Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 33 (17.8.1928)
- Date
- 1928-08-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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*»eite 4 litiHifliiiiiwiiiiiiiNiiniiiiiiiiiiiiiw \VAHRHEtt Lebens, ich grüße meine sozialistischen Brüder in Palästina. Es gibt ein Gesetz der Erhaltung der Energie auch in der moralischen Welt, und ich bin überzeugt, daß die Aufopferung und der Idealismus, die .von jüdischen Arbeitern und jüdischen Menschen überhaupt in Palästina betätigt werden, nicht verloren gellen können in der übrigen jüdischen Welt. Kraft dieses Gesetzes müssen ihre Anstrengungen in Palästina bis in diesen Saal hinein ihre Wirkungen haben. Uns erwächst daraus die Pflicht, uns des Opfers würdig zu zeigen, das für uns und alle Juden gebracht wird. Würdig zu zeigen, wie überall im jüdischen Leben, so auch in diesem Saale. M. A. Loeb (konservativ): Wenn Herr Dr. Cohn im Wesen der jüdischen Gemeinde der alten Zeit etwas genauer Bescheid wüßte, als das der Fall zu sein scheint, so würde er hier über den von ihm so oft zitierten. Begriff der Volksgemeinde anders gesprochen haben. Die Kehilla, wohl das älteste Gemeinwesen der Welt, war allerdings eine Volksgemeiinde, aber in anderem Sinne. Sie hat sich in jeglicher Beziehung ihrer Glieder angenommen, aber aus ihren religiösen Grundlagen heraus. Wenn man nun daran gehen will, zwar die sozialen Bestrebungen der Gemeinde beizubehalten, sie aber ihres religiösen Charakters zu entkleiden, so wäre das allerdings ein Beginnen, gegen das wir auf das entschiedenste Front machen müßten. Herr Dr. Cohn irrt aber auch, wenn er uns hier prognostizieren will, daß die Berliner Gemeinde unaufhaltsam einer Entwicklung verfallen sei, in der die religiösen Aufgaben zugunsten der sozialen und politischen in den Hintergrund gedrängt werden. Herr Dr. Cohn hat auch von der Orthodoxie gesprochen, die die jüdische Religion in Erbpacht zu besitzen glaube. Abgesehen von dem falschen Ausdruck „Orthodoxie", der der katholischen Konfession entlehnt ist und auf jüdische Verhältnisse keine Anwendung finden kann — weil die Grundlage unserer Religion nicht der Glaube, sondern die Tat ist — ist von unserer gesetzestreuen Richtung niemals behauptet worden, daß wir irgendwelches religiöses Gut in Erbpacht besitzen. Was wir sagen und mit Recht glauben, sagen zu können, ist, daß wir die dreitausendjährige Kontinjütät des Judentums verwirklichen, indem wir das jüdische Gesetz in seinem ganzen Umfang zu erhalten suchen. Es ist nun merkwürdig, daß gerade Herr Dr. Cohn, der doch mitten im sozialem Leben steht, daraus einen Anspruch herleiten zu können meint, indem er sagt, die Bekenner der Orthodoxie müßten nun ganz besonders auch in ihrem Privatleben der sozialen Pflichten eingedenk sein. Muß ich Herrn Dr. Cohn erst darüber belehren, daß Taten und Handeln eines Menschen in unserer Gegenwart nicht allein abhängen von den Lehren, die wir empfangen haben, seien sie ethischer, seien sie moralischer oder religiöser Natur, sondern daß sie mit abhängen von dem wirtschaftlichen Milieu, mit dem wir nun einmal mit Tausenden von Fäden verstrickt sind. Und da ist zu sagen, daß leider Gottes gerade die Kreise, die zu der Orthodoxie zählen, vielfach die wirtschaftlich schwächeren sind. Die Folgen ergeben sich von selbst. Die Zahl der Kinder, die sich nominell am Religionsunterricht beteiligten, beläuft sich nur auf auf etwa 3000. Hiervon ist in der Praxis mindestens ein Drittel abzuziehen. Hält man die mangelhafte Ausnützung der Unterrichtsstunden hinzu, so bleibt nichts anderes übrig, als zu unserer alten Forderung zu gelangen: Jüdische Schulen in einem ganz anderen Ausmaß zu errichten als bisher. Die Herren Liberalen befinden sich da in einem merkwürdigen Widerspruch. Sie haben immer gegen jüdische Schulen Stellung genommen, aber wenn es sich um das Schicksal der bestehenden jüdischen Schulen der Gemeinde handelt, erwägen sie Maßnahmen, um den Rückgang der Schülerzahl aufzuhalten. Selbstverständlich sind wir mit solchen Maßnahmen einverstanden. Wir glauben aber, daß es mit solchem Flickwerk nicht getan ist, sondern daß eine vollkommene Aenderung des Systems eintreten muß. Wir haben nach einer früheren Statistik ungefähr 6000 jüdische Kinder, die Berliner Volksschulen besuchen. Wieviel jüdische Schulen könnten wir da errichten! Noch ein Wort zu Palästina: Wir stimmen vollkommen darin mit Herrn Dr. Cohn überein, daß die Anteilnahme für Palästina nicht ausgeschaltet werden kann aus dem Interessenkreise aller Juden. Aber bei aller Anerkennung der aufopferungsvollen Arbeit der Chaluzim„können wir doch nicht restlos einer Ansicht beistimmen, die diese Tätigkeit losgelöst von der religiösen Seite betrachtet, Palästina ist uns teuer als die Wege unserer religiösen Gestaltung und als die Hoffnung unserer Zukunft. Aber Palästina nur als