Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 32 (10.8.1928)
- Date
- 1928-08-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT miiii»««!«^ Seite 9 H/OlM^M* Si^ SChff 1&W*t SPCiien 3 Versuchen Sie die seit 60 Jahren bestehende Telephon II 42-3-70 und bestrenommierte iud Küche im Telephon II 42-3-10 HOTEL-RESTAURANT „GUTH" »q"»«™**« ,« Arrangiert jedes festliche Ereignis, in jeder Preislage in und außer Hause unter Beistellung von geschultem Personale und vollständigem Service Prachtvolle geräumige Säle lur Hochzeiten» Vereine and Gesellschaften Verwendung von nur Prima Qansfette — Mittags- und AbendmenO zu S 2»20 und S 3*20 PalSstinaweine vom Faß Zum Besuche ladet höflich ein Schwechater Bier Josel Guth, Hotelier und Bestanrateur Die jüdische. Herkunft des Ministers Giers ist keineswegs erwiesen, trotzdem der Antisemit Busch „jüdische Rassenmerkmaile" an ihm beobachtet haben will. Allerdings haben die Feinde des Ministers in Rußland! gegen diesen vielfach seine angebliche jüdische Herkunft nebst seiner Deutschfreundlichkeit ins Feld geführt. Jedenfalls hat sich Giers ein außerordentliches Verdienst dadurch erworben, daß es nicht schon zu Beginn der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zum Kriege zwischen Deutschland! und Rußland gekommen ist. Man ersieht aus der angeführten Stelle, wie Bismarck mit allen Kräften dahin gearbeitet hat. einen Krieg mit Rußland zu vermeiden. Es ist längst bekannt, daß Bismarck ein besonderer Verehrer Heines gewesen ist, und aus dem' Munde des einstigen Chefs der Reichskanzlei, v. R o 11 e n b u r g, wissen wir, daß der Fürst zu der Zeit, als der Streit um das Heine-Denkmal in Düsseldorf tobte, die Errichtung eines solchen Denkmals in Deutschland als durchaus gerechtfertigt erachtete. Auch Dr. Cohen gegenüber betonte er seine Verehrung und Liebe für Heinrich Heine. Wir lesen in den Aufzeichnungen des Arztes über seine Unterhaltung mit dem Fürsten vom 3. Mai 1882 (S. 447): „Gespräche über Heine, den er sehr liebt. — Ein Zitat aus Atta Troll erregt große Heiterkeit. Es passe ganz gut auf unsere Zeit, auf unsere Leute." Einen wertvollen Bestandteil des vorliegenden 2. Bandes der Gespräche Bismarcks bildet außer den Aufzeichnungen Dr. Cohens das bisher ungedruckte Tagebuch der Gattin des einstigen württembergischen Gesandten in Berlin Frh. v. Spitzemb e r g, die in besonders nahen Beziehungenzu der Familie Bismarck stand. In diesem Tagebuch befindet sich eine Stelle (27. Dezember 1884, S. 515), die ebenfalls von der großen Verehrung Bismarcks für Heine Zeugnis ablegt. Sie lautet: „Nach Tische saß ich mit dem Kanzler an seiner „Ecke", und er blätterte rauchend in Chamissos Gedichten, die er sich nebst Unland, Heine, Rückert, immer wieder schenken läßt, um sie in jeder seiner Residenzen zu haben. „Wenn ich dann so recht verärgert und abgemattet bin, lese ich am liebsten diese deutschen Lyriker, das erquickt mich." Eine vorübergehende Trübung trat in dem herzlichen Verhältnis zwischen dem Kanzler und Dr. Cohen im November 1883 ein. Der letztere berichtet darübe? in seinem Aufzeichnungen (5. November 1883, S, 484): Obgleich ich meinen Besuch auf heute angekündigt, finde ich Schweninger im Hause. Bismarck erzählte mir bei meinem Eintritt, seine Frau habe gestern an Schweninger geschrieben und diesen kommen lassen, er habe gar nicht gewußt, daß ich kommen werde. Hierauf die Fürstin: „Das hast du wohl überhört oder vergessen, es war ja bestimmt die Rede davon." Hieraus ging mir hervor, daß Bismarck selbst eigentlich an Schweninger habe schreiben lassen und es nun auf seine Frau schiebt. Der Grund war einfach, um sich Morphium injizieren zu lassen, was ich verweigerte und was Schweninger sofort exekutierte. Aus meiner Verstimmung über diese Rücksichtslosigkeit machte ich kein Hehl und schwieg in sehr verständlicher Weise. Ich ging fort mit den Worten: „Ich kann Ihnen also nur meine guten Wünsche zurücklassen", worauf Bismarck nichts erwiderte, aber ein finsteres Gesicht machte. Es war wohl mein letzter Besuch. Die beiderseitige Verstimmung wurde bald wieder behoben. Am 14. Dezember 1883 schreibt Dr. Cohen in sein Tagebuch (S. 496): Am 12. Dezember erhielt ich ein Telegramm, von Bismarck selbst unterzeichnet, worin er mich einladet, am 13. oder 14. bei ihm zu speisen. Die Fürstin empfing mich mit ganz außergewöhnlicher Liebenswürdigkeit und überraschte micfi mit einem Bild ihres Mannes, von Lenbach skizziert, mit der eigenhändigen Unterschrift des Fürsten. Ich hatte früher einmal geäußert, daß ich die Photographien des Fürsten nicht möchte und daß nur die Zeichnungen von Lenbach mich befriedigten. Während ich mich bedankte, trat Bismarck ein und freute sich, daß das Bild mir Freude machte. Beide waren von einer so ausgesuchten Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit, daß ich nur den Eindruck haben konnte, daß sie den Mangel an Rücksichten wieder gutmachen wollten, was ihnen vollauf gelang." Die Charakterfestigkeit des jüdischen Arztes hatte jedenfalls dem Fürsten Bismarck ganz bedeutend' imponiert. Dr. Cohen blieb der Hausarzt der Familie Bismarck in Friedrichsruh bis zu seinem im Spätherbst des Jahres 1884 erfolgten Tode und sein Tagebuch enthält gerade aus dem letzten Jahre seines Lebens noch viele wertvolle Aufzeichnungen über seine Gespräche mit Bismarck. Qlcrrctx. Der Reichskanzler Müller sagt in seiner Zuschrift an den in Brüssel tagenden Sozialistenkongreß u. a.: Zwölf Millionen Tote halten das Andenken an den blutigen Weltkrieg wach. Zwölf Millionen junge Menschen mußten auf dem Schlachtfelde den Einzug in den ewigen Frieden halten. Wann wird die Menschheit reif für die Ideen des Propheten Jesaias sein, der für die Lebenden den ewigen Frieden auf Erden fordert? Deutsche Antisemitenblätter. veranstalteten am 30. Juli anläßlich des 30. Todestages Bismarcks wahre Begeisterungsorgien zu Ehren des großen