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Die Wahrheit · 1928-08-17 · Heft 33 (17.8.1928) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 33 (17.8.1928)
Date
1928-08-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT üiiiiiüiiiiuiiiiihiiihiiiiiiuiiuiiiiii^ Seite 5 Dem Rückgang der Schülerzahl in unseren Religi'onsschulen wollen Sie durch Gründung jüdischer Volksschulen abhelfen. Versuchen Sie es! Wir werden sehen, wie sich die Dinge entwickeln. Für mich folgt aus den bestehenden Verhältnissen nur, daß ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung in Berlin die-^eligionsschulen nicht für erforderlich hält, da an den höheren Lehranstalten der Religionsunterricht in dem gleichen Maße erteilt wird. Es „bedeutet natürlich einen Widerspruch, sich auf der einen Seite um den Religionsunterricht an den öffentlichen Lehranstalten zu bemühen und anderseits darüber zu jammern, daß die Schüler dem Religionsunterricht entzogen weirden. Der Rückgang der Frequenz war in dem Augenblick vorauszusehen, als hebräischer Unterricht an den Volks- und höheren Schulen eingeführt wurde. Diese ganze seit zehn Jahren betriebene Schulpolitik bedeutet einen Widerspruch in sich selbst. Daß über alle diese Fragen hier gesprochen wird, ist nützlich. Es sollte aber nur der darüber sprechen, der die erforderlichen Kenntnisse besitzt. Marcus (liberal): Die Vorwurfe, die Herr Dr. Cohn gegen das liberale Judentum gerichtet sind, sind unzutreffend. Wir können in der Berliner Gemeinde mit Genugtuung feststellen, daß der Kern der Gemeindemitglieder treu zum Judentum hält. Daß gerade das liberale Judentum mit 70 bis 80 Prozent an den Steuereingängen beteiligt ist, beweist das treue Festhalten dieser Kreise an unserer Gemeinde. Wenn von Seiten des Gemeindevorstandes eine verständige Politik getrieben wird, die Rücksicht nimmt auf die Empfindungen und Interessen der Gemeindemitglieder, wird das liberale Judentum stets gewissenhaft seine Pflichten erfüllen. In dem Moment aber, wo diese Straße verlassen wird, wird das Judentum sich zu überlegen haben, ob es seine Gefolgschaft weiter einem Vorstande hält, der den Anschauungen breitester Krise der Gemeindemitglieder zuwiderhandelt. Deshalb möchte ich davor warnen, daß mit den Steuergeldern etwa in einem Sinne verfahren wird, wie die Mehrzahl der Steuerzahler es nicht wünscht. Wenn große Steuerzahler aus einem derartigen Grunde ausfallen würden, müßte sich das zum Schaden des Gesamtjudentums auswirken. Alle jüdische Arbeit, gleichviel von wem und wo sie geleistet wurde, haben wir stets unterstützt. Wir haben nie einen Unterschied gemacht zwischen Juden Deutschlands oder eines anderen Landes. Wir stehen aber auch nicht auf dem Standpunkt, daß man in Palästina bevorzugte Juden schaffen soll. Man muß überall dort der jüdischen Arbeit und den jüdischen Menschen helfen, wo sich notleidende Juden befinden, sei es nun in Rußland, in Polen oder anderwärts. Für Kulturaufgaben werden wir stets bereit sein, Opfer zu bringen, für parteipolitische Zwecke aber nicht. Das ist der Unterschied zwischen uns und Ihnen. Gerade dieser Etat zeigt, wie sehr jüdisches Leben in unserer Gemeinde blüht. In allen Bezirken jüdischen Lebens hat unsere Gemeinde restlos ihre Pflicht erfüllt, nicht bloß heute, nicht erst seit gestern, sondern zu jeder Zeit. Ein reiches jüdisches Leben auf allen Gebieten ist die Frucht dieser jahrzehntelangen Arbeit. Ich unterstütze die Meinung des Herrn Dr. Cohn, daß wir für die jüdischen Arbeiter eintreten sollen. Aber ich möchte gleichzeitig noch für eine andere Schicht plädieren, für den jüdischen Mittelstand, der immer der Träger religiösen jüdischen Lebens gewesen ist. Die Verarmung des jüdischen Mittelstandes im Laufe der Kriegs- und Nachkriegsjahre ist so weit gegangen, daß diese Schicht als unbedingt ebenso unterstützungsbedürftig wie jede andere angesehen werden muß. Es ist sehr leicht, Sparsamkeit zu predigen, dann muß sie aber auch nach jeder Seite hin geübt werden. So glaube ich aber auch, daß es nicht angeht, Steuergelder für die Arbeit der Chaluzim in Palästina, für die wir volle Sympathie haben, zu verwenden. Man sollte da zunächst an die jüdische Oeffentlichkeit und die private Wohltätigkeit appellieren. Im übrigen wiederhole ich, daß wir überall für jüdische Arbeit eintreten, mag sie nun geleistet werden in Deutschland, in Rußland, in