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Die Wahrheit · 1928-08-17 · Heft 33 (17.8.1928) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 33 (17.8.1928)
Date
1928-08-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT iiiliiiiiiiiliiiiiiiiliiiiiiiiiiiiitiiiiiiiiiHiM 3ejte 3 den Verfall. Zur Warnung für Wien seien seine Ausführungen und die der folgenden Redner hier auszugsweise wiedergegeben. Möge das, was er gesagt, bei uns das richtige Verständnis für die Gefahr finden, die der Jüdische Nationalismus und Sozialismus für ein religiöses Gemeinwesen bilden müssen. Dr. Oskar Cohn: Ein Blick auf diesen Etat, wie schon auf den vorangegangenen, zeigt jedem Unbefangenen, wie sehr durch die praktische Arbeit der Gemeinde der Gedanke widerlegt wird, als ob es sich bei der Jüdischen Gemeinde nur um eine Religionsgesellschaft handelte. Von Jahr zu Jahr verschiebt sich der Anteil der Ausgaben, die die Gemeinde leistet, von den religiösen Instituten weg zugunsten der sozialen, der nichtreligiösen, die von Jahr zu Jahr meihr den eigentlichen Charakter der jüdischen Arbeit in der Gemeinde ausmachen. Sind sie früher, vor Jahrzehnten, mit der Sorge um die Reiligionsinsti'tutionen, um Kaschruth und Gottesdienst und Schriftauslegung, meinethalben auch noch um Krankenhaus- und Beerdigungswesen ausgekommen, so prägt sich heute der Charakter der jüdischen Gemeinde Berlin als einer Volksgemeinde immer roeihr aus, und sie, wie übrhaupt jede jüdische Gemeinde, sind gezwungen, in ihrer Arbeit immer mehr den Charakter des jüdischen Lebens als dem eines Volkslebens Rechnung zu tragein. Es ist das keine neue Entdeckung — dieser Charakter. Er wohnt der Vereinigung jüdischer Menschen, von Anfang an naturgegeben oder geschichtlich geworden inne. Er ist, wenn ich einen Ausdruck des katholischen Kirchenrechtes gebrauchen darf, ein Charakter indelebilis, ein unzerstörbares Merkmal, das allem jüdischen Leben anhaftet. Und damit stimmt ja durchaus überein, um ein Beispiel zu nennen, die geschichtliche Grundlage, auf der die Uberale jüdische Ideologie steht. Die Aufklärung und die Emanzipation, auf deren Boden der jüdische Liberalismus sich entwickelt hat, ist nicht von der religiösen Seite her zu verstehen. Von der sozialen und politischen Seite her hat sich die Befreiung, die Emanzipation des Juden durchgesetzt. Es handelte sich nicht um den Bekenner des mosaischen Glaubens, der emanzipiert werden wollte, es handelte sich um den in seiner sozialen und rechtlichen Stellung geminderten Juden, um den sozial und politisch verachteten Fremdkörper im Volke. Es ist bedauerlich, daß der religiöse Liberalismus zu einer ideologischen Verkümmerung der Grundlagen geführt hat, auf denen die liberale Gemeindetätigkeit sich eigentlich entwickelte. Und es ist daneben auch eine Undankbarkeit gegen die Vorkämpfer der bürgerlichen Emanzipation der Juden, gegen die Moser und Friedländer, um nur diese beiden Namen zu nennen. Nun liegt es mir selbstverständlich fern, die religiösen Aufgaben, die jede jüdische Gemeinde hat, zu übersehen oder geringzuschätzen. Ich weiß mich frei von jeder Feindschaft, von jeder Gegnerschaft gegen religiöse Bedürfnisse und ihre Erfüllung. Es wird ja auch in diesem Saale bekannt sein, daß in den letzten zehn bis zwanzig Jahren Das Totenlied. In einer fernen Stadt war einmal ein großer Herr. Dieser große Herr war von Natur nicht böse, aber wenn einmal der böse Geist in ihn fuhr, kotinte er die schlimmsten Dinge von der Welt anstellen. Einmal kam ihm der Gedanke in den Kopf, alle Juden, die in seiner Stadt wohnten, umzubringen. Er läßt sie also in den Kerker werfen und spricht zu ihnen: „Hier werdet ihr ein paar T_age brummen, bis ich Galgen in genügender Anzahl für euch aufgerichtet habe/' Ihr Chazan war mit ihnen. „Wir müsse alle sterben; aber nach unserem Ende wird niemand sein, der über unsere Seelen ,E1 mole rachamim' singen wird. Erbarme Dich ^ber unsere und Deine eigene Seele und laß den Gesang uns jetzt anstimmen. Bei Gott wird das gerade so lieb sein, wie wenn Du es nach unserem Tode sängst!" So sagten sie zu dem Chazan. Der Chazan stimmte das Lied an und sang laut und aus tiefstem Herzen, wie er es so oft an der Bahre der Toten getan. Da fügte es Gott, daß der grausame Herr gerade in diesem Augenblick vor dem Fenster des Gefängnisses vorbeiging und den Gesang vernahm. Der Gesang aber ist, wie bekannt, so ergreifend, daß er einen Stein rühren könnte. Der Herr blieb stehen und lauschte; und das Singen drang ihm so sehr zu Herzen, daß der böse Geist ihn verließ. Er befahl auf der Stelle, die Gefangenen zu befreien, und den Chazan beschenkte etr noch dazu reichlich. (Fortsetzung folgt.) eine starke Bewegung des