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Die Wahrheit · 1928-08-10 · Heft 32 (10.8.1928) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 32 (10.8.1928)
Date
1928-08-10
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite $ imiuMiimmffluuiiaiflanBnfl^^ dessen Aufzeichnungen liest man über denselben Gegenstand Folgendes: In dem im Laufe des Jahres erschienenen neuesten Roman von Beaconsfield „Endyraion" soll dieser Dichterdiplomat Bismarck in der Person des Count of Ferrol. des Gesandten einer kontinentalen Macht am Hofe von St. James, geschildert haben. Es wurde damals in der Presse hierauf vielfach hingewiesen und tatsächlich stimmen manche Züge des fingierten Count of Ferrol mit Bismarck überein. Ich erwähnte dieses, der Kanzler hielt darauf einen langen Monolog, aus welchem man die große Achtung sehen korinte, die er für Beaconsfield nach der persönlichen Begegnung mit demselben auf dem Berliner Kongresse gewonnen hatte. „Ich habe wiederholt ihn abends bei uns gehabt; da er leidend war, kam er nur unter der Bedingung, allein zu sein, und ich hatte hier Gelegenheit, ihn genauer kennenzulernen. Ich muß sagen, daß er trotz seiner . phantastischen Romanschreiberei ein tüchtiger Staatsmann ist, weit über Gortschakow und vielen anderen stehend, mit dem sich sehr gut verhandeln ließ; in einer Viertelstunde wußte man, wie man mit ihm daran war: die Grenze war genau gezogen, wie weit er gehen wollte, und nach einer schnellen Redaktion dieser Gedanken war man mit ihm zu Ende. Beaconsfield spricht ein prächtiges, melodisches Englisch und besitzt ein schönes Organ .... Wir haben die beiden Zeugnisse über eine und dieselbe Unterredung mit Bismarck deswegen nebeneinander gestellt, um darziutun, daß Dr. Cohen in der Wiedergabe des Urteils des Fürsten über Disraeli sich keineswegs einer Uebertreibung zu Gunsten seines jüdischen Glaubensgenossen schuldig gemacht hat. Man sieht, einer wie knappen Darstellungsform sich der Arzt bedient hat, und man kann es angesichts dessen, was uns Booth über dasselbe Gesprächsthema erzählt hat, eigentlich nur bedauern, daß Dr. Cohen in seiner Niederschrift derjenigen Gespräche mit Bismarck, die er allein mit diesem über andere nicht minder wichtige Dinge geführt hat, sich allzu kurz gehalten hat. Seine Aufzeichnungen wären dann als Geschichtsquelle für vier Jahre des Bismarckschen Wirkens noch viel wertvoller geworden als sie es ohnehin schon sind. Aus den vom 29. September 1880 datierten Aufzeichnungen Dr. Cohens sei die folgende wichtige Stelle hervorgehoben (S. 380): „Ich brachte einen Leitartikel des „Hamburger Korrespondenten" über die Stellung der Jugend zum Liberalismus. Bismarck liest das Blatt nicht, fand aber den Artikel vortrefflich, erkundigte sich nach dem Verfasser und beauftragte Graf Rantzau, das Blatt zu bestellen. Sehr richtig sei die Bemerkung über unsere Jugendzeit. Er selbst hatte einen streng absolutistischen Vater, wuchs aber mit entschieden liberalen Ideen auf. Wäre er zufällig nach Jena gekommen, so wäre er in die Burschenschaft getreten und wahrscheinlich hätte er dann mit Fritz Reuter auf der Festung sitzen müssen. — Die preußische Bürokratie sei ihm stets ein Greuel gewesen." Am 2. November 1880 notiert Dr. Cohen u. a. (S. 385): „Gespräch über den neuen Band Reden des Abgeordneten Bismarck. Er selbst habe die alten Reden wieder mit Vergnügen gelesen, fände, er hätte mehr Schneid gehabt, bei ausgesuchter Höflichkeit in der Form. Damals — 1848 — sei er ein Ultraroyalist gewesen, ein förmlicher Karlist, aber erfüllt von liberalen Reformideen, die er indes nur aus der Hand des Königs haben wollte. Als ich bemerkte, daß er wohl auch nicht alles wiederholen möchte, was er damals gesagt, meinte er: Beileibe nicht, — tempora mutantur — es wächst der Mensch mit seinen Zielen." Diese Bemerkung verrät uns mit aller Deutlichkeit ein Abrücken Bismarcks von dem Standpunkt, den er in seiner, im Vereinigten Landtag im Jahre 1847 gehaltenen, gegen die Judenemanzipation gerichteten Rede eingenommen hatte. Diese Rede hat