Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 32 (10.8.1928)
- Date
- 1928-08-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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§eite i ^immmmmmmmm r-masnmaKH«^^ pjg \VArtRH£H etwa bei Kranken zum Vorschein kommen, wuchern auch in der Frage nach dem Wesen des Menschen die alten Instinkte der Urzeit. Der Kampf muß in diesem Punkte mit besonderer Energie aufgenommen werden. Die Sittlichkeit ist kein Geschenk der Natur, das dem Menschen mühelos in den Schoß fällt. Die ganze Zukunft, die vernünftige Gestaltung der Beziehungen unter den Menschen hängt davon ab, ob es gelingt, die Idee von der Einheit und Würde der Menschheit zu verwirklichen und den Anmarsch der sittlichen Gesinnung zu fördern. * * * Heute machen sich imi Öffentlichen Leben Bestrebungen breit, die diese großen Gedanken in Mißkredit bringen und in dem primitiven Rassedünkel einer vergangenen Epoche ein Ideal sehen wollen. Die Rassenfanatiker gewinnen zwar nur Einfluß in den Niederungen von Parteiblättchen und zu Büchern aufgeschwemmten Pamphleten — aber sie bedeuten dennoch eine Bedrohung der höchsten Interessen der Menschheit; denn es hamdelt sich doch um einen Versuch, Instinkte des Wilden gegen die Forderungen der Sittlichkeit mobil zu machen. Wenn auch diese Bestrebungen keinen dauernden Erfolg haben können, so stiften sie doch Schaden genug: mit ihrer Hilfe sucht man parteipolitische Geschäfte zu machen, man wirft diese PseudoMeen als demagogische Mittel in den politischen Wahlkampf; die Verwirrung geht bis zu jenem traurig-berühmten Arzt, der sich weigert, einen verunglückten Juden zu verbinden. Die Rassentheorie sucht zu beweisen, daß es an sich zu achtendte und zu verachtende Menschen- 3ewill&t&g% Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt. Von Binjamin Segel. (Fortsetzung.) Die sectasunddreiBis Gerechten. Seitdem die Menschen auf der Welt verdorben worden sind und angefangen haben, sich der Sünde zu ergeben, hat Gott gefügt, daß in jedem Zeitalter sechsunddreißig Gerechte leben, die im Verborgenen bleiben. Sie gehören zu den ärmsten und geringsten Leuten im Volk, und keiner unter den Menschen ahnt, daß sie die Stützen der Welt sind, die sie durch die Reinheit ihres Lebens und durch ihre Fürbitte vor Gottes Zorn bewahren, der längst niedergezuckt wäre, ob der vielen schrecklichen Sünden, die da unablässig geschehen. Der eine von den sechsunddreißig Gerechten ist ein Lastträger, der andere ein Wasserführer, der dritte ein Flickschuster, der vierte ein Abheber oder dergleichen. Bei Tag geht jeder von ihnen seiner ärmlichen Beschäftigung nach und kümmert sich anscheinend um nichts in der Welt Nachts aber, wenn die ganze Welt schläft, vertiefen sie sich in die heilige Lehre, deren Geheimnisse alle ihnen offenbar werden, sie beweinen und beklagen die Sünden der Menschen, und beten zu Gott, daß er den Frevlern vergebe. Wenn alle sechsunddreißig Gerechten zusammenkommen könnten, um ihre Gebete und ihre heilige Kraft zu vereinen, so würden sie die Erlösung herbeiführen und Messias würde kommen müssen. Aber da die Zeit des Messias noch nicht da ist, so fügt es der Himmel, daß sie, trotz der Sehnsucht nach einander, fern voneinander bleiben lassen gibt. Der Standpunkt des Wilden soll der wahrhaft sittliche sein. Es ist oft gezeigt worden, daß diese Anstellungen durch einen Mißbrauch wissenschaftlicher Forschungen Zustandekommen, daß sie ein Gemisch aus Haß, Unverstand und Beschränktheit sind!, daß bei ihrer Entstehung