soziales Experiment anzusehen — darauf können wir uns nicht einlassen. Und wenn man die Chaluzim erwähnt, dann sollte man auch ihrer Vorgänger gedenken, der sogenannten Chaluka. die in der Frühzeit des Zionismus wertvolle Vorarbeiten geleistet hat. Wenn nicht Jahrzehnte hindurch durch die Chaluka Juden in Palästina angesiedelt worden wären, dann wäre es nie zu der Balfour- Deklaration gekommen. Wir sind — so fasse ich diesen Abschnitt zusammen — zu einer Mitarbeit am Palästinawerk innerhalb der Berliner Gemeinde gern bereit, sofern der religiöse Standpunkt dabei gewahrt wird. Herr Prof. Türk (liberal): Herr Dr. Cohn hat vor einiger Zeit in der Landesversammlung öffentlich erklärt, daß er erst vor wenigen Jahren begonnen habe, sich mit jüdischen Angelegenheiten zu beschäftigen, man kann das populärer ausdrücken, er hat erst vor wenigen Jahren sein jüdisches Herz entdeckt. Seine heutigen Ausführungen waren ein vollgültiger Beweis für diese Tatsache. Denn er hat von vielen Dingen gesprochen, die uns anderen längst in Fleisch und Blut übergegangen sind. Wenn beispielsweise Herr. Dr. Cohn zu Beginn seiner Rede einen gewissen Gegensatz konstruiert hat zwischen religiöser Uebung und sozialer Arbeit, so hat er vollkommen übersehen, daß alle soziale Arbeit und Tätigkeit ein religiöses Gebot sind. Wenn er — ich weiß nicht, ob er es tut — an den hohen Feiertagen die Synagoge besucht, so würde er dort hören, daß die Wohlfahrtsarbeit eine der drei Grundsäulen der jüdischen Religion ist. Er hat ferner einige geschichtsphilosophische Bemerkungen gemacht über das Entstehen des Liberalismus im 19. Jahrhundert und hat das Schlagwort wiederholt, das seit einiger Zeit in unserer Presse Mode geworden ist, daß nämlich der Liberalismus lediglich auf den Emanzipationsbestrebungen des 19. Jahrhunderts beruhe. Nichts ist falscher als das. Wenn der Liberalismus des 19. Jahrhunderts nicht die Führung auf religiösem Gebiete übernommen hätte, so wäre das Judentum in Deutschland überhaupt zugrunde gegangen. Die Reformen, die im 19. Jahrhundert in unseren Religionsübungen eingetreten sind, haben das Verdienst, daß das Judentum in Deutschland erhalten geblieben ist. Herr Dr. Cohn ist auch auf das Schulwesen eingegangen und hat Fragen gestellt, die ein Repräsentant nicht stellen sollte; er hätte sich erst informieren sollen, bevor er in der Oeffentlichkeit das Wort nahm. Der Ermahnungen des Herrn Dr. Cohn bedurfte es nicht. Hier an meiner Seite sitzt ein Mann, der seit dreißig Jahren eine jüdische Schule leitet; er wird Ihnen sagen, daß an unseren Schulen stets die Geschichte des Judentums vor der Diaspora und nach der Diaspora gelehrt worden ist. Die Geschichte des Judentums in Deutschland und in anderen Ländern der Gegenwart ist ja gerade ein Gebiet, das die Kinder besonders fesselt. Unsere Lehrer sind nicht weltfremd, sie sind von modernem Geist ebenso erfüllt wie Herr Dr. Cohn. Herr Dr. Cohn müßte wissen, daß wir schon größere Geldsummen bewilligt haben, um den Schülern eine Anschauung vom jüdischen Leben in Palästina zu vermitteln. Ich erinnere nur an das Palästina-Stipendium. Sie sind nämlich in einem großen Irrtum befangen, wenn Sie meinen, daß wir Liberalen dem Leben in Palästina und den Juden in Palästina ohne Sympathie gegenüberstehen. Wenn wir es ablehnen, uns aktiv zu beteiligen, so sind die Gründe dafür so oft erwähnt worden, daß ich heute davon absehen kann. Aus den Ausführungen von Herrn M. A. Loeb geht hervor, daß die jüdische Schule, die er will, sich in wesentlichen Punkten von der von Herrn Dr. Cohn gewünschten Schule unterscheidet. Ich schlage Ihnen vor, Sie einigen sich zunächst einmal selber über die Art der zu gründenden Schule. Der Widerspruch, den Herr Loeb uns Liberalen in der Schulfrage hat nachweisen wollen, beisteht nicht. Grundsätzlich bleiben wir dabei, daß wir keine konfessionellen Schulen wollen. Aber da wir eine Schule haben, die auf eine hundertjährige Geschichte zurückblickt', und da wir die Gefahr sehen, daß diese Schule aus Mangel an Schülern eingehen könnte, so haben wir so viel Pietät für diese Schule, daß wir für ihre Erhaltung durch zeitgemäße Umbildung eintreten. In dieser Beziehung unterscheiden wir uns von den Liberalen der Sechziger- und Siebzigerjahre; denn damals ist tatsächlich die Möglichkeit erwogen worden, diese beiden Schulen aufzulösen. Herr Dr. Cohn tritt für die jüdische Volksschule ein. Das wundert mich von einem Manne, der so lange sozialistischer Abgeordneter gewesen ist. In jedem Schulkampf sind die Sozialisten diejenigen gewesen, die gegen die konfessionelle Schule aufgetreten sind. Nun hat gerade Herr Dr. Cohn in diesem Saale das Wort geprägt, man können hier nicht etwas anderes sein, als draußen. In diesem Punkte verstehe ich also die Haltung des Herrn Dr. Cohn und seiner Freunde ganz und gar nicht. Um diesen Widerspruch werden Sie nicht herumkommen.