubaldachin über die Totenbahre, die Trauergäste umschritten siebenmal den Sarg, während sie immerfort der Braut, die sie an den Händen mitzogen, zuliefen: „Deborah — so hieß die Unglückliche —, bitte ihn um Verzeihung und entsage dich für immer von ihm..." Wie im Geiste murmelte die Braut mit blassen Lippen die ihr vorgesagten Worte und ohnmächtig trug man dann das arme Mädchen vom Platze, auf dem sich das Drama ihrer schwarzen „Chupoh" abgespielt hatte. Es ist eine bekannte Tatsache, daß Leo Tolstoi vom althebräischen Schrifttum, dein Büchern der Bibel, stark beeinflußt wurde. Manche Partien in seinen Streitschriften klingen an die Worte der Propheten Israels an, ebenso was die Kraft des Ausdrucks anbetrifft, wie in bezug auf die Energie und Rücksichtslosigkeit der sittlichen Forderung auch im Völkerlieben und in der Politik. Man wußte, daß Tolstoi beim Rabbiner von Moskau seinerzeit Unterricht im Hebräischen nahm, um unsere Bibel im Original lesen zu können. Daß er aber den Talmud — natürlich so weit dieser in russischen, französischen und deutschen Uebersetzungen vorliegt — mit Eifer und mit Nutzen gelesen, und sich viel von ihm angeeignet hat, erfahren wir aus einem vor kurzem aus seinem Nachlaß im Moskauer Staatsverlag erschienenen Buch von ihm, unter dem Titel „Gedanken weiser Männer". Es ist dies eine Sammlung von Aussprüchen, Zitaten und Aphorismen großer Denker, Dichter, Gesetzgeber, Staatsmänner, Forscher und Lehrer aller Völker und Zeiten. Als Tolstoi eimmal lange Zeit krank darniederlag und seiner gewohnten Arbeit nicht nachgehen konnte, da fand er Trost in der Lektüre guter und weiser Bücher, und was er darin am bemerkenswertesten fand, was seinem Wesen wahlverwandt war, seiner eigenem Gesinnung und Geistesrichtung am meisten entsprach das schrieb er jeden Tag, im Krankenbette liegend), auf einzelnen Blättern nieder. So entstand gleichsam ein Spruchkalendier für das ganze Jahr. Blättert man in dem anspruchslosen Büchlein, so lernt man daraus, was für Fragen und Probleme den Geist des seltenen Mannes beschäftigten und welche Gedanken geistesverwandter Männer der Vorzeit auf ihn Bindruck machten und ihn zum Verweilen einluden. Die Aussprüche, die aus den entlegensten Zeiten und entferntesten Himmelszonen stammen, finden sich manchmal auf einem Blatte nebeneinander vereint und illustrieren und ergänzen einander in auffallender Weise. Tolstoi hat nämlich Aussprüche, die ihm den gleichem oder einen verwandten Gedanken auszudrücken schienen, nebeneinander gestellt. So kommt John Ruskin neben den Talmud, Manu neben dem Neuen Testament, Marc Aurel neben dem weisen Brabminen, Alexander von Humboldt neben einem alten Araber zu Worte. So entsteht zuweilen ein innerer Zusammenhang zwischen Autoren, deiren Anschauungen durch Welten voneinander getrennt sind. Diese Zusammenstellung, die ungeahnte Ausblicke auf die Einheit des menschlichen Denkens eröffnet, konnte nur ein universeller Geist wie Tolstoi bewirken. Es ist nun sehr bemerkenswert, daß unter den sechsundfünfzig Autoren, die Tolstoi exzerpiert hat, der Talmud art stärksten vertreten ist. Von den Sprüchen für die 365 Tage des Jahres sind nämlich nicht weniger als hundertundsieben dem Talmud, entnommen. Diese enorme Ziffer wird noch dadurch erhöht, daß die Zitate aus dem Talmud meist von größerem Umfange sind und jedes von ihnen füglich in mehrere Sprüche zerlegt) werden kann. Der Talmud hat offenbar auf den Weisen von Jasnaja Poljana einen starken Eindruck gemacht und seinem Geist Nahrung geboten. Der Talmud gehörte offenbar zu Tolstois Lieblingsbüchern. Die Bedeutung dieser Tatsache erhöht sich noch beträchtlich dadurch, daß ihm der Talmud keineswegs m seinem ganzen Umfange bekannt war, da ja damals wedieir in deutscher oder französischer, noch weniger aber in russischer Sprache eine vollständige Uebersetzung existierte. Unzweifelhaft würde Tolstoi an manchen, ihm unbekannten Aussprüchen unserer alten Weisen noch mehr Gefallen gefunden haben und er hätte sie gewiß seinem Zitatenschatz einverleibt, wenn er sie gekannt hätte. Der erste talmudäsche Ausspruch, dem wir in dem Buch begegnen, ist die bekannte Sentenz aus den Sprüchen der Väter: „Beurteile deinen Nächsten nicht, bevor du in seiner Lage warst." Und es ist interessant, daß auf demselben Blatt ein Zitat aus Matthäus 7, 1—5 steht, welches nichts als eine wortreiche Homilie über eine andere, verwandte, ebenfalls im Talmud befindliche Sentenz bildet, die lautet: „Ziehe zuvor JAC. MAYER PlcaOabtfellungl Kleideru. 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