Polen oder in Palästina. Ministerialrat Goslar (jüdisch-national) versuchte folgende Verteidigungsrede für seinen sozialistischen Kollegen: Ich glaube nicht, daß Herr Dr. Cohn den Begriff der Volksgemeinde in einen bewußten Gegensatz zur Religionsgemeinde stellen wollte. Herr Dr. Cohn ist als Sozialist geschult genug, um zu wissen, daß auch sein Sozialismus, wie letzten Endes aller moderner organisierter Sozialismus; in vieler Hinsicht historisch auf dem starken Gerechtigkeitsgefühl des jüdischen f.................................. ■ Streng ig»; Geflügelhandlung 8 ■ unter Aufsicht des Ehrw. Rabbinates „Adas Israel" 5 ■ Zu jeder Tageszeit { ■ frisch gebratene Gansl s S Ungarisches MastgeflUgel von bester Qualität! ■ j Emanuel Schlesinger jj J| Wien II-, Grone Schiffgasse 5 ■ ■ Tel. R 40-5-90 Tel. R 40-5-90 £ ^■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■n Volkes basiert, das am Sinai belehrt wurde. Es hätte doch keinen Marx und keinen L a s s a 1 e, keinen Moses Heß gegeben ohne dieses starke, ererbte soziale Gerechtigkeitsgefühl. Herr Dr. Cohn kennt ja auch das Beispiel des englischen Sozialismus. Dort sind viele Geistliche der Hochkirche Sozialisten und viele Politker der Arbeiterpartei stark religiös gebunden und interessiert, weil sie erkennen, daß wahre Religion und wahrer Sozialismus sich im praktischen Leben gegenseitig bedingen. In noch stärkerem Maße wissen wir Juden es seit jeher, daß es ein religiöses Leben ohne sozialen Inhalt gar nicht gibt. Er hat in seiner heutigen Rede meines Erachtens auch nicht etwa sagen wollen, daß die jüdische Gemeinde sich vom religiösen Kernpunkt entferne und „dafür" in das rein soziale Fahrwasser hineingerate. Noch ein Wort über Palästina. Ich habe es bedauert, daß im Etat eine Summe fehlt, die die grundsätzliche Sympathie der Gemeinde für das Palästinawerk durch Notierung des Keren Hajessod zum Ausdruck bringt. Wir wollen einen Antrag in dieser Richtung heute nicht stellen, um den Etat nicht weiter zu belasten*). Wir halten es aber für richtig, daß der Vorstand der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands durch eine Tat seine Sympathie beweist für jenes große und wunderbare Werk des Palästinaaufbaus, in dem sich sozialer und religiöser Geist zusammenfinden zu einer edlen Harmonie wahrhaft jüdischer Arbeit. Dr. Fleischer (liberal): Nach den Ausführungen des Herrn Vorredners, in denen er im Raketenauto-Tempo alle Fragen des deutschen und der anderen Judentümer ausführlich behandelt hat, bleibt mir eigentlich nicht mehr viel Stoff übrig. Wenn Herr Goslar davon gesprochen hat, daß populäre jüdische Literatur zu billigen Preisen in die Volkskreise hineingetragen werden müsse, so hat er damit eine Arbeit gelobt, die der Zentralverein seit langem in vorbildlicher Weise leistet. Ich würde mich freuen, wenn Herr Goslar an dieser Arbeit teilnehmen würde. Der Herr Vorredner hat ferner von der Renaissance des Judentums gesprochen, die ja bekanntlich in Palästina zu ganz besonderer Blüte gelangt ist. Ich glaube aber, mit Herrn Loeb und seinen Anhängern konform zu gehen, wenn ich mit großer Skepsis einer Renaissance gegenüberstehe, die Ereignisse gezeitigt hat, wie sie in anderen Teilen der Welt innerhalb des Judentums noch nicht vorgekommen sind. Hat es sich doch in Palästina zugetragen, daß an den hohen Feiertagen jüdische Menschen sich zusammenrotteten und sich über jüdische religiöse Gebräuche öffentlich lustig machten. Mit dieser Art von Renaissance scheint es also doch noch nicht so weit her zu sein. Die jüdische Schule darf niemals das Programm verwirklichen, das Sie auf Ihrem letzten Zionistenkongreß gewünscht haben, nämlich unsere heilige deutsche Muttererde uns als eine Fremde hinzustellen. Eine solche Schule, die den Galuth-Standpunkt verficht, werden wir immer aus tiefster Ueberzeugung bekämpfen. Herr Dr. Cohn hat, ganz in unserem Sinne, an die Chaluzim in Palästina einen Gruß gerichtet. Wir haben dieselbe Hochachtung und ziehen den Hut ebenso tief vor diesen Menschen wie Sie; wir glauben aber, daß es bequemer ist, von hier aus einen Gruß zu schicken, als selbst mitzuarbeiten. *) Es ist interessant, daß die reiche Berliner Gemeinde mit ihrer jüdischnationalen Merhheit bisher keine Palästina- Subvention in ihr Budget aufnahm, um dasselbe „nicht weiter zu belasten". D. Red.

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