das Bedürfnis eine Rolle spielt, sich selbst einen Wert anzumaßen, den man einfach „hat", ohne ihn durch Verdienst erweisen zu brauchen. Was aber unter dem Geschäftspunkt der Ethik vor allem interessiert, sind die Argumente, die gegen die sittliche Forderung der Menschheitsidee angeführt werden. Die „Einheit der Menschheit" wird von den Anhängern der Rassentheorie als „unproduktiv" verdächtigt; man spricht von dem „Menschenbrei", der alle schöpferische Tätigkeit ersticke, man weist darauf hin, daß tatsächlich die Menschen verschieden sind. Diese Argumentation trifft völlig daneben: es ist niemals ernsthaft behauptet worden, daß alle Menschen tatsächlich gleich sind, sondern gerade umgekehrt: die Menschen sind verschieden an Körper- und Geisteskräften; nur soll diese faktische Ungleichheit nicht zu einer sittlichen Bewertung schlechthin werden: jeder Mensch, auch z. B. der Dumme und Unproduktive, hat Anspruch auf Achtung seines Seins. Die Rassentheorie will uns glauben machen, daß bei dem einen Volke nur „Edle", bei dem andern nur „Unedle" zu finden seien: es soll also ein Arier ein Meld sein, nur weil er Arier ist, selbst also wenn er gar keine Leistung aufzuweisen hat („Nordlieit gleich Heldentum" sagt Schickedanz); und der Jude, selbst mit genialen Leistungen, heißt unproduktiv; denn: „Judentum gleich Unproduktivität." müssen. Und kein Mensch erfährt etwas von ihrem stillen Gebaren, nur zuweilen wird einem, der dessen würdig ist, ein kurzer Blick in ihr Geheimnis gewährt. Aber gleich ist Satan dahinter, und so mancher hat schon dieses kurze Glück mit dem Leben bezahlt. Es war einmal ein reicher Mann, der hatte einen einzigen gar wohlgeratenen Sohn. Schon als er ein kleiner Knabe war, konnte man wissen, daß einmal aus ihm was Rechtes werden würde. Sein Vater sparte kein Geld und hielt ihm die besten Lehrer, und als der Knabe heranwuchs, konnte er sich mit den größten Gelehrten der Umgebung in der Kenntnis der Thora messen. Sein Ruf drang in die Ferne, und aus entlegenen Städten kamen Abgesandte und wollten ihn zum Rabbiner erwählen. Aber der Vater gab es nicht zu und sagte: Mein Sohn soll, solange es ihn behagt, ruhig unter meinem Dach bleiben und sich in der Lehre vervollkommnen: nachher verheiratete er ihn und räumte ihm ein besonderes Zimmer ein, in welches viele gelehrte und heilige Bücher geschafft wurden, so daß der junge Mann dort ganz ungestört nach Herzenslust lernen und forschen und Gott dienen konnte. Eines Tages fuhr er mit seiner jungen Frau nach einer fernen Stadt zu Verwandten auf eine Hochzeit, und als, sie heimkehrten, kamen sie in der Nacht an einem kleinen verfallenen Häuschen vorbei. In dem Häuschen brannte ein trübes Licht, dessen Schein durch das verhängte kleine Fensterchen kam. und heraus drang eine Stimme, die gar wundersam klang. Dort drinnen mußte einer lernen und beten. „Hörst du die Stimme?" frug der junge Mann die Frau. Aber sie antwortete: „Ich höre nichts!" Er frug den Fuhrmann, ob er die Stimme vernehme, aber auch er hört^ nichts. Das war dem jungen Mann ein großes Wunder und er erkundigte sich, wer in dem verfallenen Häuschen wohnte. „Ach, da wohnt ein armer Wasserträger", erklärte ihm der Fuhrmann, „der trägt den ganzen Tag Wasser in die Häuser der Stadtbewohner. Jetzt liegt er wohl auf einem Strohsack und schnarcht." Sie fuhren von dannen. aber dem jungen Mann war die Stimme so zu Herzen gedrungen, daß er sie nicht vergessen konnte. Daheim dachte er immer mehr daran und sagte sich, dahinter steckt etwas. Von nun an er-