ja Bismarck schon 1870 in Versailles preisgegeben, indem er, "wie Moritz Busch erzählt, dort sagte: Leopoldstädter Tempelverein „AESCHEL AWROHOM" Bei den Trauungen in unserem Gotteshause werden von den amtierenden Mitgliedern des Vorstandes Spenden gesammelt. Gemäß dem seinerzeit getroffenen Beschlasse werden diese Spenden zu wohltätigen Zwecken verwendet, einerseits zur Stärkung des Armenfonds behufs Unterstützung windiger, armer Familien und Glaubensgenossen, anderseits zur Vermehrung des Brautausstattungstonds, aus dem arme und ehibare Brautpaare unterstützt werden. Im Sinne des Vorstandsbeschlusses werden diese letzleren Stipendien am 1. Selichottage als Erinnerung an die Einweihung unserer Synagoge flüssig gemacht. Es werden daher auch im heurigen Jahre aime würdige und ehibare Bi autpaare am 1. Selichottage (Sonntag, den V .September) mit dem Stipendienbetrage beteilt, wobei denselben eine sehr würdige Gratistrauung geboten wird. Diesbezügliche Gesuche sind bis 16. August d. J. an den Tempelvorstand II., Pazmanitengasse 6, zu richten. Für den Vorstand: Aw 5638 Oskar Sdirameh August i92ö Obmann. Wien, im .:: H :-,v... >?y^-ri#^^^ „Ich habe im Vereinigten Landtag doch manche dumme Rede gehört und (nach einer Pause lächelnd) auch g e h a 11 e n". Trotzdem werden die Antisemiten natürlich damit fortfahren, auf Grund dieser „Jugendsünldle" Bismarcks diesen als ihren Gesinnungsgenossen auszugeben. Aus den vom 6. Jänner 1881 datierten Aufzeichnungen Dr,. Cohens sei die folgende Stelle hervorgehoben (S. 394): „Solange Bismarck am Ruder sei, hatten ihn alle Parteien mit Kot beworfen. Die einen nennen ihn eine Antisemiten, die andern werfen ihm vor, daß er ein Freund Bleichröders sei. Die einen schelten ihn Reaktionär, die anderen einen Liberalen. Es komme daher, weil er keiner Partei angehöre, sondern nur seinem Könige und dem Vaterlande bestens dienen wolle." Am 11. April 1882 notiert Dr. Cohen u. a. (S. 445): „Ich gratulierte dem Fürsten zu seinem Siege an der Newa: Giers ist gegen Ignatiew (den berüchtigten Panslawistenführer) zum Minister des Auswärtigen ernannt, worüber er sich sehr freute. Er habe schon bei der Danziger Entrevue in Giers gedrungen, den Posten zu übernehmen und Ignatiew aus dem Felde zu schlagen. Er hatte1 damals keinen Mut dazu, fürchtete, keine Position zu bekommen, da er bürgerlich und von jüdischer Abkunft sei. Er hieß früher Hirsch. Bismarck beruhigte ihn vollständig, versicherte ihn seiner tätigen Beihilfe". Am 14. November 1883 stattete Giers dem Fürsten Bismarck einen Besuch in Friedrichsruh ab. Als Parallelstelle zu den obigen Bemerkungen Dr. Cohens sei nach den Tagebuchblättern M. Büschs .(III. Band, 1899, S. 162) Folgendes darüber wiedergegeben: „Jetzt muß ich aber fort, sagte Bismarck, um Giers zu empfangen, der von Berlin kommt, um mit mir Wichtiges zu besprechen. Wir werden ihm Sie und Schweninger als Doktoren der Medizin vorstellen; denn wenn er erfährt, daß Sie einer anderen Gattung angehören, kriegt er Angst, es wird aufgepaßt, und es. kommt in die Zeitungen. Sie haben ihn übrigens in ihrem diplomatischen Kapitel unter die Juden gerechnet, und das muß weg. (Ich hatte auf seinen Namen Giers als auf das russifizierte Hirsch hingewiesen.) Er mag Jude sein, obwohl er behauptet, er sei der Sohn eines finnländischen Offiziers, aber das dürfen wir nicht schreiben; denn er ist wohlgesinnt, will den Frieden und tut dafür, was er kann. Wir brauchen ihn, wie das liebe tägliche Brot!" Nachmittags zwischen 2 und 3 Uhr traf der russische Minister ein. Der Kanzler empfing ihn am Bahnhof, fuhr mit ihm nach Hause und konferierte hier mit ihm bis gegen 6 Uhr, wo jener mit uns speiste und dann bis ungefähr 9 Uhr beim Kaffee zusammenblieb. Giers ist von Mittelgröße und dem Ansehen nach ein hoher Fünfziger. Er geht etwas gebückt und hat einen leicht jüdischen Gesichtstypus, auch in Gebärden und Bewegungen, besonders der Hände, einiges, was an unsere Semiten erinnert und sprach hier nur französisch."

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