religiösen Sozialismus entstanden ist, die ihre Berechtigung nicht nur in den christlichen Kirchen, sondern nach der Ideologie und nach der Geschichte der jüdischen Volksgemeinde auch in der jüdischen Gemeinde hat. Es versteht sich für mich auch von selbst, daß ich hinsichtlich der Ausübung religiöser Bedürfnisse für völlige Gleichberechtigung aller religiösen Richtungen im Judentum bin. Man könnte nur verlangen, daß sich bei allen religiösen Richtungen und namentlich auch bei denen, die das wahre Judentum für sich in Erbpacht genommen zu haben glauben, bei den Orthodoxen, diejenige Identität von Lehre und Wandel durchsetze, die die Pflicht jedes religiösen Menschen ist. Bei meiner Stellung zu den religiösen Dingen in der Gemeinde leitet mich ein Satz, der nicht für die jüdische Religion geprägt, sondern in den Religionskämpfen des 16. Jahrhunderts unter den christlichen Konfessionen von einem Beteiligten aufgestellt worden ist: „In necessariis unitas, in dubiis überlas, in omnibus Caritas": „Einheit in notwendigen Dingen. Freiheit in allem, was dem Zweifel Raum läßt, und in allem ein Gefühl der solidarischen Verbundenheit." Diese solidarische Verbundenheit mit allen Gliedern des jüdischen Volkes darf sich nicht allein auf die religiösen Aufgaben der jüdischen Gemeinde erstrecken. Sie muß sich erstrecken auch auf die Aufgaben der Volksgemeinde in sozialer und politischer Beziehung. Ohne auf die vielen Gebiete eingehen zu können, die vom Etat umfaßt werden, möchte ich nur noch ein, Wort über das Schulwesen der Gemeinde sagen. Wir haben Religionsschulen, wir haben daneben jüdische Schulen. Was geschieht eigentlich, um diese Schulen jüdisch zu erhalten oder, wenn sie es nicht sind, jüdisch zu machen? Wird in den Schulen der Gemeinde — ich frage hier, wie der Einfältige in der Hagada — etwas von der jüdischen Geschichte seit der Zerstörung des Tempels vorgetragen, werden die Kinder erzogen in einem Gefühl und in Kenntnissen der jüdischen Verhältnisse in den wichtigsten Ländern jüdischer Massensiedlung, werden die jüdischen Kinder deutschejr Staatsangehörigkeit eingeführt in eine Symbiose mit denjenigen Teilen des jüdischen Volkes, die nach dem Kriege von Osten nach Westen gekommen sind? Ich würde mir unter den Aufgaben der jüdischen Schule vorstellen die Ausbildung und Lebendigmachung des Begriffes der Einheit des jüdischen Volkes in geschichtlicher und ideologischer und religiöser Beziehung. Ich hoffe, diese Vorstellung ist verwirklicht oder wird verwirklicht in den jüdischen Schulen unserer Gemeinde und ich sehe in der Tat auch kein Hindernis dagegen. Ich glaube auch, daß die Herstellung eines Gefühles der Verbundenheit zwischen den Juden aller Länder durch Vermittlung der Schule der beste Schutz ist gegen die Angriffet, die von nichtjüdischer Seite gegen die deutschen Juden aller Richtungen geführt werden. Alle Teile des jüdischen Volkes müssen erkennen — und dazu hat die jüdische Schule beizutragen — daß man sich gegen die Angriffe nur schützt, wenn man sich auf sich selbst besinnt. Und hier ist auch der Punkt, wo die jüdische Schule weiter, um die Ideologie und das Gefühlsleben des jüdischen Volkes vollständig zum Eigentum aller seiner Glieder zu machen, auch von Palästina reden muß. Es darf nicht länger sein, daß für beträchtliche Teile unserer Volksgenossen in Deutschland 'der Palästiinagedanke und die Palästinatat das Gespenst im Hause ist, von dem man nicht spricht. Es muß aufhören, daß gewisse Teile der deutschen Judenheit ihre Zugehörigkeit zum jüdischen Gesamtvolk als eine Blöße betrachten, über die sie den Schamfetzetn der deutschen Staatsbürgerschaft ziehen zu müssen glauben. Es müßte den Kindern in unseren Schulen beigebracht werden, welche Bedeutung der Gedanke des Keren Hajessod für die jüdische Gesamtheit hat. Ich erwarte natürlich nicht, daß die Lehrer unserer Schulen und der Gemeindevorstand den Unterricht in sozialistischem Sinne führen, aber immerhin — ein gewisses Verständnis für die Bedeutung sozialistischer Aufbauarbeit in Palästina sollte den Schülern auch nahegebracht werden. Ich werde es versuchen, diesen Gedanken Geltung und Verständnis auch in diesem Saale zu verschaffen, indem ich — zwar nicht heute, aber bei nächster Gelegenheit — den Antrag stellen werde, daß die Jüdische Gemeinde Berlin dem Palästina-Arbeiter-Fonds einen Beitrag zahle. Ich bin mir bewußt, daß die Repräsentanten und der Gemeindevorstand mit der Zustimmung zu einem solchen Antrage nur der Tatsache Rechnung tragen würden, daß Palästina eine Wirklichkeit und eine Hoffnung des gesamten jüdischen Volkes ist. Ich begrüße von hier aus die Pioniere des neuen jüdischen

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